Älterwerden: Warum es schön ist – und kein Abstieg

Warum hadern wir so damit, dass wir grau und faltig werden? Weil die Gesellschaft keine positiven Bilder und Begriffe für das Älterwerden von Frauen hat, sagt die Schriftstellerin Ulrike Draesner. Ein Gespräch mit einer Suchenden.

BRIGITTE WOMAN: Kürzlich saß ich mit Frauen meines Alters zusammen und sagte spontan: Ich finde Älterwerden ganz schön hart, es ist doch doof, nicht mehr jung und umwerfend zu sein! Die Frauen waren entsetzt, jedenfalls schauten sie alle so.

ULRIKE DRAESNER: Weil da so viel Selbstablehnung mitschwingt oder weil jemand es einfach mal offen ausspricht?

Ich tippe auf Letzteres. Und frage mich: Warum ist Klagen nicht erlaubt?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein fitter, junger Körper zum Ideal geworden ist. Das macht uns strenger der eigenen Hinfälligkeit gegenüber. Von der ja alle betroffen sind, Männer wie Frauen. Aber bei den Frauen kommen zusätzlich die Wechseljahre ins Spiel. Sie sind Teil des natürlichen Alterungsprozesses und haben eine Funktion. Doch die Perfektionsmentalität überträgt sich: Älterwerden soll nicht sein, es ist ein Fehler, der versteckt werden muss.

Sie haben zu dem Thema gerade ein Buch veröffentlicht. In "Eine Frau wird älter. Ein Aufbruch" benennen Sie die Veränderungen sehr präzise. Die Hitzewallungen. Die Unsicherheit. Das Unsichtbarwerden. Was davon ist für Sie persönlich die größte Zumutung?

Die sozialen Aspekte. Ich bin auf einer Party und fühle mich wie ein Möbelstück. Kein einziges Wesen, sei es männlich oder weiblich, flirtet mit mir. Man spricht zwar mit mir, man bittet mich um Hilfe - "weißt du, wo der Flaschenöffner ist?" -, doch fünf Minuten nachdem ich gegangen bin, erkennt mich der Typ, der den Flaschenöffner suchte, im Aufzug nicht mehr. Das ärgert mich. Aber noch mehr ärgert mich, dass dann ich mich infrage stelle und denke, es sei meine Schuld.

Seltsam, dass man das als eine einsame und ja auch beschämende Erfahrung erlebt, obwohl es kaum einer Frau erspart bleibt.

Es herrscht bei dem ganzen Thema eine große Sprachlosigkeit, es fehlt der Diskurs. Meine Mutter etwa sagt immer nur: "Das schlimmste Jahrzehnt."

Meine Mutter sagt, sie hätte kaum etwas davon bemerkt.

Unsere Mütter wissen nicht, wie sie uns davon erzählen sollen. Als sie in den Wechseljahren waren, gab es erst recht kein Gespräch darüber, und wenn das Gespräch fehlt, wird auch die Körperwahrnehmung unscharf. Man erinnert sich später nicht gut, bekommt das Phänomen nicht zu greifen. Und irgendwann sinkt es weg, weil es nie versprachlicht wurde.

Da hat sich aber doch inzwischen viel getan.

Wir tauschen Tipps mit Freundinnen aus: Geh auf den Hometrainer, das hilft gegen Hitzewallungen. Wir sprechen mit der Frauenärztin: Hab ich schon Alzheimer, oder ist es nur der Hormonwechsel? Mir geht es vor allem um die innerlichen Vorgänge. Irgendwann beim Nachdenken über die Wechseljahre erinnerte ich mich an den althergebrachten Begriff des "Kundigseins". Kundig sein darüber, was es heißt, sich zu verwandeln. Ein Abschied - und ein Neubeginn. Es geht darum, Handlungsmacht zurückzugewinnen. Dies geschieht auch dadurch, dass wir uns von Trauer und Ängsten erzählen.

Was würde das ändern?

