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Psychologie 4 Anzeichen, dass du narzisstische Züge an dir haben könntest

Psychologie: Eine narzisstische Frau
© OlegRi / Shutterstock
Narzissmus ist eine seltene Persönlichkeitsstörung, die nur wenige Menschen betrifft. Narzisstische Tendenzen können hingegen in vielen Personen schlummern – vielleicht auch in dir? 

Seit der Begriff Narzissmus seinen Weg aus den psychologischen Fachbüchern in unsere Medien und Alltagssprache gefunden hat, meinen viele Menschen, selbst schon einmal mit narzisstischen Personen zu tun gehabt zu haben. Der:die böse Ex, der:die tyrannische Chef:in, der:die unbequeme Nachbar:in. Endlich gibt es eine Erklärung dafür, dass wir zu gewissen Leuten beim besten Willen kein entspanntes, friedliches Verhältnis aufbauen können: Sie müssen Narzisst:innen sein.

Tatsächlich sind sie es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Narzissmus ist eine vergleichsweise seltene Persönlichkeitsstörung, die die meisten Betroffenen früher oder später dazu führt, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – denn ohne Therapie ist es für sie sehr schwer, Beziehungen zu pflegen und an unserem gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Es kann jedoch sein, dass der:die böse Ex, der:die tyrannische Chef:in oder der:die unbequeme Nachbar:in narzisstische Züge oder Tendenzen aufweist – ebenso wir selbst. Denn die Veranlagung zu Narzissmus tragen vermutlich fast alle Menschen in sich. Es verhält sich ähnlich wie mit vielen psychischen Störungen: Wir haben es mit einem Kontinuum zu tun, bei dem wir beziehungsweise Psycholog:innen ab einem gewissen Punkt von Narzissmus sprechen. Ohne diesen Punkt erreicht zu haben, können wir nichtsdestotrotz einige Merkmale dieser Störung in einer leichteren Ausprägung aufweisen. Entsprechend können wir zum Beispiel einzelne, leicht ausgeprägte Verhaltensweisen einer Essstörung an den Tag legen, ohne schwer essgestört zu sein und als solches diagnostiziert zu werden. Wann immer wir jedoch Tendenzen einer Störung an uns bemerken, selbst wenn diese (noch) nicht voll ausgeprägt ist, gilt das Gebot der Obacht und Vorsicht: Tendenzen können sich verstärken und zu Mustern verfestigen und uns nach und nach auf dem Kontinuum in eine Richtung schieben, in die wir nicht wollen. 

Die US-amerikanische Psychologin Jamie Cannon nennt in dem Online-Magazin "Psychology Today" vier Anzeichen, die auf einen Hang zum Narzissmus hindeuten können.

4 Anzeichen, dass du narzisstische Züge an dir haben könntest

1. Du benutzt andere Menschen für deine Zwecke

Dass wir einen Menschen oder eine Situation in unserem Interesse beeinflussen, ist weder ungewöhnlich noch krankhaft oder narzisstisch – bedenklich wird es laut der Psychologin allerdings, wenn es zur Routine wird und wir dabei keinerlei Reue empfinden oder das Bedürfnis, es wiedergutzumachen. Sobald wir uns dabei erwischen, dass wir Beziehungen danach bewerten, was sie uns nützen anstatt was sie uns bedeuten, besteht Anlass zu erhöhter Aufmerksamkeit. Personen, die uns nahestehen, ohne Skrupel auszunutzen, könnte ein Hinweis auf eine narzisstische Tendenz sein.

2. Deine Gefühle sind die einzigen, die zählen

Auf der einen Seite ist es wichtig und richtig, dass wir auf uns achtgeben und zusehen, dass wir in einer Beziehung nicht zu kurz kommen. Allerdings hält sich diese Selbstfürsorge in gesunden Verbindungen idealerweise die Waage mit der Fürsorge gegenüber der anderen Person. Stellen wir unser Wohlergehen über das unserer:s Freund:in, unserer:s Partner:in oder anderen uns nahestehenden Personen, interessiert uns nicht mehr, was sie fühlen, sobald es uns gut geht, oder erwarten wir, dass sie ihre Gefühle unserer Stimmungslage anpassen, deutet das möglicherweise auf einen narzisstischen Charakterzug hin.

3. Du misst mit zweierlei Maß in Bezug auf dich und andere

Im Idealfall verhalten wir uns in einer Beziehung so, wie wir es von der anderen Person erwarten beziehungsweise fordern. Wenn wir von ihr zum Beispiel verlangen, dass sie grundsätzlich pünktlich ist, wäre es unangemessen, wenn wir zu einer Verabredung aufschlügen, wann immer es uns passt. Handhaben wir das anders, das heißt, stellen wir Erwartungen an andere, die wir selbst nicht erfüllen, oder verzeihen wir uns selbst Dinge, die wir anderen unaufhörlich vorhalten, kann eine narzisstische Tendenz dahinter stecken. 

4. Was andere fühlen, geht dich nicht wirklich etwas an

Auch wenn wir manchmal vielleicht nicht direkt nachhaken, um der anderen Person Raum zu geben und um nicht neugierig zu erscheinen, haben wir üblicherweise ein Interesse daran, die Gefühle und Sichtweisen unserer Liebsten zu verstehen. Empathie ist für unser Miteinander unerlässlich und erzeugt eine Verbindung, die für unsere Beziehungen wesentlich ist. Erachten wir die Empfindungen und Befindlichkeiten unserer Mitmenschen jedoch als lästig, geht uns nicht nahe, was sie fühlen, und interessiert es uns nicht, offenbart das womöglich einen gewissen Hang zum Narzissmus, der uns früher oder später in die Isolation führen könnte.

Wir und die anderen

Die meisten Menschen neigen dazu, sich selbst mit einer Gruppe zu assoziieren, die sie als die Guten ansehen, und sich damit von anderen Gruppen abzugrenzen, die tendenziell die Bösen darstellen. Das hilft uns dabei, die Welt zu ordnen, schenkt uns Klarheit und Identifikation. Doch so einfach ist die Wirklichkeit nicht. Gut und böse sind unsere eigenen Erfindungen beziehungsweise Interpretationen. Übergänge sind fließend. Kategorien sind selten scharf voneinander getrennt, und wenn sie es sind, dann nur, weil wir irgendwo mehr oder weniger willkürlich eine Trennlinie gezogen haben, um die Dinge zu vereinfachen.

Ob Psychopath:innen, Narzisst:innen, Energievampire oder Fußballfans, mit all diesen Menschen verbindet uns mehr, als wir uns manchmal eingestehen. Es steht uns zwar frei, die Unterschiede zwischen uns in den Fokus zu stellen. Aber es kann sicher nicht schaden, dabei auch die Gemeinsamkeiten im Blick zu behalten. Immerhin wäre das nicht besonders narzisstisch.

Verwendete Quelle: psychologytoday.com

sus Brigitte

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