Angst vorm Telefonieren: Lieber 5 Mails als ein Anruf

Ja, anrufen ginge schneller. Aber Alena Schröder schreibt lieber fünf E-Mails, bevor sie zum Telefon greift

Manchmal, wenn ich meine Kinder ein bisschen quälen möchte, erzähle ich ihnen Geschichten von früher. Stellt euch vor Kinder, damals gab es nur ein einziges Telefon im Haus, Festnetz, mit Schnur und Wählscheibe. Und mit diesem Telefon habe ich, ganz ohne Flatrate und ein mütterliches Donnerwetter in Kauf nehmend, stundenlang mit meinen Freundinnen telefoniert. Ehrlich wahr! Die Kinder nicken dann ironisch mit dem Kopf, ja klar, Mama. Stundenlang. Sehr lustig! Dass ihre Mutter stundenlang auf ihr Telefon starrt, daran sind sie gewöhnt. Dass ich freiwillig länger als zehn Minuten tatsächlich mit irgendjemandem telefoniere, das können sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.

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Wenn Telefonieren zur Qual wird

Ich habe es im Laufe der Jahre tatsächlich verlernt, das Telefonieren. Das, was mir früher unendliche Freude bereitet hat, ist heute eine Qual. Ich weiß, dass ich nicht allein bin, schon deshalb, weil mich ja auch fast niemand mehr anruft. Wenn das Festnetztelefon bei uns zu Hause klingelt, können es nur die Großeltern sein. Wenn ganz selten mal jemand anderes anruft, dann bestehen die Telefonate aus unangenehmen Pausen oder man unterbricht sich gegenseitig, "Nee, sag du!" – "Was?" – "Du zuerst." Ein Elend.

Der digitale Fortschritt und mit ihm der Siegeszug von E-Mails, WhatsApp-Nachrichten und SMS machen es mir leider verdammt leicht, eine meiner größten Schwächen auszuleben: meine Schüchternheit. Die ich im Alltag ganz gut hinter einer großen Klappe verberge. Aber seit es nicht nur möglich, sondern auch üblich ist, erst mal eine E-Mail und vielleicht sogar noch eine zweite zu schreiben, bevor man irgendwo anruft, seit wir auch mit engen Freunden stundenlang chatten, anstatt mal schnell zu telefonieren, ist das Telefon für mich seiner eigentlichen Funktion beraubt. Es ist nicht mehr die direkte Verbindung zu anderen Menschen, sondern eher ein schützender Puffer: Hey, sprich mir auf die Mailbox, dann entscheide ich, ob und wann ich zurückrufe. Schreib mir eine SMS, dann kann ich darüber nachdenken, ob ich heute Abend ausgehen will und mir zur Not eine Ausrede ausdenken, ohne am Telefon unvorbereitet zuzusagen.

Es liegt auch daran, dass ich ein klingelndes Telefon als eine Zumutung empfinde, egal wer anruft. Es ist wie bei einem schreienden Säugling oder einem jaulenden Hund: Man kann es nur schwer ignorieren. Und da ich meinerseits bei niemandem diese Art von Stress auslösen möchte, frage ich vorher per SMS oder E-Mail an, "ob wir nicht mal telefonieren wollen".

Man kann es durchaus verlernen

Es ist mir peinlich, das zuzugeben, aber wenn ich beruflich telefonieren muss, dann muss ich mich dazu zusammenreißen und tief durchatmen. Und als ein wohlmeinender Kollege mir einmal eine geheime Handynummer von einem wichtigen Menschen besorgte, den ich schon seit Wochen vergeblich per Mail zu erreichen versuchte, bin ich vor Angst fast gestorben. Klar, jetzt hatte ich keine Ausrede mehr, aber die Vorstellung, wie dieser sehr wichtige Mensch genervt auf sein klingelndes Telefon schauen würde, abwägend, ob er da jetzt rangehen sollte, nur um dann mit meiner Anfrage belästigt zu werden: der Horror!

Ich versuche an mir zu arbeiten, was meine Telefonschüchternheit betrifft. Ob ich jemals zu alter Stärke zurückfinde, ist fraglich, telefonieren ist eben nicht dasselbe wie Fahrradfahren. Man kann es sehr wohl verlernen. Bis dahin bleibe ich leichte Beute der Callcenter, die doch ab und zu zu mir durchdringen. Denn noch größer als meine Telefonschüchternheit ist meine Ehrfurcht vor und mein Mitleid mit Menschen, die ihr Geld damit verdienen müssen, anderen Menschen am Telefon auf die Nerven zu gehen. Wenn meine Kinder mich also tatsächlich mal länger als zehn Minuten telefonieren sehen, dann, weil ich es nicht übers Herz bringe, einen dieser Helden der Telekommunikation rechtzeitig abzuwürgen.

Brigitte 18/2018

Wer hier schreibt:

Alena Schröder
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