Bär zu Besuch

Tierpsychologin Mickie Sommeregger bekommt regelmäßig Besuch in ihrer Dienstwohnung - von Kenny, dem Braunbären.

Mickie Sommeregger

BRIGITTE: Ist es nicht gefährlich, einem Braunbären die Tür zu öffnen?

Mickie Sommeregger: Das macht er selber. Kenny ist ein ehemaliges Zootier, das eingeschläfert werden sollte. Er wurde vom Verein zum Schutz und zur Erhaltung von Braunbären in Österreich nach Kärnten geholt und lebt nun auf einem 5750 Quadratmeter großen Gelände. Die Tür, die Kenny selbst öffnen kann, führt in seinen Bereich des Bär- Menschen-Hauses, der von unserer Küche durch Gitter getrennt ist. Hier kann er fressen, spielen oder mit uns kommunizieren.

BRIGITTE: Wie redet man mit einem Bären?

Mickie Sommeregger: Verbal und nonverbal. Er spürt meine Stimmung, und er versteht genau, was ich sage, selbst wenn ich Englisch mit ihm spreche.

BRIGITTE: Hört er auf Sie?

Mickie Sommeregger: Ein Bär ordnet sich einem Menschen nicht unter, aber wenn ich zum Beispiel zu ihm sage: "Burli, gehst du bitte mal hinters Gitter, damit ich hier putzen kann?", dann macht er das auch.

BRIGITTE: Und wie verständigt Kenny sich mit Ihnen?

Mickie Sommeregger: Kommt er zum Beispiel in seinem Habitat ans Gitter und schubbert mit dem Kopf, will er gekrault werden. Sein Fell ist im Sommer weich wie Seide, im Winter eher wollig. Ich verstehe seine Botschaften, auch wenn sie sehr fein rüberkommen. Ein sanftes Nein drückt Kenny zum Beispiel damit aus, dass er seinen Kopf wegdreht.

BRIGITTE: Bärenforscher sagen, dass ein Mensch sich wie ein Artgenosse verhalten muss, wenn er mit einem Bären klarkommen will. Fühlen Sie sich als Bärin?

Mickie Sommeregger: Bestimmt nicht. Aber ich kann mich dank meiner Studien in das Tier hineinversetzen. Ich weiß, dass Europäische Braunbären Konfliktvermeider sind und nie in die Offensive gehen. Da ich auch eine Konfliktvermeiderin bin, fällt es mir umso leichter, mich in einen Braunbären hineinzufühlen.

BRIGITTE: Ist es etwa leichter, sich auf einen Bären einzustellen als auf einen Mann?

Mickie Sommeregger: Das kann man nicht vergleichen. Ein Tier ist ein Tier und wunderbar für die Seele. Die Beziehung zu einem Mann spielt sich auf einer ganz anderen Ebene ab.

BRIGITTE: Haben Sie mal von einem Mann geträumt, der "bärenstark" ist?

Mickie Sommeregger: Den gibt es doch gar nicht. Ein Bär hat sechsmal so viel Kraft wie ein Schwergewichtsboxer. Er ist so stark, dass er darauf verzichten kann, seine Kraft zu zeigen und einzusetzen. Ein Bär ist total souverän.

BRIGITTE: Sie betreuen Kenny nicht nur, Sie organisieren auch Termine für Besuche. Der Bär bestimmt Ihr Leben - nervt Sie das nicht?

Mickie Sommeregger: Im Gegenteil, es ist eine Bereicherung für mich, und es nützt sich nie ab. Wir sind seit 16 Jahren rund 350 Tage im Jahr zusammen, da ist eine tiefe Bindung gewachsen. Von Bären kann man eine ganze Menge lernen, vor allem Ruhe und Gelassenheit.

Interview: Doris Ehrhardt Foto: iStochphoto.com Ein Artikel aus der BRIGITTE 21/08
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