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Aschenputtel: Die Akte


Name: Aschenputtel (Cinderella, Aschenbrödel) Adresse:Der Palast Nächster Angehöriger: Ihr Ehemann, der Traumprinz Diagnose: Harmoniesucht Eine Leseprobe aus "Tigger auf der Couch" von Laura James

Auftreten und Verhalten

Aschenputtel zeigt ein nervöses Auftreten. Ihre Stimme und ihr Gesicht wirken kindlich. Sie ist gut gekleidet, wie es ihrem neuen königlichen Status geziemt. Man nimmt an, sie hege eine Vorliebe für ungewöhnliche Schuhe – ihren einzigen Luxus.

Ernährung

Über Aschenputtels Ernährungsweise existieren kaum Informationen. Allerdings ist bekannt, dass sie im Hause ihrer Stiefmutter hungerte und nur Reste bekam.

Familiärer Hintergrund

Ihre frühe Kindheit verbrachte Aschenputtel in einem glücklichen Elternhaus. Nach dem Tod ihrer Mutter heiratete der Vater erneut: eine Witwe mit zwei Töchtern. Obwohl weder die Stiefmutter noch die Stiefschwestern sie respektierten, lebte sie bis zu ihrer Hochzeit mit ihrer neuen Familie.

Anmerkungen über die Patientin

Aschenputtels Eltern waren wohlhabend und führten eine gute Beziehung. In ihren ersten Lebensjahren fühlte sie sich geliebt und geborgen. Diese Periode ihres Lebens verlief ruhig, sie wuchs entsprechend gesund heran und beide Eltern erfüllten ihre Pflichten mit Freude. Eine einschneidende, schädigende Zeit begann nach der langen Krankheit und dem Tod der Mutter. Aschenputtels ganzes Leben veränderte sich auf dramatische Art und Weise. Alles deutet darauf hin, dass sie tiefe Trauer empfand, diese aber nicht ausdrücken konnte, da sie ihren Vater nicht belasten wollte. Aschenputtels Vater scheint nicht in der Lage gewesen zu sein, über den Tod seiner Frau zu sprechen. Es ist auffällig, dass die Gefälligkeitsneigung seiner Tochter ihren Anfang in dieser Zeit nahm. Jedes Kind sehnt sich verzweifelt danach, über seine oder ihre Mutter zu sprechen und ihren viel zu frühen Tod zu verstehen. Aschenputtel hingegen entschied intuitiv, dass dies für ihren Vater zu schmerzhaft wäre, und widerstand daher dem Verlangen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Als ihr Vater erneut heiratet, findet Aschenputtel dies zunächst durchaus positiv. Sie unterdrückt ihre eigenen Gefühle und konzentriert sich auf die Tatsache, dass die Verbindung ihren Vater glücklich macht. Seine neue Frau verwendet allerdings keine Zeit auf seine Tochter, es sei denn, um sie zu misshandeln. Sie wird in das Dienstbotenquartier verbannt und muss sich im Haus abrackern.

Die Ablehnung der Stiefmutter trifft Aschenputtel hart, aber die Reaktion des Vaters verursacht augenscheinlich den größten Schaden. Er weigert sich, seine neue Frau in die Schranken zu weisen, und gestattet ihr, seine Tochter zu misshandeln. Ursprünglich ein Einzelkind, findet Aschenputtel die Aussicht auf Stiefschwestern anfänglich aufregend. Allerdings wird sie bitter enttäuscht, als sie von ihnen genauso grausam behandelt wird wie von deren Mutter. Dieses etwas naive junge Mädchen kannte bisher nur liebevolle Fürsorge. Daher schockiert und erschüttert sie das Verhalten ihrer Stiefgeschwister zutiefst. Allerdings verbirgt sie ihre Gefühle, da sie überzeugt ist, die Behandlung ihrer neuen Familie irgendwie ausgelöst und verdient zu haben. Die Misshandlungen, die Aschenputtel durch ihre Stiefmutter und deren Töchter erfährt, können ein geringes Selbstwertgefühl bewirkt haben und dazu führen, dass sie jede ihrer Handlungen hinterfragt. Es ist anzunehmen, dass sie sich ihrer Gefühle und Bedürfnisse nicht länger sicher ist. Ihr Ich-Bezug ist gestört und sie sehnt sich nach der Anerkennung durch andere. Aschenputtels Leben ändert sich sehr plötzlich und nachdrücklich, als sie ihren ersten Ball besucht. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sie sich ganz den Wünschen der Stiefmutter untergeordnet und kaum soziale Kontakte außerhalb der Familie geknüpft. Anstatt die Stiefmutter mit ihrer Ungerechtigkeit zu konfrontieren, entscheidet sich Aschenputtel, heimlich auf den Ball zu gehen.

