Älter werden: Das Beste liegt noch vor uns

Ab Mitte 40 sind die schönsten Jahre vorbei. Sagt man. Hallo?! Unsere Autorin Verena Carl prüfte gängige Vorurteile über Frauen mittleren Alters auf ihren Wahrheitsgehalt. Ihr Fazit: Das Beste liegt noch vor uns.

Zweimal in meinem Leben bin ich der Zukunft begegnet. Beim ersten Mal trug sie eine graublonde Dauerwelle, nippte an Sekt mit Orange und hatte eine überschaubare Anzahl von Gesprächsthemen: ihr neues Bügelzimmer (die jüngste Tochter war ausgezogen) und mögliche Halbtagsjobs (Empfang in der Arztpraxis oder Aushilfe in der Leihbücherei, das war die Frage). Ich war damals 20, und der Small Talk am Rand einer Silberhochzeit brannte sich mir als Warnung ins Hirn: noch zehn, fünfzehn gute Jahre, dann beginnt der Rest des Lebens – und der würde genauso erwartbar und fade verlaufen wie dieses Gespräch.

Das zweite Mal traf ich die Zukunft vergangenen Sommer, einen Monat vor meinem 50. Geburtstag. Sie ­setzte sich in einem Straßencafé auf einen Platz mir gegenüber und bestellte ­einen Riesling, nachmittags um drei. Eine Frau, Anfang 60 vielleicht, mit Stil und Zeit, die sich gern etwas gönnte und sich nicht darum scherte, was andere von ihr dachten. Ich prostete ihr mit meiner Rhabarberschorle zu, sie prostete zurück und schwieg. Ich dachte: Wenn ich groß bin, will ich auch so werden wie du.

Je mehr Jahre ich selbst hinter mir herschleppe, desto klarer sehe ich nämlich: Älterwerden hat eine ­Menge Vorteile – mehr Gelassenheit, mehr innere Unabhängigkeit, mehr Zeit und den Luxus, nicht mehr ständig Lebensentscheidungen treffen zu müssen. Warum also klingen viele Ratgebertexte, Blogbeiträge und "Spielfilm der Woche"-Dialoge über Frauen in den mittleren Jahren wie eine Mängelliste beim TÜV? Zeit, die alten Vorurteile auszumisten.

"Ab 40 werden Frauen eher vom Blitz getroffen als von der Liebe."

Das mag gestimmt haben, als noch Bart- und Bauchträger in der Sonntagszeitung nach einer "zierlichen Sie, max. 35" suchten. Im Zeitalter von Dating-Apps und alternativen Beziehungsmodellen heißt das für Fortgeschrittene vor allem eins: mehr Leichtigkeit. Jetzt werden für viele die Karten neu gemischt – Frauen sind bei einer Scheidung im Durchschnitt 43 Jahre alt, aber das ist nicht nur ein trauriges Ende, sondern oft auch ein hoffnungsvoller Auftakt. Denn wir Ü-Vierzigerinnen sind in der Liebe vor allem eines: selbstbewusst und unabhängig. Der aktuellen Studie einer Online-Partnervermittlungsagentur zufolge haben es Single-Männer viel eiliger, wieder eine Frau in ihrem Leben zu haben, als umgekehrt. Denn wir können es uns leisten, wählerisch zu sein. Nicht nur, weil wir emotional gut vernetzt und finanziell unabhängig sind, sondern weil beim Dating in der Lebensmitte anderes zählt. Meine Freundin Natascha, 48, Mutter zweier Teenager, formuliert es so: "Anders als mit 30 suche ich nicht mehr den Mann fürs Leben und auch nicht mehr den Vater meiner Kinder. Das ist abgehakt. Ohne dieses schwere Gepäck trete ich Männern unbefangener gegenüber." Das heißt: Dating ohne Drama, dank Tinder & Co so einfach und bequem wie nie. Außerdem erlischt bei den Älteren die Lust auf Lust deutlich später als in früheren Generationen, so eine Erhebung der Uni Leipzig. Und jene 60 Prozent, die mit ihrer Langzeitliebe glücklich bleiben? Auch für sie stehen die Zeichen in den mittleren Jahren oft auf Neuorientierung: Neigt sich der Stresstest aus parallelem Existenz­aufbau, Familienphase und Karriere-­Konsolidierung dem Ende, haben Langzeitpaare jetzt die Chance, alte Gemeinsamkeiten wiederzubeleben, neue zu sondieren und sich anders wiederzufinden.

