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Allein, aber glücklich - entdecke dich selbst

Alleine, aber glücklich - entdecke dich selbst: Frau trinkt Kaffee und liest Zeitung
© Dejan Dundjerski / Shutterstock
Ob nach einer Trennung, dem Verlust des Partners oder einer kleinen Flaute im sozialen Umfeld: Alleinsein ist viel besser als sein Ruf, weiß WOMAN-Autorin Natali Michaely aus eigener Erfahrung – und wir können es lernen. Wenn wir den Mut haben, einen Menschen zu entdecken, der einem meist ganz schön fremd ist: sich selbst.

Der Tag, an dem mein Partner nach zehn Jahren Beziehung auszog, war ein Mittwoch. Ich sackte auf einen Küchenstuhl und war erstaunt über das lang gezogene "Puuhh", das aus mir herausströmte wie die Luft aus einem Ballon. So fühlte sich das also an: allein sein.

Ich war allein

Eine erste Gefühlsbestandsaufnahme ergab: Eine große Erleichterung war da. Klar, wir hatten eine anstrengende Beziehung geführt, mit permanenten Kommunikationsfehlpässen und viel Ringen um Kompromisse, die keinen von uns glücklich gemacht hatten. Endlich konnte ich wieder durchatmen ohne diesen Sack Probleme, der die Lebensfreude erdrückte. Doch da war auch ein anderes Gefühl, noch etwas wackelig auf den Beinen, aber bereits in Lauerstellung, um zu wahrer Größe aufzulaufen: Angst. Ich war allein. "Allein, allein." Gab es da nicht mal einen Hit mit diesem Refrain? Überhaupt werden viele Lieder über das Alleinsein gesungen, leider sind die wenigsten davon sehr aufbauend. Meist geht es ums Verlassenwerden und um unerfüllte Wünsche. Alle anderen sind glücklich, nur man selbst ist von dieser all umfassenden Rosa-Zuckerwatte-Verbundenheit ausgeschlossen. So wie ich in meiner Küche, in der das Anspringen des Boilers das einzige Geräusch war, das die abendliche Stille durchbrach. Nicht mal der nervige Nachbarshund fiepte. War ich der letzte Mensch auf der Welt? Es fühlte sich so an.

Ich schenkte mir Wein ein und hatte bereits Angst vor dem zweiten und dritten Glas. Dies hier war keine Feierabendentspannung, dies hier war anders. Ich trank, um das diffuse Verlorenheitsgefühl nicht mehr zu spüren, das sich in mir ausbreitete. Vor meinem inneren Auge sah ich mich schon zu einer dieser verhuschten Alten werden, die morgens um vier im Bademantel zum Kiosk schlurfen, um den Kummer in einer Flasche "Smirnoff" zu ertränken. Mein Blick fiel auf den Küchenblock, der vor mir lag. "Harzer Roller", stand da auf einer alten Einkaufsliste. Impulsiv strich ich das Wort durch und krakelte noch dreimal drüber. Völlig überraschend meldete sich eine kleine Euphorie. Nie wieder dieser elendige Stinkekäse, den mein Freund mit Zwiebeln einzulegen pflegte und der dann tagelang die Küche verpestete, wenn man die Kühlschranktür öffnete! Ich zerknüllte den Zettel und begann zu schreiben.

Dinge, die gut am Alleinsein sind

Punkt eins war leicht. Man muss keine Dinge kaufen, die man nicht mag. "Ich muss nicht mehr kochen, wenn ich keine Lust habe", schrieb ich. "Ich muss samstags nicht einkaufen gehen, es gibt schließlich Tankstellen." Weiter. "Nie wieder Ratgeber wie ,Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation‘ lesen. Stattdessen Krimis oder die ,Gala‘, und das ohne blöde Kommentare." Weiter. "Nie mehr Free Jazz zum Frühstück." "Kein Kampf, wer zuerst ins Bad darf." "Keine schwarze Männersocke mehr in der weißen Wäsche." "Die Bad-Konsole ganz allein für mich." "Nie mehr bei Minusgraden mit offenem Fenster schlafen." "Unter der Dunstabzugshaube rauchen, wenn mir danach ist." "Keine Börsenkurse mehr über den TV-Bildschirm tickern sehen." Ich trank den letzten Schluck Wein und war zufrieden mit mir. Das waren elf schöne Punkte für mein neues Leben. Ich war quasi darüber hinweg, oder? Ich ging ins Bett und schlief fast sofort ein.

Wohin fahrt ihr denn in den Urlaub?