Es würde Mut machen, die eigenen Gefühle zuzulassen. Alle. Wir könnten gemeinsam lachen und erfinderisch werden: Was lassen wir uns nicht nehmen? Vor allem aber: Wie sehen wir uns selbst? Da erscheinen Falten, die Haare werden grau. Überraschung: Es steht mir! Den eigenen Blick über den fremden zu setzen würde langfristig auch den sozialen Druck verändern. Es ist doch verrückt, wir erleben gerade 100 Jahre Frauenwahlrecht, es gibt den Postfeminismus und #MeToo, aber es gibt immer noch keine Gesprächskultur zu einem Thema, das die Hälfte der menschlichen Bevölkerung betrifft.

Sie nehmen im Buch Alterskonzepte und Sprachbilder ins Visier, die wir alle verinnerlicht haben, die aus Ihrer Sichtaber gar nicht unumstößlich sind.

Mir war klar: Ich werde nicht über die Wechseljahre sprechen, als seien sie ein isoliertes weibliches Phänomen oder gar Problem. Wenn ich mich damit befasse, wie wir mit dieser wesentlichen Lebenszeit umgehen, muss ich über die gesellschaftlichen Bilder vom Alter nachdenken. Welche Konzepte schwirren da rum? In unserer westlichen Kultur wird das Leben gern als eine Art Bergfahrt betrachtet. Wir klettern hoch, erreichen den Gipfel, es folgt der lange Abstieg. Bei der Frau beginnt die Talfahrt spätestens mit der Menopause. Wenn einem das dauernd vorgesagt wird, fühlt es sich irgendwann tatsächlich so an.

Da ist wieder der Moment der Scham drin.

Bei Aufstieg/Abstieg haben wir es nicht mit einer Naturtatsache zu tun, sondern mit einem Bild. Lasst uns über andere Bilder nachdenken! Ich schlage in dem Buch vor, sich ein Blatt Papier zu nehmen und den eigenen Lebensweg mit allen Kurven und Abzweigungen aufzumalen. Es ist erhellend: Plötzlich liegen die überraschendsten Dinge nebeneinander. Man entdeckt, wo man wieder anknüpfen kann - und will. Ich bin gerade Professorin in Leipzig geworden. Das berührt sich mit meinem dritten Lebensjahrzehnt, als ich an der Uni Assistentin war. Ohne Berg dazwischen.

Beim Lesen über Ihr Leben begegnet man einigen Mitgliedern Ihrer Familie. Ihrer Tochter, Ihrer Mutter, aber da laufen auch Großmütter und Onkel und Tanten durchs Bild.

Mir ist bei dem Blick auf meine Familie klar geworden, wie sehr man in dieser Wechseljahreszeit in der Mitte steht. Man blickt in zwei Richtungen, umsorgt die jüngere und die ältere Generation. Und man spürt sie noch, die Kraft, die man hat. Zugleich wird deutlich: Da kommst du her, dorthin gehst du. Jetzt ist die Zeit, um dir darüber klar zu werden, wie du die nächsten Jahre und Jahrzehnte leben willst. Wo und mit wem? Aber auch: Was für eine Art von Weiblichkeit steht dir offen? Oder welche erfindest du dir?

Ein gutes Vorbild ist Ihre zauberhafte Tante Ille.

Ille, das Wunder von Schwabing. Einmal in der Woche fuhr sie allein zum Angeln an einen See. Niemand wusste, was sie dort trieb, die Fische, die sie mitbrachte, waren jedenfalls gekauft. Ille war zeit ihres Lebens eine schöne Frau, und die ganze Familie hat sich immer amüsiert darüber, wenn sie mit über 80 mal wieder mit einem jungen Mann kam, der sie am Arm führte und ihr die Einkaufstüten nach Hause trug. Alle fragten sich: Wie macht die das? Sie pflegte sich und hatte Charme. Vor allem aber hatte sie ein positives Selbstverhältnis. Sie hat für sich gesorgt. Im Bayerischen gibt es diesen Ausdruck: Wie bist du heute beisammen? Ich finde diese Metapher wirklich lebensweise: Wie bin ich mit mir beisammen?

Mir gefällt auch sehr, dass Sie den Wechseljahren gegenüber "Schüchternheit" und "Unsicherheit" empfinden, aber eben nicht Panik.