"Jobsuche in dem Alter? Die will doch keiner mehr!"

"Der Jugendwahn auf dem Arbeitsmarkt ist im Großen und Ganzen vorbei." Diese hoffnungsfrohe Einschätzung gibt Sabine Hildebrandt-Woeckel, 59, Arbeitsmarktexpertin aus München. Seit vielen Jahren veranstaltet sie deutschlandweit "Job 40plus", eine Kontaktbörse für ältere Fach- und Führungskräfte, und hat festgestellt: Hier trifft eine Generation von Frauen mit hoher Qualifikation und deutlich kürzeren Familienpausen auf Arbeitgeber, die unter dem demografischen Wandel stöhnen. Das erhöht ihre Chancen deutlich, sich auch später im Berufsleben noch zu verändern, zu verbessern oder umzuorientieren. Eine aktuelle Erhebung der Bertelsmann-Stiftung zeigt ebenfalls: Frauen holen in allen Bereichen auf, sind ­besser ausgebildet, arbeiten mehr und für höhere Gehälter als vor einigen Jahrzehnten. Allerdings steht da auch: Sie sind noch immer häufiger überqualifiziert und unterbezahlt als ihre männlichen Kollegen. Doch es gibt Hoffnung: Laut einem Bericht der Allbright-Stiftung sitzen in deutschen Vorstands­etagen zwar noch immer viel zu wenig Frauen, aber seit 2019 erstmals mehr Frauen als Männer mit dem Namen Thomas oder Michael. Immerhin ein Anfang.

"Falten, Kilos, Besenreißer: ab jetzt wird der Körper zur Dauerbaustelle."

"Meine beigeste Lebensphase hatte ich mit 35", sagt Su­sanne Ackstaller. "Da saß ich im Schlabberlook mit meinen Kindern auf dem Spielplatz und habe mich weder attraktiv gekleidet noch gefühlt." Heute ist sie 54, trägt bei Kleidergröße 48 gern rote Jeans zum Ringelshirt oder Tüllrock mit Top und betreibt den erfolgreichen Modeblog Texterella. Eine Ermunterung an Frauen mit mehr Jahren und Kilos auf Uhr und Hüfte: Traut euch, schön zu sein, und habt Spaß daran, euren Körper in Szene zu setzen!

"Wir sollten uns von der Frage verabschieden, ob ein Kleidungsstück 'vorteilhaft' ist. Sondern lieber fragen: Fühle ich mich wohl? Passt das zu mir und meiner Stimmung?" Frauen wie Susanne sind Role-Models für eine Zeit, in der Beauty-Produkte "Pro-Age" statt "Anti-Age" heißen und in der "Body-Positivity" auf Instagram trendet. Die beste Zeit also, mit unseren Vintage-Körpern in Harmonie zu leben und uns zu freuen, wenn ernstere Gesundheitsprobleme noch weit entfernt sind – denn das liegt ja nur zum Teil in unserer Hand.

Die Sozialforscherin Verena Muntschick vom Zukunftsinstitut glaubt, dass unser Blick aufs Älterwerden sich fundamental ändern wird, je mehr sich das Durchschnittsalter der Bevölkerung nach oben verschiebt: statt dass die innere Mängelliste immer länger wird, werden wir uns künftig daran messen, wie "gesundzufrieden" wir sind. Und unseren Körper schon dafür respektieren, dass er unseren Kopf und damit unsere Gedanken und Gefühle durchs Leben steuert. Inneres Gleichgewicht statt Gewichtskämpfe. So können wir vieles hinter uns lassen, was uns früher den Tag versaut hat. Und kaufen nie wieder zu knappe Hosen in der Hoffnung, in drei Monaten endlich hineinzupassen.

 "Wie öde: Jedes Jahr Silvesterfondue mit denselben Leuten."