Sicher hatte die Kollegin es nicht böse gemeint, aber ihre Frage fühlte sich an wie eine Ohrfeige. Es gab kein "ihr" mehr, es gab nur ein "ich". Und konnte dieses Ich wirklich allein in den Urlaub fahren? Wohin fährt man als Ich? Ich wollte in keinen Single-Club, ich wollte auf keinen Fall jetzt schon jemand Neues kennenlernen. Aber allein in einem Hotel, um mich herum nur Familien und Paare? Bloß nicht. Mitleidige Sätze wie "Sie können sich ja gern mal zu uns setzen" hallten durch meinen Kopf. Meine Freundinnen boten zwar an, mit ihnen und ihren Partnern Urlaub zu machen, aber ich wollte nicht das fünfte Rad am Wagen sein. Allein in einer Ferienwohnung hocken und Trübsal blasen fiel ebenfalls aus. Für eine Rucksack-Tour durch Asien bin ich nicht der Typ. Meinem 22-jährigen Sohn konnte ich mich auch schlecht ans Bein binden. Mit Mutti zu "Rock am Ring"? Gott bewahre. Nur, was dann? Zu Hause bleiben? Womöglich für den Rest meines Lebens? An diesem Abend schlief ich deutlich schlechter ein. Sachen, die ich nicht gut allein kann, sausten durch meinen Kopf. In den Urlaub fahren. Weihnachten feiern. Alt werden. Eigentlich nur drei Posten, doch vor allem der letzte schien mir nicht ganz unwesentlich.

Ein paar Tage später fiel mir im Buchladen ein Buch in die Hände. Es gibt solche Zufälle, die keine sind. "Über die Kunst, allein zu sein" hieß es. Untertitel: "Wie man Einsamkeit und Angst vor dem Alleinsein überwindet und sich selbst lieben lernt". Natürlich, es gibt sie, die Angst vor dem Alleinsein, die bis zur krankhaften Monophobie reicht, erzählt darin Autorin Janett Manzel. Doch was machen Menschen, die gelernt haben, dieses Fürsichsein zu genießen, eigentlich anders? Von ihrer Arbeit als Coach, schreibt Manzel, wisse sie, dass sich die meisten Menschen einsam fühlen, doch nur die wenigsten würden das auch zeigen. Stattdessen überspielen sie es durch Social Media, Termine, Telefonate, Rausgehen. Dahin, wo die anderen sind. "Nur dass sie dort auf vermeintlich glückliche Menschen stoßen und fürchten, in ihrer Einsamkeit erkannt und abgewertet zu werden. Man verirrt sich leicht in dem Glauben, man hätte etwas getan, das das Alleinsein hervorgerufen hätte." Manzel weiß, wovon sie spricht: Als einziges Kind einer alleinerziehenden Mutter bekam sie früh das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Ihre Traurigkeit verbarg sie hinter einer versteckten Wut, die sich Jahrzehnte später in Panikattacken äußerte, wenn sie sich allein fühlte. "Wer einsam ist, kennt sich meist nicht oder weiß seine positiven Seiten nicht zu schätzen. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu lernen, allein zu sein und meine Zeit mit mir zu genießen." Manzel half eine Therapie, ihren inneren Kern zu finden und ihn anzunehmen. Heute ist sie sich selbst die größte Kraftquelle und genießt die eigene Gesellschaft.

Mit mir stimmt etwas nicht, weil ich allein bin

Dieser Satz ist fest am Grund der Seele vieler Menschen verankert, die sich einsam fühlen. Aber weiß man erst mal, dass er dort klebt wie zähes altes Kaugummi, ist das schon ein riesiger Schritt. Denn das Schlimmste ist ja nicht das Alleinsein an sich, sondern das Gefühl, man sei irgendwie bedauernswert. Jemand, der weder Partner noch Freunde hat, die mit ihm essen gehen oder – wie in meinem Fall – die schönste Zeit des Jahres mit ihm teilen mögen. Dass das streng genommen Bullshit ist, weiß ich. Ich habe Freunde. Auch solche, die mit mir in den Urlaub fahren – vorausgesetzt, sie haben genug Vorlauf, das einzuplanen. Dass ich dieses Jahr allein dastehe, hat also nichts damit zu tun, dass etwas nicht mit mir stimmt. Und doch werde ich die Vorstellung nicht los: an einem Katzentisch zu sitzen und an einem Bifteki herumzukauen, während der Rest des Speisesaals verstohlen zu der unfrohen Mitfünfzigerin ohne Anhang guckt. Mit der kann doch irgendwas nicht stimmen, oder?