Das ist mir ganz wichtig. Weil darin auch ein Moment Achtung steckt. Achtung vor mir selbst: Das geschieht jetzt mit mir. Ja, und ab und an wäre ich auch lieber 20. Wenn ich in der U-Bahn in die Fensterscheibe gucke und erschrecke und denke: Ich bin ja die Älteste im Waggon! Der Schrecken verdeckt aber die andere Hälfte der Geschichte:"Ich sitze hier. Es geht mir gut. Ich darf alt werden. Zu diesem "Erleben-Dürfen" gehört die Veränderung. Auch wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Es ist beunruhigend. Aber es ist mein Leben. Es ist mein Körper.

Der sich plötzlich optisch einfügt in eine Ahnenreihe ...

Das hat mich sehr berührt, als ich es erstmals bemerkte: Das Gesicht meiner Mutter taucht manchmal wie ein Schemen in meinem älteren Gesicht auf. Ich sah ihr nie ähnlich, aber inzwischen spiegelt sich zunehmend etwas von meiner mütterlichen Familienseite in meinen Zügen. Zu meiner großen Überraschung hat das etwas Tröstliches: Ich fühle mich aufgehoben, verbunden mit einer langen Kette von Frauen vor mir. Ich bin nicht allein, sie waren schon vor mir in diesem Wandel. Sie zu fühlen gibt mir Kraft. Und es macht mich neugierig.

Auf was genau?

Womöglich liegt noch ein Drittel meines Lebens vor mir. Ich möchte sehen, wer ich noch werde. Alt zu werden ist ein sehr spezifisches Geschenk: Es bedeutet die Möglichkeit, als Mensch in seiner ganzen Gestalt zu erscheinen. Dazu gehört, dass wir uns jeden Tag verändern, innerlich und äußerlich. Die sogenannten Wechseljahre sind ein Teil davon. Eine Weiterentwicklung.

Welche positiven Veränderungen hält denn das sechste Jahrzehnt aus Ihrer Sicht noch für uns bereit?

Ich finde es nach 40 Jahren in der Hormonschaukel Menstruation schön, nicht mehr zu bluten. Ich darf wieder in anderen Zeitzyklen leben. Nicht alle 14 Tage umschalten. Weniger Schwankung, mehr Entspannung.

Was noch?

Meine körperliche Empfindsamkeit hat zugenommen. Nicht, dass die erogenen Zonen an Bedeutung verlören. Aber es gibt mehr angenehme Gefühle - die sich besser über den gesamten Körper verteilen.

Sie geben mit Ihrem neuen Buch viel von sich preis. Hatten Sie beim Schreiben manchmal Angst vor Ihrer eigenen Courage?

Ich hätte das Buch nicht schreiben können ohne meine literarischen Werke und die zahlreichen damit verbundenen Lesungen und Gespräche. Sie haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, Worte zu finden, gerade auch dort, wo der weibliche Körper eine Rolle spielt. Nach meiner ersten Fehlgeburt schrieb ich einen Gedichtzyklus. In der Folge kam es zu sehr berührenden Begegnungen mit Frauen, die weinten und mir erzählten, zum ersten Mal überhaupt ihre eigenen Erfahrungen gespiegelt zu sehen und darüber sprechen zu können.

Auch in Ihren Romanen geht es um gesellschaftliche Fragen ...

... und oft um Tabus. Als Schriftstellerin gehe ich mit Worten um und kann versuchen, Sprache für Gefühle und Lebensfragen zu finden, die unter den Teppich gekehrt werden. Das hilft gegen Einsamkeit und Leidensdruck. Ich finde es bedrückend, dass in unserer Gesellschaft kein positives Wort für die ältere Frau existiert. Für ältere Männer schon, "der Weise", "elderly statesman" et cetera. Und Frauen? Mir hat da immer die Königin von Saba gefallen: klug, witzig, selbstsicher.

Im Buch erzählen Sie von einer Klassenfahrt, auf der Sie mit Freundinnen heimlich Ihren zwölften Geburtstag feierten und den jungen Lehrer, der die kleine Party beenden wollte, kraft Ihrer "weiblichen Macht" zum Mitfeiern überreden konnten. Eine herrliche Macht ist das, über die Frauen jahrzehntelang verfügen. Und dann plötzlich: Schnitt! Und weg.

