Angst: Der Traum von einem furchtlosen Leben

Ohne Angst, mit Mut und Stärke: In sich ruhen, dem Tag mit einem Lächeln entgegenblicken, Schwierigkeiten hinnehmen und Lustvolles feiern - wie viel schöner wäre unser Leben. Die Welt gewinnt ungemein, wenn wir ihr mit Furchtlosigkeit begegnen.

Dürften wir uns einen Charakterzug aussuchen, ich wählte ohne Zögern die Furchtlosigkeit. Ich wäre gern kühn und furchtlos. Eine, die sich dem Leben mit einem ruhigen Lächeln stellt.

Beerdigungs-Selfies

Furchtlose Menschen sind selten; in der Tat fällt mir auf Anhieb niemand ein. Ingrid Betancourt vielleicht? Trotz Morddrohungen hat sie in Kolumbien für die Präsidentschaft kandidiert, bis Guerilleros sie ihrer Freiheit beraubten. Oder Eva Joly? Die Frau, die unter Lebensgefahr die Ermittlungen der französischen Justiz im Fall Elf Aquitaine leitete. Unermüdlich kämpft sie gegen Korruption, nie wissend, ob ihr Auto nicht in die Luft fliegt, wenn sie das nächste Mal den Zündschlüssel dreht. Es sind Frauen, die dem Tod die Stirn bieten. Dennoch: Furchtlos sind sie nicht, ganz im Gegenteil, ihre Angst ist ungeheuerlich, nur haben sie entschieden, sich ihr nicht zu beugen, es sind mutige Frauen.

Es ist nicht der Mangel an Mut, den ich beklage. Bisher zumindest habe ich ihn meistens aufgebracht, den kleinen Alltagsmut, wenn es seiner bedurfte: Ich gebe der Herausforderung meist den Vorzug vor der Sicherheit, hole Wein aus dem Keller trotz Furcht vor Spinnen, reise in gefährliche Länder, stelle mich dem Spiegelbild, habe den Mut, zu lieben und Vorgesetzten zu sagen, dass sie ein falsches Spiel spielen, mache mich gerade für Menschen und Überzeugungen, protestiere laut, wenn die Kassiererin mit dem Afghanen radebricht, als habe der nicht alle Tassen im Schrank, und hoffentlich werfe ich mich dazwischen, wenn wer auch immer in der U-Bahn wen auch immer angreift. Nein, ich wünschte mir nicht mehr Mut, sondern Furchtlosigkeit.

Das Gegenteil also von dieser Unruhe und Anspannung, die uns durch den Tag peitschen wie kleine Stromschläge. Im Herzen eine diffuse Panik, die Ausdruck findet in latenter Reizbarkeit und mit Vorliebe nachts um drei anhebt zum großen Monolog: Habe ich meine Meinung auf der Konferenz nachdrücklich genug vertreten? Bin ich Z. auch nicht ins Wort gefallen? Und warum stärkt mir S. nicht den Rücken? Vermutlich ist es längst beschlossene Sache, dass Z. das Projekt übernimmt. Übermorgen ist Elternabend, das schaff ich wieder nicht. Der Kleine kommt schon aufs Gymnasium, mein Gott, die Zeit rennt, nicht mehr lange, und die Kinder gehen aus dem Haus, das geht alles so schnell. Hauptsache, das klappt nun so mit der Geburtstagsfeier, vielleicht kann B. mir helfen, aber die war letztes Mal so komisch. Warum meldet die sich eigentlich nie von sich aus? Liegt ihr nichts mehr an meiner Freundschaft? Und die Schmerzen im Unterleib muss ich unbedingt mal checken lassen, gelaufen bin ich heute wieder nicht, Gott, ich werde alt. Kryptische Selbstgespräche in der Endlosschleife - zermürbend und ergebnislos.

"Was ist das Schlimmste, was ein Mensch tun kann? Stinken, betrügen, foltern. Und was ist das Beste? Freundlich sein, selbstbewusst sein, furchtlos sein." Vladimir Nabokov hat das gesagt, und was zunächst wie eine seltsame Aneinanderreihung von Adjektiven klingt, muss im Ergebnis einfach paradiesisch sein: freundlich, selbstbewusst, furchtlos sein - nicht als temporärer Zustand, sondern als Wesensart. Dann sähe das Leben auf einen Schlag anders aus.

Essay von Anja Jardine BRIGITTE Heft 1/2007
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