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Arbeiten zu Hause Warum Introvertierte im Homeoffice aufblühen

Frau mit Hund am Homeoffice-Schreibtisch: Warum Introvertierte im Homeoffice aufblühen
© eva_blanco / Shutterstock
Großraumbüros, ständige Meetings und lange Anfahrtswege in der vollen U-Bahn: Der klassische Office-Arbeitsplatz war für viele Introvertierte schon immer eine Zumutung. Deshalb wissen sie das Homeoffice umso mehr zu schätzen!

Das Konzept Büro – vor allem das des Großraumbüros – ist ganz klar für extrovertierte Persönlichkeiten kreiert. Und genau sie sind es auch, die in dieser Umgebung aufblühen – während introvertierte Menschen oft eher überfordert damit sind. Ein hoher Lärmpegel, ständige Gespräche und die fehlende Ruhe zum konzentrierten Arbeiten setzen Introvertierte unter Druck und laugen sie mental aus. Das pandemiebedingte Homeoffice war zumindest in dieser Hinsicht für viele der Büroarbeiter:innen unter ihnen ein Segen (vorausgesetzt natürlich, die Familiensituation zu Hause ermöglicht ihnen dort den Raum zum Arbeiten).

Viele haben vielleicht jahrelang gedacht, dass es die Arbeit selbst ist, die sie am Ende eines Tages so vollkommen energielos und erschöpft zurücklässt. Nach fast zwei Jahren Pandemie und Arbeiten in den eigenen vier Wänden merken viele Introvertierte aber, dass es gar nicht (nur) die Tätigkeiten selbst waren – sondern die Arbeitsumgebung mit vielen Menschen, permanenter Geräuschkulisse und Reizüberflutung. Im Büro lauern an jeder Ecke Energieräuber – und das meist gar nicht mit Absicht, sondern einfach, weil extrovertierte Menschen oft überhaupt nicht merken, wie anstrengend ständige Konversation für eher ruhige Kolleg:innen ist.

Introvertiert vs. extrovertiert: Darum brauchen einige Menschen mehr Raum für sich

Introvertierte Menschen haben andere Bedürfnisse als extrovertierte. Sie tanken Energie beim Alleinsein, brauchen mehr Ruhe und Rückzug. Das heißt nicht, dass sie niemals die Gesellschaft anderer genießen – natürlich brauchen sie wie alle Menschen soziale Kontakte. Aber ihnen reicht oft weniger Zeit mit anderen, und sie müssen sich nach Zusammentreffen mit vielen Menschen erst mal wieder erholen (hallo Sozialkater!).

Das Ganze ist tatsächlich sogar neurowissenschaftlich belegt: Denn Introvertierte reagieren sensibler auf das Hormon Dopamin. Das heißt auch, dass sie schneller von Sinneseindrücken überfordert sind als Extrovertierte. Letztere wiederum brauchen mehr Stimulation, um dieselbe Menge Dopamin auszuschütten. Deshalb gehen sie vor allem in der Gesellschaft anderer auf und fühlen sich schnell einsam.

Endlich mal in Ruhe arbeiten! Introvertierte genießen das Homeoffice 

Homeoffice ist für Introvertierte eine Form von Selfcare – sie können am heimischen Arbeitsplatz ihren Bedürfnissen sehr viel besser gerecht werden. Nicht nur haben sie mehr Ruhe, um konzentriert zu arbeiten – sie profitieren auch von der wegfallenden Pendelzeit. Denn anstatt sich während der Fahrt mit dem Fahrrad, der U-Bahn oder dem Auto weiterem Stress aussetzen zu müssen, können sie zu Hause direkt nach dem Zuklappen des Laptops das tun, was sie persönlich brauchen, um zum Feierabend abzuschalten: Sport, Lesen, Meditieren oder einfach nur Fernsehen.

Viele Menschen haben sich im Zuge der Pandemie sogar den Traum vom Leben im Grünen inklusive Hund erfüllt. Das gilt natürlich nicht nur für Introvertierte, aber sie haben besonders oft das Bedürfnis nach einer ruhigeren Wohnumgebung. Allerdings ohne dafür täglich zwei Stunden im Pendlerzug verbringen zu müssen. Wer nun nur noch oder zumindest hauptsächlich am eigenen Küchentisch und Co. arbeitet, muss seinen Wohnort nicht mehr von der Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes abhängig machen. Und auch der vielleicht langgehegte Traum vom vierbeinigen Mitbewohner ist durch die viele Zeit zu Hause endlich möglich geworden.