Auf dem Ball trifft Aschenputtel den Prinzen, ihren zukünftigen Ehemann. Obwohl sie sich zu ihm hingezogen fühlt, ist sie nicht gewillt, sich direkt mit der Stiefmutter auseinanderzusetzen, und verlässt stattdessen abrupt den Ball, ohne dem Prinzen etwas davon zu sagen. Der Prinz spürt sie jedoch auf und bittet sie, seine Frau zu werden. Als Aschenputtel seinen Antrag annimmt, stimmt sie zu, jemanden zu heiraten, den sie lediglich zweimal getroffen hat - und die Hochzeit soll bereits eine knappe Woche später stattfinden. Er ist jedoch der erste Mann, der ihr Aufmerksamkeit geschenkt hat. Aschenputtel verwechselt hier vielleicht Liebe mit dem Verlangen, aus ihrem unbefriedigenden Familienleben errettet zu werden. Es ist durchaus möglich, dass Aschenputtel sich des "Schwarz-Weiß-Sehens" schuldig gemacht hat, indem sie ihre Mutter immer als "gut" und ihre Stiefmutter immer als "böse" einstufte. Sie hat zudem eine dramatische Dreiecksbeziehung geschaffen: Sie spielt die Rolle des Opfers, weist der Stiefmutter die Rolle der Verfolgerin und dem Prinzen die des Retters zu. Die Tatsache, dass sie einen Mann heiratet, den sie kaum kennt, nur um ihrem Elternhaus zu entkommen, untermauert diese These.

Harmoniesucht – die Fakten

Geringe Selbstachtung ist die Ursache einer Harmoniesucht. Die Betroffenen durchlebten oftmals eine schwierige oder chaotische Kindheit. Um damit zurechtzukom- men, lernten sie, die Ordnung aufrechtzuerhalten, indem sie es jedem recht machten. Aber natürlich ist es nicht möglich, es allen jederzeit recht zu machen. Indem sie es dennoch versuchen, verlieren Harmoniesüchtige ihren Ich-Bezug. Harmoniesüchtige werden auch als Ja-Sager bezeichnet, unter denen sich übrigens mehr Frauen als Männer befinden.

Prognose

Wird sie nicht eingedämmt, so kann Harmoniesucht in eine Vollbild-Co-Abhängigkeit umschlagen (siehe Wendy, Seite 85 und die Schöne, Seite 183), eine Störung, die sich viel schwieriger behandeln lässt. Wenn Aschenputtel aber dazu bereit wäre, mit einem Therapeuten zu arbeiten und sich auf das Verständnis ihres Ehemannes verlassen könnte, sollte sie in der Lage sein, eine erfüllende Beziehung aufzubauen und zu erhalten. Sie muss zuvor allerdings lernen, sich selbst und anderen feste Grenzen zu setzen.

Behandlung

Für Aschenputtel wäre eine Psychotherapie von Vorteil, in der sie ihre Kindheit verarbeiten und an ihrem Selbstwertgefühl arbeiten könnte. Dadurch könnte sie ihre Harmoniesucht überwinden. Aschenputtel muss die Auslöser ihrer Störung konfrontieren, sich mit ihrer Vergangenheit aussöhnen und nach vorn sehen. Der Prinz und Aschenputtel sollten vielleicht einige Sitzungen in einer Partner- beratung besuchen, während derer sie ihre Beziehung in einer neutralen Umgebung ausloten könnten. Die Psychotherapie kann Aschenputtel erkennen lassen, welche Dinge ihr wirklich wichtig sind. Da sie in einer missbräuchlichen Umgebung aufwuchs, wird sie alles tun, um den Frieden zu wahren. Sie muss lernen, auf ihre innere Stimme zu hören, anstatt sich nach äußerer Bestätigung umzusehen.

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