Angst vor sich selbst: "Ich verwandle mich in einen Menschen, den ich fürchte"

Silke, 49, hat bislang jede ihrer Beziehungen mit ihren unkontrollierbaren Wutausbrüchen und nicht endenden Vorwürfen zerstört. Das ist ihr klar. Aber wie soll man ein Programm ändern, das automatisch abläuft?

Als das Glas mit den Kaffeebohnen erst Franks Kopf traf und dann auf dem Küchenboden zersprang, ging auch etwas in mir kaputt. Was um Himmels willen hatte ich getan? Wie konnte unser Streit nur dermaßen eskalieren? Ich war so geschockt über mich, dass ich nicht einmal schaute, wie es Frank ging, und einfach rausrannte.

ICH VERWANDLE MICH IN EINEN MENSCHEN, VOR DEM ICH MICH FÜRCHTE

Doch vor mir selbst konnte ich nicht flüchten. So durfte es einfach nicht weitergehen. Ich war Anfang 40 und zerstörte über kurz oder lang jede Beziehung, weil ich meine Gefühle nicht im Griff hatte. Meine erste Ehe war nach zehn Jahren daran gescheitert. Immer wieder hatte ich meinen Mann zur Weißglut getrieben, wenn ich mich unverstanden fühlte. Dann bombardierte ich ihn mit Vorwürfen und verbiss mich regelrecht in unsere Streitereien, bis er entweder genervt das Haus verließ oder aggressiv wurde. Was ich nie konnte: einlenken.

Frank war ein völlig anderer Typ: ruhig, ausgeglichen und fürsorglich. Auch seiner Mutter gegenüber, um die er sich liebevoll kümmerte. Besonders Letzteres war mir ein Dorn im Auge. Vor und nach jedem Besuch bei oder von ihr unterstellte ich ihm, dass sie ihm wichtiger sei als ich, und tobte hysterisch. Oder ich gab ihm das Gefühl, nicht gut genug zu sein, und hielt ihm gnadenlos wieder und wieder seine Schwächen vor. Ich weiß nicht mehr, wie oft er zu mir gesagt hatte: "Silke, hör bitte auf. Ich halte das nicht mehr aus." Später tat es mir auch jedes Mal leid, wie tief ich ihn verletzt hatte, aber eben nicht in dem Augenblick.

Wenn man selbst das Problem ist

Doch dieses Mal hatte ich eine Grenze überschritten, das war klar. Worum es in dem Streit ging, weiß ich gar nicht mehr. Es spielte in Wirklichkeit auch nie eine Rolle. Das Problem war nicht wirklich, dass Frank sich mit seinen Freunden zum Fußballgucken verabredete oder Socken rumliegen ließ. Das Problem war ich. Ich fühlte mich zurückgesetzt, weil ich mich selbst nicht wertschätzte. Letztlich ging es immer darum: Ich liebte mich nicht und konnte deshalb auch die Männer an meiner Seite nicht wirklich lieben.

Ich gab ihnen die Schuld für die Leere, für den Mangel, den ich empfand. Wenn mich ein Wort von Frank kränkte, wollte ich ihn auch verletzen. Immer mit der Hoffnung, er würde endlich verstehen, wie es mir ging. Dann verwandelte ich mich in einen Menschen, den ich selbst nicht leiden konnte, ja, vor dem ich mich sogar fürchtete. Wie in einem Schnellkochtopf stieg der Druck aus Wut und Hassgefühlen unaufhaltsam in mir auf, bis ich komplett ausrastete. Ab diesem Moment gab es kein Halten mehr, ich wurde nicht nur laut, sondern auch unfassbar verletzend. So wie meine Mutter.

Ist eine Therapie hilfreich?

Es hat lange gedauert, bis ich verstand, dass ich ihr Erziehungsmodell übernommen habe und es an meinen Männern auslebte. Zuneigung war in unserer Familie untrennbar mit emotionaler Erpressung, Erniedrigung und Gewalt verbunden. Nach dem Motto: Wenn du nicht machst, was ich möchte, mag ich dich nicht mehr - und du musst die grausamen Konsequenzen tragen.

Nach der Trennung von Frank machte ich zwei Therapien. Auf einer Selbstkontroll-Skala von 1 bis 10 kann ich mich mittlerweile in Konflikten auf 4 oder 5 runterregulieren. Dann verlasse ich die belastende Situation und stelle mir viele W-Fragen: Warum fühle ich mich gerade so schlecht, wieso sollte der andere mich absichtlich verletzten wollen - oder ist es mein inneres Kind, das gerade trotzig und wütend wird? Aber es ist schwer, gegen ein Programm anzukämpfen, das sofort automatisch anspringt und sagt: Angriff ist die beste Verteidigung. Und zwar selbst dann, wenn das Gegenüber noch nicht mal an eine Attacke denkt.

Nach Frank hatte ich zwei Beziehungen, die beide gescheitert sind. Jetzt lebe ich allein, und es ist okay. Ich muss jeden Tag an mir arbeiten und habe gelernt, dass Egoismus und Manipulation nichts mit Liebe zu tun haben. Hilfreich finde ich den Gedanken, dass jeder von uns zwei Wölfe in sich trägt, einen guten und einen bösen. Und wir entscheiden, welchen wir ernähren. Ich möchte nur noch meinen guten Wolf füttern.

Brigitte 22/2018

Wer hier schreibt:

Stephanie Arndt

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