Genau das glaube ich nicht! Damit müssen wir uns nicht abfinden, siehe Tante Ille. Wir haben einiges selbst in der Hand. Das fängt beim Selbstbild an. Da können wir Frauen uns auch gegenseitig mehr stützen, uns gegenseitig öfter Rückmeldung geben. Wie sieht Attraktivität denn wirklich aus? Die ist ja nicht einfach bloß "Körper". Und sie verschwindet nur, wenn man selbst glaubt, nicht mehr attraktiv zu sein.

Meinen Sie, die Männer merken das: wie attraktiv wir sind?

Da müssen wir wahrscheinlich kollektiv dran arbeiten. Die Asymmetrien sind heftig. Beim Onlinedating meldeten sich bei mir Männer mit Kugelbauch, 15 bis 20 Jahre älter als ich. Wie ungerecht: Es gibt so viele Beziehungen zwischen älterem Mann und jüngerer Frau. Zu beider Vorteil. Und es könnte ebenso viele Beziehungen zu beider Vorteil zwischen älterer Frau und jüngerem Mann geben. Gibt es aber natürlich nicht. Und die gleichaltrigen Männer in meiner Alterskategorie, die sind alle weg, da herrscht die große Leere.

Stimmt. "Warum soll ich eine Alte nehmen, wenn ich eine Junge haben kann" - so in etwa sehen das doch viele Männer um die 50.

Der Mann, der "was zu bieten hat", "kriegt" eine junge Frau. Allein die Sprechweise ist enthüllend. Ich mochte diese Marktverhältnisse schon als junge Frau nicht. Ältere Männer waren nie meins.

Sie sind eine der wenigen Frauen, die offen darüber spricht, dass sie jüngere Männer anziehend findet.

Ich weiß. Aber so ist es nun mal. Beim Nachdenken über das Buch wurde mir klar: Jeder hat Prägungen. Die wird man nicht los. Das muss man auch nicht. Zahlreiche Männer ziehen junge Frauen vor. Warum sollte das umgekehrt nicht auch so sein dürfen?

Vermutlich geht es vielen Frauen so.

Man muss mutig sein, sich das einzugestehen - und es dann noch umzusetzen. Das ist für mich auch der Punkt, wo ich am deutlichsten ein gesellschaftliches Vakuum spüre. Ein jüngerer Mann, den ich anspreche, findet mich vielleicht komisch. Oder er kriegt es gar nicht mit. Und wie reagieren die anderen Leute? Ich setze mich dem Risiko aus, mich zum Gespött zu machen. Das muss man abwägen.

"Seid fantastisch" - das ist Ihr Motto, das Sie zwei Kolleginnen zurufen, als sie sich nach einer Zugfahrt voneinander verabschieden. Brauchen wir gerade jetzt frische Ideen für ein gutes Leben?

Ja. Traut euch zu, dass ihr fantastisch seid - ganz egal, ob mit oder ohne Falten. Ihr seid es. Lasst eure Fantasie spielen und wachst über euch hinaus!

Wann fühlen sie sich fantastisch? Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrer eigenen Entwicklung, mit dem Älterwerden gemacht? Und welche Reaktionen Ihres Umfelds darauf nehmen Sie wahr? Erzählen Sie uns davon. Wir freuen uns auf Ihre Mails: mail@brigitte-woman.de

Ulrike Dreasner

wurde 1962 in München geboren und lebt heute mit ihrer Tochter in Berlin. In den vergangenen 20 Jahren veröffentlichte sie zahlreiche Romane und Gedichtbände. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet. Seit vergangenem Jahr ist sie neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit Professorin am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Ihr neues Buch "Eine Frau wird älter. Ein Aufbruch" (208 S., 20 Euro, Penguin) entstand aus dem mündlichen Erzählprojekt "Happy Ageing", das als Hör-CD im Supposé-Verlag erschienen ist.

BRIGITTE WOMAN 02/2019

Wer hier schreibt:

Christine Hohwieler
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