Alleine ausgehen? Kann man lernen!

Heute gehe ich auf ein Date mit mir! BRIGITTE-Autorin Mia Raben weiß, wie glücklich alleine ausgehen machen kann – man muss sich nur trauen.

Ich habe ein neues Hobby, und das Beste daran ist: Es gehört nur mir. Ich oute mich vielleicht als Nerd, aber das macht nichts. Ich stehe dazu. Ich besuche Konzerte, Vernissagen, gehe ins Kino, ja, sogar ins Theater - und zwar allein.
Auch ich musste das erst lernen. Nicht, dass ich immer davon geträumt hätte. Ich habe aus der Not eine Tugend gemacht. Das ewige Gesuche nach Leuten, die zur selben Zeit genauso viel Lust darauf haben, zum Beispiel die Lesung eines schrägen ukrainischen Schriftstellers zu besuchen, hatte mich schon länger genervt. Als ich kürzlich beruflich eine Zeit lang in Krakau war und dort niemanden hatte, der mit mir durch die Jazzkeller zog, riss ich das Ruder herum und sagte mir: "Hey, sei froh, du kannst hingehen, wo du willst, und musst niemanden mit ins Boot holen, wie herrlich!"

Weiter verbreitet denn je: Das "Madame Bovary"-Syndrom macht uns zu schaffen!

"Ich war begeistert, und dachte mir: Heute gehst du hin!"

Doch trotz meines Entschlusses traute ich mich nicht recht. Die Scham war zu groß. Statt auszugehen saß ich in meinem Hotel zimmer, glotzte Serien und ärgerte mich, dass ich wieder nichts erlebte. Eines Nachmittags sah ich mir den Trailer des jungen Jazztrios Mateusz Pałka an, das an diesem Abend in einem Jazzkeller spielen sollte. Ich war begeistert, und dachte mir: Heute gehst du hin!
Meine ersten Schritte allein im Nachtleben waren zögerlich. Wie ein Einsiedlerkrebs machte ich zwei Schritte vor, dann einen zurück. Unentschlossen schlich ich um den Eingang von „Harrys Pianobar“ herum, rauchte eine Zigarette nach der anderen und tat so, als würde ich auf jemanden warten. Ich hatte das Gefühl, die Passanten würden mir mitleidige Blicke zuwerfen, nach dem Motto: „Ach, die Arme hat keine Freunde und will trotzdem was erleben!“ Dass dieser Gedanke nur durch die Scham in meinem Kopf herumwucherte, reflektierte ich nicht. Noch schlimmer war die Vorstellung, ich würde den Jazzkeller betreten, meinen Mantel ablegen, und eine andere Frau könnte denken: "Was ist das denn für eine notgeile Tussi! Die will bestimmt meinen Mann aufreißen!" Doch ich schaffte es, mein absurdes und destruktives Gedankenkarussell zu stoppen - und stieg irgendwann doch die Stufen in den Keller hinab.

"Und plötzlich überkam mich ein Gefühl des Triumphes"

Das Konzert hatte schon begonnen. Ich hörte gleich, es war genau mein Ding. Ich dachte an von mir verehrte Musiker wie Esbjörn Svensson Trio, Krzysztof Komeda und John Coltrane und war selig. Mit einem Glas Rotwein setzte ich mich neben eine ältere Dame, die offenbar ebenfalls allein hier war. Unbekümmert wippte sie lässig mit Kopf und Fuß. Coole Frau, dachte ich. Die Musik durchspülte mich wie eine rhythmische Flutwelle. Schon nach drei Minuten hatte sich mein Mut gelohnt. Und plötzlich überkam mich ein Gefühl des Triumphes. Da saß ich an einem Dienstagabend ohne Begleitung in einem Jazzkeller, trank Wein und klatschte und pfiff vor Begeisterung!

Zwei Tage später besuchte ich eine Vernissage - wieder allein. Dann ein Klavierkonzert und ein Theaterstück. Zugegeben, es gab immer wieder harte Momente, und gibt sie auch weiterhin. Ob ich nun ein Bild länger anstarre, als mein Interesse wirklich währt, damit ich nicht den Anschein erwecke, verlegen in der Gegend herumzustehen, oder ob ich in der Pause des Theaterstücks gern das Gebäude verlasse. Aber jedes Mal bin ich froh, dass ich losgegangen bin. Denn ich weiß jetzt, dass allein ausgehen mehr ist als eine Freizeitbetätigung. Es ist eine Haltung.
Und das Selbstbewusstsein, das ich auf diese Art wie nebenbei gewinne, ist, wie der Niederländer sagen würde, „mooi meegenomen“, was so viel heißt wie „schön mitgenommen“. Ich seh gleich mal nach, was heute Abend im Kino läuft.

Mia Raben, die neuerdings einen Tag vor einem gemeinsam geplanten Konzertbesuch von Freundinnen gefragt wird, ob sie nicht „doch lieber allein“ gehen möchte.
So war es nun auch wieder nicht gemeint!

Brigitte 11/2018

Wer hier schreibt:

Mia Raben
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