Ja. Schlimm? Hat doch auch was für sich, wenn wir unser Leben schon lange mit Menschen teilen, die uns noch aus Zeiten von Examens­panik, Rave-Wochenenden oder Pekip-Gruppen kennen. Das Schöne am Ältersein: Wege, die irgendwann auseinandergingen, finden manchmal wieder zusammen. Das gilt vor allem für Freundinnen, die in Sachen Partnerschaft und Kinder woanders abgebogen sind. Da können einem über einige Jahre schon mal die gemein­samen Themen ausgehen. Aber die kommen wieder, wenn Kitaplatz und Screentime für Zwölfjährige nicht mehr jedes Treffen dominieren. Oft werden zudem eigene Brüder oder Schwestern zu neuen Verbündeten – auch wenn es darum geht, für die alt werdenden Eltern da zu sein. Corinna Onnen, Soziologieprofessorin an der Uni Vechta und Geschwisterforscherin, erklärt: "Geschwister­beziehungen sind unkündbar – und wenn die Jahre des beruflichen Aufbaus und der Familiengründung vorbei sind, rücken sie für die meisten wieder in den Vordergrund. Im besten Fall hören Brüder und Schwestern mit zunehmender Lebenserfahrung auf, sich gegenseitig an ihren Schrulligkeiten abzuarbeiten."

"Frauen in dem Alter kriegen die Krise und werden zu Eso-Elsen."

Auch wenn es keine offizielle Diagnose ist: Mit ein bisschen Midlife-Crisis kämpft fast jede von uns. Und das hat auch seinen Sinn. "In der Lebensmitte gibt es eine Sehnsucht nach neuer Erkenntnis, neuen Horizonten, neuem Raum für sich.", sagt Helen Heinemann, die in Hamburg das Institut für Burnout-Prävention betreibt. Eine gesunde Immunreaktion unseres Geistes, wenn uns stärker bewusst wird, dass unsere Zeit nicht endlos ist. Und die uns dazu bringt, uns lebendig zu fühlen – vielleicht mehr als in unseren Dreißigern, wenn wir mit Tunnelblick durchs Leben hetzen.

Was uns neue Impulse gibt, ist sehr unterschiedlich. Der Yogakurs, die Jakobsweg-Tour, der Lesezirkel – oder etwas Extravagantes wie bei Tanja Köhler, 51. Die hatte auf einer Schottlandreise plötzlich die Vision: Ich möchte Dudelsack spielen lernen. Das hat sie dann auch getan. "Dieses Instrument ist für mich ein Symbol für die Freiheit, tun zu dürfen, was ich möchte, ohne nach dem praktischen Nutzen zu fragen", erzählt die Psychologin und Speakerin. Wichtigste Erkenntnis: "Keiner muss sein ganzes Leben umkrempeln, um sich intensiver zu spüren. Manchmal reicht auch eine kleine Veränderung wie ein neues, aufregendes Hobby." Und noch etwas hat sie gelernt: "Zu sehr Vollgas zu geben ist oft gar nicht so gesund, das merke ich auch beim Dudelsackspielen: Wenn ich mit aller Kraft hineinblase, bin ich nach fünf Minuten völlig geschafft, wenn ich behutsam herangehe, habe ich den längeren Atem."

"Freizeit, Nachtleben? Besteht nur noch aus Netflix."

Okay: Die Clubs unserer Jugend kommen heute auch ohne uns aus. Aber deshalb müssen wir noch lange nicht strickend zu Hause sitzen, es sei denn, wir wollen es so. Beispiel Film: Keine Altersgruppe wächst so stark wie die der über 50-jährigen Kinobesucher, und Hollywood & Co locken zunehmend mehr mit Stoffen für Erwachsene und weniger mit zuckersüßen Boy-meets-Girl-Romanzen.

Beispiel Sport: Sowohl unter den 40- bis 50-Jährigen als auch bei den 50- bis 60-Jährigen gehen je über drei Millionen regelmäßig ins Fitnessstudio. Oder Reisen: Laut der aktuellen Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen wächst die Lust am Unterwegssein vor allem in der Gruppe 55plus. Und sogar das Nachtleben wird grauer. "Fürs Ausgehen ist man nie zu alt", sagen laut einer aktuellen Umfrage 70 Prozent der Deutschen. In Hamburg gibt’s seit ein paar Jahren sogar eine coole Variante der Ü60- Tanzpartys: "Faltenrock." Leider bin ich dafür bisher nicht alt genug. Aber das kommt noch. Bestimmt.

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BRIGITTE WOMAN 06/2020

Wer hier schreibt:

Verena Carl
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