Alleine glücklich sein: Mein Leben als Einzelmensch

Nur mit sich zu sein fällt nicht jedem Menschen leicht. In Zeiten von Corona bekommt es allerdings noch mal einen neuen Stellenwert. Wie wir die Zeit, die wir nur mit und für uns haben, nutzen können, um neue Energie zu tanken. Und wie man sich selbst die beste Gesellschaft wird.

BRIGITTE-Autorin Anja Rützel zieht einen ungestörten Besuch im Fliesenmuseum jeder Kaffee- oder Dinnerrunde vor. Das Einzige, was stört, sind die mitleidigen Blicke der anderen.

Warum finden viele Alleinsein so befremdlich?

Das Glücksglöckchen bimmelte, als ich gerade konzentriert eine Bodenfliese betrachtete. Ich stand sicher schon fünfzehn Minuten so da und starrte auf diese eine blau-weiße Kachel an der Wand des Fliesenmuseums in Palermo, halb hypnotisiert von ihrem verwirrend dreidimensionalen Muster, als ich mich plötzlich rundherum froh und zufrieden fühlte. Weil mir in diesem Moment aufgegangen war, dass ich auch noch eine Stunde länger so dastehen könnte, wenn ich wollte. Denn ich war allein hier, kein zappeliger Begleiter stand neben mir, der drängelte, ob wir jetzt endlich gehen könnten, er habe Hunger/Rückenschmerzen/hasse Fliesen. So sehr man einen anderen Menschen auch lieben mag – wie wahrscheinlich ist es, dass man miteinander in allen Dingen exakt synchronisiert ist, dass man stets genau dasselbe Maß an Interesse und Geduld für blau-weiße Fliesen, einen Teller Spaghetti oder das ereignislose Sitzen auf einer Parkbank aufbringen könnte? Klar, das sind alles nur kleine Momente, in denen es nicht wirklich wehtut, den Wünschen des anderen nachzugeben, die eigenen hintanzustellen. Aber diese Momentchen summieren sich in einem Leben.

Ich bin gerne allein, und manchmal kommt mir das regelrecht revolutionär vor.

Viele Menschen staunen darüber, dass ich mir das selbst so aussuche, dass dieser Umstand bei mir nicht auf Unglück, verpasste Chancen und geplatzte Träume zurückzuführen ist. Oft denken verpaarte oder familiär verrudelte Leute beim Wort "allein" sofort an verbitterte Taubenfütterer, vergrantelte Alleinüberlebende und anderweitig gräulich Verschrullte und können kaum glauben, dass das Leben als Solistin lustig und ereignisreich sein kann. Oder sie verwechseln "allein" mit "einsam", und natürlich sind die Grenzen fließend: Es gibt Tage, an denen mich mein Leben als Einzelerwachsene (wie mich einmal die Kassiererin an einer Tierparkkasse bürokratisch, aber treffend nannte) nervt, weil da keiner ist, der mal eben dabei mit anpackt, die alte Kommode in den Keller zu tragen. Und es gibt Tage, an denen ich traurig bin, weil ich alle gefühlsmäßigen Lasten allein durch mein Leben wuchten muss. Aber ich bin sicher, dass auch das Leben als Paar oder Familienmensch nicht an allen Tagen gleich toll ist.

Ich habe ein Logo entworfen, um das Image des Alleinseins zu verbessern: ein schmunzelndes Murmeltier, das sich selbst mit einem Glas Rotwein zuprostet, darunter in fröhlicher Schnörkelschrift: "Happy Alone". Ich habe Aufkleber davon drucken lassen, die ich auf Laternenpfähle und an Clubklowände klebe. Das Murmeltier ist ein vorzügliches Wappentier für alle, die gerne die Meute meiden: Forscher haben herausgefunden, dass jene Erdhörnchen-Exemplare länger leben, die sich vom Murmeltiersippenverband absondern. Es gibt verschiedene Erklärungsideen, woran das liegen könnte, wahrscheinlich unter anderem daran, dass Einzelmurmeltiere nicht von ihren Kameraden abgelenkt sind, wenn es mal brenzlig wird, und darum hungrige Raubvögel und andere Gefahren schneller entdecken.

Die Kunst des Alleinseins besteht darin, seine Vorteile zu nutzen.

Das fällt mir als grundeinstellungsmäßig eher faulem Menschen nicht immer leicht. Ganze Tage auf diesem Sofa zu verdümpeln ist völlig okay, aber manchmal lohnt es auch rauszugehen. Und zwar nicht, weil da einer wäre, der einen antreibt, sondern eben, weil da keiner ist, der einen daran hindert, all die tollen Dinge zu machen, mit dem man sich absprechen müsste, der Erwartungen hat, einige berechtigte und viele unberechtigte. "Nur in der Einsamkeit kann jeder ganz er selbst sein, in ihr allein ist Freiheit", schreibt Schopenhauer, der größte Fanboy des Alleinseins von allen: "In der Einsamkeit zeigt sich, was jeder an sich selbst hat."

