Weniger ist mehr! Warum wir unser Leben entschleunigen sollten

Wie oft jagen wir etwas hinterher, was sich dann als gar nicht passend für uns erweist? Wir brauchen nur wenig, um glücklich zu sein. Zeit, sich aufs Wesentliche zu besinnen, findet Autor Oskar Holzberg.

Ich hätte gern einen richtigen Namen für dieses Gefühl. Bisher nenne ich es behelfsweise das "Ich-muss-noch-so-viel-machen-und-ich-weiß-jetzt-schon-dass-ich-es-nicht-schaffen-werde"-Gefühl. Klingt blöd und umständlich. Aber wie kann man das sonst nennen?

Stress trifft es nicht wirklich. Druck auch nicht. Es ist eher eine Mischung aus dem "Zuviel"-Gefühl unseres überquellenden Lebens, gepaart mit dem "Zu-wenig-Zeit-haben"-Gefühl, unter dem mittlerweile fast alle leiden: Arbeit, die wir niemals ganz schaffen. Freunde, die wir niemals alle treffen können. Serien, die wir niemals alle sehen werden. Trends, denen wir niemals allen folgen können, Angebote, die wir nicht annehmen können. Und Millionen Missstände in der Welt, gegen die wir uns eigentlich wehren müssten.

"Wir haben nur EIN Leben!"

Um der Mensch zu sein, der wir gern wären, bräuchten wir drei Leben. Oder vier. Oder noch viel mehr. Wir haben aber nur das eine. Und in dem stehen "Zeit haben" und "Langeweile" auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Zustände.

Wir spüren, dass unser Leben ein Update braucht. Eine Version 2.0, und zwar eine mit nicht noch mehr Optionen und Funktionen, sondern eine reduzierte, mit weniger von allem.

Ich entschied mich vor etwa einem Jahr, diese Version für einige Monate auf meiner inneren Festplatte zu installieren. Ich verabschiedete mich aus meinem Arbeitsalltag und nahm mir bewusst nichts vor. Ich hoffte, dass meine wahren Wünsche und Bedürfnisse wie Luftblasen in einem Aquarium aufsteigen könnten. Weil sie nicht mehr unter den ständigen Aufgaben des übervollen Lebens begraben wären. Andererseits fürchtete ich, nur noch ein Bedürfnis zu haben, wenn ich erst mal auf dem Sofa liegen würde: dort einfach liegen zu bleiben.

"Ich spürte deutlicher, was ich ohnehin schon wusste"

Ich hatte weder einen kreativen Durchbruch noch die erleuchtende Vision, was nun wirklich das Richtige sei, um mein Leben lebenswerter zu machen. Doch ich war stärker damit konfrontiert, womit ich meine Zeit verbrachte. Und obwohl meine Wünsche an das Leben nicht zwingend aufstiegen, begannen sie doch, zart anzuklopfen.

Im Zustand des Weniger spürte ich deutlicher, was ich eigentlich ohnehin die ganze Zeit wusste: Wie anregend ein Cappuccino mit Ralph, wie belebend ein paar Laufrunden im Park, wie wohltuend Tagebuch schreiben ist. Ich sehnte mich nach einfachem handwerklichem Tun, spürte Lust, Tennis zu spielen und in der Natur sein. Ich fantasierte darüber, eine neue Sprache zu lernen oder einen Roman zu schreiben. Mich suchten Ängste über das Alter und die Gesundheit auf, und schamvolle Gedanken über meine Unzulänglichkeiten.

"Wonach unser Herz sich sehnt, dem begegen wir in unseren Tagträumen"

Tatsächlich lag ich viel auf dem Sofa. Und kam mir blöd vor. Alles, was in mir hochblubberte, war, dass ich lieber meditieren, Sport machen und meine Freunde treffen sollte. Ich fühlte mich wie eine wandelnde Apothekenzeitung, die endlos zu mehr Bewegung, mehr Entspannung, mehr sozialen Kontakten auffordert.

Statt atemberaubender Überraschungen traf ich auf vertraute Bekannte. Und damit auf die Erkenntnis, dass wir gar nicht endlos danach suchen müssen, was uns wichtig ist. Wir wissen es. Wonach unser Herz sich sehnt, dem begegnen wir in unseren Tagträumen - wenn wir unsere inneren Bilder und Gefühle ernst nehmen. Auf unseren persönlichen To­do-­Listen wiederholen sich die Dinge, die wir ständig aufschieben, obwohl es uns erleichtern würde, sie einfach mal zu machen. Und was schwer auf uns lastet, sucht uns in den schlaflosen Stunden des Morgengrauens auf.

Wenn die Autorin Bronnie Ware in ihrem Bestseller "5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen", aufzählt, überrascht sie uns nicht: weniger arbeiten, seine Gefühle ausdrücken, mehr Zeit für seine Freunde haben, sich mehr Freude am Leben gönnen und den Mut haben, sein eigenes Leben zu leben. Wer würde da nicht sofort zustimmen?

