12 Ticks von ganz "normalen" Menschen

Sie essen ausschließlich quadratisches Brot oder laufen am liebsten links neben jemandem: Ganz "normale" Menschen haben uns ihre Ticks und Spleens verraten.

Katja Kleinebrecht, 40, Grafikerin

Die Tütenputzerin Ich lasse fast immer einen Schluck Kaffee oder Tee in der Tasse. Keine Ahnung, warum. Und ich gehe nie, nie unter einer Leiter durch, weil ich glaube, dass das Unglück bringt. Außerdem habe ich früher immer alle Plastiktüten ausgewaschen und aufgehoben - bis ich gemerkt habe, dass der Tick von meiner Mutter stammt und völlig unsinnig ist.

Christina Jung, 31, Mediaberaterin

Die Sicherheitschefin Bevor ich ins Bett gehe, schließe ich die Schlafzimmertür ab und gucke noch mal hinter den Vorhang. Mein Freund nimmt das gelassen - er weiß ja, dass ich dann besser schlafe. Ist er unterwegs, mache ich vorher auch noch einen Rundgang durch die Wohnung, um sicher zu gehen, dass niemand da ist. Außerdem nehme ich beim Einkaufen nie das, was ganz vorn im Regal steht, sondern immer das zweite oder dritte Exemplar in der Reihe. Schließlich will ich nichts kaufen, was schon jemand anders angegrabbelt oder probehalber aufgemacht hat.

Antje Schünemann, 27, Junior Consultant im Trendbüro

Der Kussmund Ich küsse alle Briefe und Postkarten an meine Familie oder Freunde, bevor ich sie in den Briefkasten werfe. Einfach, um der Post noch etwas Persönliches mit auf den Weg zu geben.

Marianne Thielen, 39, Netzwerkadministratorin

Die Strukturierte Ich habe ein bestimmtes System beim Wäscheaufhängen: Socken kommen immer im Paar auf den Ständer, die Unterhosen mit der schmalen Seite nach oben, und alle mit Wäscheklammern - die müssen sein. Pullis und Shirts hänge ich über den dicken Rand, damit sie keinen Knick kriegen. Sechs Stück passen auf diese Weise auf einen Ständer - wenn mehr in der Wäsche sind, stelle ich einen zweiten auf.

Ina Weidmann, 37, Webredakteurin

Die Salzstreuerin Wenn ich aus Versehen Salz verschüttet habe, werfe ich links und rechts ein bisschen Salz über meine Schultern. Das Verschütten bringt sonst Unglück. Außerdem achte ich immer darauf, dass wir Salz im Haus haben, damit uns das Geld nicht ausgeht.

Alexandra Tapprogge, 30, Moderatorin

Die Schuhfetischistin Nie würde ich Schuhe auf den Tisch stellen, das bringt Unglück. Ich werde auch nervös, wenn andere das tun, selbst im Schuhladen, wenn die Schuhe zum Bezahlen auf dem Tresen stehen. Und an Silvester achte ich darauf, dass keine Wäsche auf der Leine hängt. Auch das bringt Unglück. Im Sauerland, wo ich herkomme, weiß das jeder. Letztes Jahr waren wir an Silvester in Bangkok bei Bekannten, da bin ich vor Mitternacht extra noch mal in den Hinterhof gegangen, um zu schauen, ob dort Wäsche hängt.

Katja Röhrig, 38, Eventmanagerin

Das Superhirn Ich merke mir alle möglichen Autokennzeichen - die von Freunden zum Beispiel, die der anderen Eltern im Kindergarten oder die von Leuten, die mir auf meinen täglichen Autofahrten sonst noch begegnen. Ich habe so was wie ein fotografisches Gedächtnis für Nummernschilder und weiß genau, zu wem welches gehört.

Jan Gritz, 44, Redakteur

Der Geometrische Ich kaufe ausschließlich viereckiges Schwarzbrot. Das mag ich schon seit meiner Kindheit am liebsten. Auf viereckiges Brot passen nämlich Käsescheiben genau drauf, es bleibt kein Rand ohne Belag.

Judith Heede, 23, Studentin

Die Rhythmische Wenn ich mit jemandem spazieren gehe oder einfach nur durch die Straßen laufe, dann immer im Gleichschritt. Ich mache auch genauso große Schritte wie die Person neben mir. Außerdem hasse ich es, links von jemandem zu gehen. Das ist schon seit Jahren so, keine Ahnung, warum.

Ulrike Pelz, 39, Stadtplanerin

Die Genießerin Wenn ich einen Apfel esse, beiße ich immer zuerst rund um die Mitte alles ab, danach oben und unten den Rest. Sonst schmeckt mir der Apfel nicht. Bei Schokokeksen dagegen knabbere ich erst den Rand ab, dann esse ich die gefüllte Mitte.

Nikola Haaks, 37, Journalistin

Die Reinliche Ich wasche mir immer die Füße, bevor ich ins Bett gehe. Oder ziehe Socken über. Das fühlt sich besser an.

Katrin Köhler, 28, Grafikerin

Die Tierfreundin Ich muss immer an meinen verstorbenen Opa denken, wenn ich einen Marienkäfer sehe. Wieso? Als mir so richtig klar wurde, dass mein Opa nicht mehr lebt, und ich traurig wurde, krabbelte ein Marienkäfer über mein Fenster. Da war ich sicher: Das ist mein Opa, der mich aufheitern will.

Interview: Warum sind wir so seltsam?

Dr. Bernhard Osen, Oberarzt und Zwangsspezialist an der Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt, kennt sich mit dem ganz normalen Wahnsinn bestens aus.

Viele Menschen haben komische Angewohnheiten, kleine Ticks. Was steckt dahinter? Ein starkes menschliches Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle, das durch solche Rituale bedient wird. Es gibt magische Rituale, die das Schicksal gnädig stimmen, uns vor Unglück bewahren sollen. Toi-toi-toi-Sagen etwa oder auf Holz klopfen. Diese Rituale sind kulturell verankert und akzeptiert. Daneben spielt die Persönlichkeit eine Rolle. Perfektionistische Menschen etwa achten auf Genauigkeit, wer ängstlich ist, neigt eher zum Kontrollieren. Stress kann solche Spleens verstärken.

Inwiefern? Unter Stress ist man unkonzentrierter, kann sich Sachen schlechter merken, wird unsicherer. Es kann zu kleinen Aussetzern in der Informationsverarbeitung kommen: Man weiß zwar, dass man die Tür abgeschlossen hat, aber das Gefühl will sich nicht einstellen. Als schaut man lieber noch mal nach.

Und wann werden diese Spleens bedenklich? Wenn man selbst oder jemand anderes darunter leidet, dass man eine unsinnige Angewohnheit partout nicht abstellen kann, der Alltag dadurch stark beeinträchtigt wird. Faustregel: Nehmen die unsinnigen Verhaltensweisen mehr als eine Stunde am Tag in Anspruch, sollte man professionellen Rat einholen. Unter einer wirklichen Zwangsstörung allerdings leiden nur zwei Prozent der Bevölkerung. Die Erkrankung entsteht häufig in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter, nach dem 40. Lebensjahr kaum noch.

Ein Artikel aus Heft 02/08 Foto: Fotolia.com Text: Tanja Reuschling
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