Das Perfide ist: Fühlt man sich allein, denkt man, alle anderen seien glücklich, weil – zusammen. Glückliche Paare, glückliche Familien. Ob der eine oder andere den Rest der Brut gerade zur Hölle wünscht und sich nichts mehr als Zeit für sich ersehnt, tja, wenn die Angst erst mal übernommen hat, ist es nicht leicht, das Ruder herumzureißen. Da hilft nur, gegenzusteuern. Die Angst anzuerkennen und sich zu sagen, dass es normal ist, sich auch mal unwohl zu fühlen. Und dass man – alte Therapeuten-Weisheit – so viel mehr ist als seine Gefühle. Erst dann schaffen es auch andere Emotionen wieder an die Oberfläche. Etwa das kleine Glück am Morgen, wenn man sich auf dem Balkon reckt, die Sonne über den Bergen aufgeht und das Gefühl, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, auf einmal etwas Wunderschönes ist. Kein Kind will Aufmerksamkeit, kein Partner zu einer ambitionierten Wanderung aufbrechen. Nur man selbst, die Berge, die Sonne. Pures Glück. Wer solche Augenblicke zu verpassen droht, kann, wie eine Freundin von mir, ein Smiley-Tagebuch führen. Schöner Moment: Grinse-Smiley. Trauriger Moment: Heul-Smiley. Mit der Zeit wird man merken, dass man sehr viel mehr frohe Momente erlebt, als man denkt.

Dinge, die ich allein kann

... steht auf dem Zettel, den ich gestern noch vollgeschrieben habe. Sich selbst erkennen, um die eigene Gesellschaft schätzen zu lernen – auch Franziska Muri sieht darin in ihrem Ratgeber "21 Gründe, das Alleinsein zu lieben" den wichtigsten Step. Ich kann zum Beispiel sehr gut allein ins Kino gehen. Ich muss mir nicht ins Ohr flüstern lassen, wie der Film ausgeht, und nach dem Abspann debattieren, ob das Buch nun besser war. Ich bin auch nicht schlecht darin, solo shoppen zu gehen. Ich mag es, allein spazieren zu gehen, am liebsten in meinem Viertel. Fast immer treffe ich jemanden, den ich kenne. Ich bin vielleicht für mich, aber ich gehöre dazu, bin Teil einer urbanen Dorfgemeinschaft. Wie der Teufel das Weihwasser meide ich dagegen die gängigen Wochenend-Trampelpfade: perfekte Familien mit hübschen Kindern und noch hübscheren Hunden im Stadtpark, eng umschlungene Pärchen am Elbufer. Einsamer als hier kann man sich auch an der Eigernordwand nicht fühlen. Warum sollte man sich das antun?

Was ich sonst noch solo gut kann? Städtetrips. Es hat ein bisschen gedauert, aber heute buche ich ein Wochenende Paris ohne Bauchweh. In Metropolen hat man nicht nur genügend Ablenkung, man kann auch wunderbar in der Anonymität abtauchen: Keiner guckt komisch, weil man ohne Begleitung vor der "Mona Lisa" steht. Manchmal verschicke ich dann WhatsApps an Freundinnen. Die Antwort lässt nie lange auf sich warten. Kleine digitale Gespräche, die mir sagen: Vielleicht würdest du diesen Moment gern teilen, aber sie sind da, deine Lieblingsmenschen. Verlässlich, unkaputtbar, wo auch immer. Für den Urlaub habe ich mir bereits eine Yoga-Reise gebucht und fürs Altwerden drei interessierte Freundinnen für eine WG gefunden. Und Weihnachten feiere ich dieses Jahr mit meinen Nachbarn. Ansonsten hätte ich vielleicht den Tipp von Janett Manzel umgesetzt. Da ihre Mutter die Feiertage oft in Norwegen verbringt, dekoriert sie ihren Baum mit Fotos und Erinnerungen an alle Lieben, ob lebend oder verstorben. Denn wie schon gesagt: Sie sind alle da, unsere Lieblingsmenschen. Verlässlich, unkaputtbar, wo auch immer. Nur wir selbst sollten auch dazugehören.

Zeit mit mir

Erleichternd, erfüllend oder doch einsam: Welche Erfahrungen hast du mit dem Alleinsein gemacht?

Wir freuen uns auf deine Post: mail@brigitte-woman.de

BUCHTIPPS

"Über die Kunst, allein zu sein: Wie man Einsamkeit und Angst vor dem Alleinsein überwindet und sich nebenbei neu lieben lernt", von Janett Manzel, 188 Seiten, 14,99 Euro, Selbstverlag.

"21 Gründe, das Alleinsein zu lieben", von Franziska Muri, 288 S., 19,99 Euro, Integral.

"Die Kunst, sich selbst auszuhalten. Ein Weg zur inneren Freiheit", von Michael Bordt SJ, 96 Seiten, 8,99 Euro ZS Verlag. 

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BRIGITTE WOMAN 10/2019

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