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Abschied nehmen Wenn die Mutter beschließt zu sterben

Abschied nehmen: Frau hält Hand eines Menschen am Sterbebett
© Photographee.eu / Shutterstock
Als Ariela Sarbacher von dem Entschluss ihrer Mutter erfuhr, sich das Leben zu nehmen, war sie geschockt. Und lernte sie dann aber noch einmal neu kennen.
Ariela Sarbacher

Meine Mutter bezeichnete sich selbst immer als sehr rational. Als Italienerin war sie durch die Heirat mit einem Schweizer hierhergekommen. Sie schätzte das vernunftbegleitete Denken und Handeln der Schweizer. Rational traf sie auch ihre Entscheidung, selbstbestimmt zu gehen.

Sterbebegleitung – Hingabe und Fürsorge

Die Sterbehilfe-Organisation Exit gibt es in der Schweiz seit 1982, meine Mutter war eines ihrer ersten Mitglieder. Unsere Ansichten darüber gingen so weit auseinander, dass wir das Thema über Jahre hinweg mieden. Und nun war es so weit.

Ich hielt an ihr fest. Klammerte mich an sie, weinte, diskutierte. Ich nahm ihr das Versprechen ab, die Sterbehilfe nur in Anspruch zu nehmen, sollte sie Schmerzen haben. Sie nahm mir das Versprechen ab, sie auf ihre Art gehen zu lassen, sollten die Schmerzen kommen. Doch eigentlich wusste ich, sie war nicht umzustimmen. Und sie wusste, dass ich es wusste. Und das machte mich schrecklich traurig, dieses gegenseitige Wissen, das sich nicht teilen ließ.

Sie unternahm energisch alle nötigen Schritte, als wenn sie eine Reise gebucht hätte. Sich begleiten zu lassen heißt, sich der Fürsorge von anderen hinzugeben. Das konnte meine Mutter nicht. Sie war stark. Täglich bekam sie Post. Briefe, in denen Freunde und Bekannte ihr bekundeten, was sie ihnen bedeutete. Sie las ihre Zeilen, und plötzlich sah ich, dass ihr Gesicht ganz nass war. Es sei nicht wegen ihr, sagte sie, sie weine wegen uns, es tue ihr leid, uns alle traurig zu sehen, sie habe alles gehabt in ihrem Leben, es sei erfüllt gewesen.

Die Möglichkeit des Suizids als Kontrolle

Unsere Geschichte rollte wie eine Welle noch einmal auf mich zu, von meiner Kindheit bis zum Sommer, die sie zu Ende schrieb. Sie schwemmte unser Verhältnis ans Ufer – Mutter, Tochter, Mutter, Tochter, Mutter –, ich griff nach ihr, doch sie entzog sich. Ich fühlte mich ausgesetzt. Fürchtete mich, dass sie mich so zurücklassen würde, während sie ihren Ausweg gefunden hatte.

Und doch: Indem sich meine Mutter von mir entfernte, gab sie mir Raum und Zeit, sie zu begreifen. Ich fragte mich zum ersten Mal, wer sie war, jenseits meiner Beziehung zu ihr. "Wir tragen unsere Eltern ja in uns, im Quadrat!", sagte mir einmal eine Freundin, deshalb sei es so schwer, sie zu sehen als die, die sie sind. Die Möglichkeit des Suizids hatte es für meine Mutter immer gegeben. Sie gab ihr Halt in ihrem außerordentlichen Dasein, die Gewissheit, die Kontrolle zu haben. In ihrer frühen Jugend war sie sehr krank gewesen und hatte nur wie durch ein Wunder überlebt. Das hatte sie geprägt. Sie wusste, was Schmerzen sind. Deshalb war sie der Organisation Exit beigetreten.

In den wenigen Wochen vor ihrem Tod war sie ganz bei sich. Das beeindruckte mich. Es gab Momente, da gelang es mir, sie mit neuen Augen zu sehen. Ich sah sie als die andere Frau, die sie war, mit ihrer eigenen Geschichte, die sich von Grund auf von meiner unterschied. Meine Aufgabe als Tochter war es nicht, sie von ihrer Geschichte zu erlösen, meine Aufgabe war es, sie aus ihrer Verantwortung als Mutter zu entlassen.

Du wirst in meinen Armen gehen

Ich fuhr jeden Tag zu ihr. Jeden Nachmittag schauten wir "Downton Abbey". Zwei Stunden Ablenkung und Zweisamkeit. Als Lady Sybil starb, war meine Mutter ergriffen. Mich tröstete diese Szene, ich dachte, überall wird gestorben. Als diese Episode zu Ende war, versprach sie mir, nicht zu gehen, bevor wir nicht alle Folgen gesehen hätten. Wir sahen Frauen und Männern in bildschönen Kostümen beim Leben zu, alles nach Drehbuch. Auf einmal wünschte ich mir, wieder zu spielen. Früher war ich Schauspielerin gewesen. Ich saß bei ihr und dachte an eine Zeit danach …

Ganz am Ende fragte sie mich noch mal, ob ich mir das wirklich zumuten wolle. "Du wirst in meinen Armen gehen", sagte ich. Sie hat gelegen, und wir haben uns gegenseitig an den Händen gehalten. "Es tut mir leid, dass du wegen mir eine solche Erfahrung machen musst", hat sie noch gesagt.

Ariela Sarbacher ist Schriftstellerin, Schauspielerin und Präsenztrainerin (einfluss.ch). Ihr Roman "Der Sommer im Garten meiner Mutter" (Bilger) ist autobiografisch geprägt. Aktuell: "Der gebremste, der bewegte Frühling, und jetzt ist es Sommer" (Telegramme).

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