Ein Hoch auf Videocalls!

Und auch die tägliche Realität des Remote-Modells – samt virtueller Meetings und selbstbestimmtem Arbeiten – ist für viele ruhige Menschen eine Wohltat. Denn auch wenn sie natürlich manchmal ihre Kolleg:innen vermissen – was ihnen sicher nicht fehlt, sind die vielen Unterbrechungen und Störfaktoren des Büroalltags: Hier telefoniert jemand laut, da quatschen zwei Menschen im Flur... Stattdessen können sie konzentriert arbeiten, in ihrem Tempo, nach ihren Bedürfnissen.

Ein Beispiel: Nach physischen Meetings im Büro fehlte Introvertierten oft die Zeit, das Besprochene in Ruhe zu reflektieren und sich zu sortieren. Stattdessen verwickelte sie vielleicht auf dem Rückweg aus dem Konfi direkt eine Kollegin in ein Gespräch. In ihren eigenen vier Wänden können sie sich nach einem Videocall erst mal sammeln und ihre To-dos ordnen.

Virtuelle Meetings sind sowieso oft angenehmer für Introvertierte: Vielen fällt es nicht leicht, vor einer Gruppe von Menschen zu sprechen – digital wird das einfacher. Denn man sieht ja nur einige Personen in den kleinen Kacheln auf dem Bildschirm, anstatt vor allen gleichzeitig live und in Farbe zu präsentieren.

Dank digitaler Tools wie der Handhebe-Option ist es außerdem oft leichter, zu Wort zu kommen – ohne lautstark auf sich aufmerksam machen zu müssen (der absolute Horror für jede introvertierte Person!). Insgesamt ist das Tempo von Videocalls häufig etwas langsamer als das von Live-Meetings. Das gibt in sich gekehrten Menschen mehr Zeit nachzudenken und sich zurechtzulegen, was sie sagen möchten.

Homeoffice oder Büro: Wohin entwickelt sich die Arbeitswelt?

Die große Frage ist nun: Wie geht es weiter nach der Pandemie (wann auch immer dieser märchenhafte Zeitpunkt kommen mag…)? Werden wir alle wieder täglich die U- und Autobahnen und Fahrradwege verstopfen und acht Stunden lang im Büro ausharren? Hoffentlich nicht! Zum Glück wollen viele Unternehmen dort, wo es die Arbeit erlaubt, weiter flexible Modelle vorantreiben. Das kann heißen: komplettes Arbeiten im Homeoffice oder aber einen oder mehrere feste Bürotage, wenn beispielsweise ein Brainstorming oder ein wichtiger Termin ansteht.

So haben hoffentlich die Introvertierten und natürlich auch alle anderen, die ebenfalls gern zu Hause arbeiten, die Chance, ihren Joballtag nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Und so ja letztlich auch das beste und effizienteste Arbeitsergebnis zu erzielen!

Und auch was die Büroräume angeht, tut sich etwas. Wo Großraumbüros und Shared-Desk-Optionen sinnvoll sind, weil nicht mehr alle Plätze täglich ausgelastet sind, achten inzwischen viele Unternehmen darauf, dass es trotzdem genügend Rückzugsräume zum konzentrierten Arbeiten (oder zum Durchatmen zwischendurch…) gibt. Einige Arbeitgeber führen auch farbige Würfel oder Ampelsysteme auf den Schreibtischen ein, die plauderfreundlichen Kolleg:innen signalisieren: Ich brauche meine Ruhe – bitte nimm es nicht persönlich.

Denn das ist am Ende doch das Wichtigste: Niemand will andere mutwillig mit seinen Vorlieben oder Bedürfnissen verletzen oder ihnen das Leben schwer machen – weder Introvertierte noch Extrovertierte. Und wenn die blöde Pandemie zumindest ein Gutes hatte, dann doch, dass wir uns alle das Konstrukt "Fünf Tage die Woche acht Stunden im Büro arbeiten" mal genauer angeschaut haben – und in vielen Fällen festgestellt haben, dass es auch anders geht. Denn wenn die Mitarbeitenden sich wohlfühlen und wirklich gut arbeiten können, profitieren am Ende schließlich alle davon.

Verwendete Quelle: bbc.com

Brigitte

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