Das kann einschüchternd klingen und ist die größte Herausforderung: Die Konzentration auf sich selbst nicht als bedrohlich, sondern als Geschenk zu verstehen. Sich Sachen zuzutrauen, gerne für sich selbst verantwortlich zu sein, neugierig zu sein, was da im eigenen Kopf zu summen beginnt, wenn der Lärm der anderen endlich verstummt. Vielleicht fürchten sich viele Menschen auch vor dem Alleinsein, weil sie in Wahrheit Angst haben, dass da eben nichts summt, dass sie sich mit sich selbst langweilen würden – für mich ein tieftrauriger Gedanke. Ich wünsche mir, dass sich alle Menschen wichtig nehmen würden und sich nicht nur darüber definierten, dass andere das tun. Dass sie sich als angenehmsten Lebenspartner für sich selbst verstehen.

Ich habe ein Buch über meine Liebe zur Einsamkeit geschrieben, und bei den Lesungen, die ich daraus veranstaltete, fühlte ich mich manchmal, als hätte ich eine hoch konspirative Geheimgesellschaft gegründet: Regelmäßig sprachen mich verunsicherte Leserinnen und Leser an, sie seien insgeheim auch lieber allein, aber sie fürchteten bislang immer, mit ihnen sei deswegen etwas nicht in Ordnung.

Es ist ja auch sonderbar: Unsere Gesellschaft feiert Unabhängigkeit und persönliche Freiheit, jeder will partout anders und besonders sein, sich individuell fühlen und sich selbst verwirklichen – nur allein will bei diesen extrem persönlichen Entwicklungen niemand sein. Ständig soll man netzwerken, aber wie man richtig allein ist, wird einem nirgends antrainiert. Viele Menschen, die ich kenne, sind darin schlecht, weil sie jede Chance meiden, in diesem Bereich Fähigkeiten zu entwickeln. Aber wo sollten sie es auch lernen? Wer als verpaarter Mensch eine Woche allein in den Urlaub fahren will, macht sich mindestens der Ausbruchsfantasie verdächtig. Die gesellschaftlich begünstigte Zwangsvergluckungsmaschinerie schnurrt, jedes traurige Lied, in dem jemand sein Alleinsein beschluchzt, befeuert sie neu.

Zu selten gibt es Lieder wie das der Disney-Eiskönigin aus "Frozen": "You mean well, but leave me be / Yes, I’m alone, but I’m alone and free."

Schon als kleines Kind war ich gerne alleine, ohne dass es je einen schlimmen Vorfall mit anderen Kindern gegeben hätte, der mich vor weiteren Kontakten hätte zurückschrecken lassen. Meine Mutter erzählt oft, wie man mich als Kleinkind einfach auf die Wiese in unserem Hof setzen konnte, zwei Stunden später saß ich verlässlich immer noch am selben Fleck, mir selbst genug, ganz ohne jeden Entdeckungsdrang. Der Kindergarten am anderen Ende der Straße, in den ich irgendwann halbtags gehen sollte, war mir eine Last, ich fand dort zwar schnell Spiel­kameraden, hätte aber auch auf sie verzichten können. Ich zog stets schwer bepackt mit meinen Lieblingsbüchern, einem Heft für kryptische Notizen und meinem Elliot-das-Schmunzelmonster-Plüschtier los, meinen eigenen Requisiten, meiner eigenen, tragbaren Blase, in der mich möglichst niemand stören sollte. Als Erwachsene unterdrückte ich lange meinen Drang zum Alleinsein, begrub ihn unter praktischen WG-Wohnsituationen, aufgezwungenen Referatsgruppentreffen, Trink­bekanntschaften, dann Kollegenkumpeleien, ohne die man sehr viel beschwerlicher durch Studium und Arbeitswelt kommt.

Gern allein zu sein heißt dabei natürlich nicht, auf all das verzichten zu müssen. Aber ich sehe Kaffeetrinken mit Freunden, Treffen mit alten Bekannten eben als optional, nicht als Pflicht. Im Fliesenmuseum habe ich mich am Ende übrigens noch mit dem Besitzer unterhalten. Schnell erkannte ich in ihm einen verwandten Geist, es brauchte nur ein paar Sätze, und er gestand mir etwas schuldbewusst, dass er Fliesen mög­licherweise mehr liebe als Menschen. Und zwar so sehr, dass er inzwischen in seinem Museum wohne, weil seine Sammlung sämtliche Privaträume in Besitz genommen hatte. Ich fand das nicht kauzig, sondern in seiner lodernden Kompromisslosigkeit für die ureigensten Leidenschaften extrem rührend. Wer so für das brennt, was er liebt, kann nie wirklich alleine sein.

Anja Rützel ist Journalistin und Autorin in Berlin, vor Kurzem erschien in der KiWi-Musikbibliothek ihre Eloge auf Take That. Ihr Buch über das Leben als Einzelmensch heißt "Lieber allein als gar keine Freunde" (272 S., 9,99 Euro, Fischer TB).

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BRIGITTE 09/2020

Wer hier schreibt:

Anja Rützel
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