"Ist das mein Leben - oder kann das weg?"

Wir werden zu den für uns wichtigen Dingen nur gelangen, wenn wir keine Zeit mehr mit den unwichtigen Dingen verbringen. Aber wie finden wir eine Antwort auf die Frage: "Ist das mein Leben - oder kann das weg?"

Ich ging durch eine chaotische Phase, in der ich ständig beschäftigt war, ohne irgendetwas wirklich zu tun. Ich ging auf allen Kanälen verloren. In den Videos auf Youtube, den Einträgen auf Wikipedia, den Sammlungen nie angesehener DVDs, der Ausführlichkeit der Wochenend­-Zeitung, den Meldungen auf meinem Smartphone, den Zeitschriften-­Stapeln, in den Chats auf WhatsApp.

Ein großer Spaß. Eine riesige Zerstreuung. Endlose Unterhaltung. Ich verbrachte unendlich viel mehr Zeit damit, als ich damit verbringen wollte. Und erst, als ich einen gewissen Überdruss dabei bemerkte, war ich bereit, es mir einzugestehen.

"Wir fürchten, unserer inneren Einsamkeit und Leere zu begegnen"

Sie können es als Einstieg ins Weniger benutzen: Notieren Sie, wie viel von Ihrer Zeit Sie mit den unterschiedlichen Aktivitäten Ihres Lebens verbringen möchten. Und dann vergleichen Sie es damit, womit Sie Ihre Zeit tatsächlich verbringen.

Doch die Zerstreuung aufzugeben klingt einfacher, als es ist. Denn es macht uns Angst. Wir fürchten, unserer inneren Einsamkeit und Leere zu begegnen. Wir bleiben daher lieber in der emotionalen Dauererregung. Wir shoppen, wir surfen im Netz, wir naschen, wir rennen in die Muckibude.

Der Grat zwischen wahrer Leidenschaft und Ersatzhandlung ist dabei schmal. Wer sein Monatsgehalt zu H&M oder zu Apple trägt, weiß irgendwo in sich, was er wirklich sucht. Wenn wir ein wenig aufmerksam sind, dann bemerken wir, dass sich der Griff nach dem Smartphone, das Checken der Nachrichten, der Rausch durch die Shopping­-Welt wie Sucht anfühlt. Aber auch als Süchtige wissen wir um unsere Süchte.

"Wir wissen mehr über uns, als wir uns zugestehen"

In meinem Tagebuch habe ich nach einiger Zeit notiert, dass mir meine Auszeit wie die ausgelebte Anerkennung meines eigenen Lebens vorkam. Ich musste betrauern, was vorüber war, wie das gemeinsame Leben mit meinen erwachsenen Kindern, und mich dem Schmerz stellen, der in den unwiederbringlich versäumten Möglichkeiten liegt.

Sich mit dem anzufreunden, wer wir sind, bedeutet immer auch, sich von dem zu verabschieden, wer wir gern wären - und sich der eigenen Begrenztheit zu stellen. Es gibt angenehmere Gefühle. Aber auch sie waren keine Unbekannten für mich. Ich hatte sie nur beiseitegeschoben.

Wenn wir unser Leben entrümpeln wollen, dann brauchen wir Mut. Das Land des Weniger ist kein Vergnügungspark. Wir kommen uns und unseren Schatten dabei näher. Wir werden auch nie mit letzter Sicherheit wissen, ob wir gerade das Richtige aufgeben. Aber unsere Chancen stehen mehr als gut. Denn wir wissen mehr über uns, als wir uns zugestehen. Und wir können dem folgen, was sich stimmig für uns anfühlt.

"Wenn wir weniger machen, verlaufen wir uns nicht so leicht dabei"

Ich habe gewusst, dass weniger nötig ist. Durch meine Vollbremsung wurde es klarer. Auch jetzt, zurückgekehrt in die Arbeit, habe ich mir mehr freie Zeit geschaffen. Ich popele deshalb nicht gelangweilt in der Nase. Ich achte mehr darauf, mich nicht zu zerstreuen, was nicht heißt, dass ich mich langweile, im Gegenteil: Ich bin ständig aktiv.

Na klar, ich werde mir auch mal untreu, wie jetzt, wo ich spät am Abend diesen Text noch schreibe. Aber Sie wissen, worum es geht. Sie kennen es. Wie der Philosoph Sören Kierkegaard schrieb: "Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden." Wenn wir weniger machen, verlaufen wir uns nicht so leicht dabei.

Oskar Holzberg schrieb im Dezember in BRIGITTE über seinen Versuch, nichts mehr zu müssen. Die Resonanz war groß. Daher baten wir ihn, mit Abstand noch mal Bilanz zu ziehen.

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Von Oskar Holzberg. Ein Artikel aus der BRIGITTE 09/17

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