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Beziehung Warum wir Liebe heute anders denken

Liebe neu gedacht: Frau pustet Rosenblätter in die Kamera
© ELENA PETRUNEVA / Shutterstock
BRIGITTE-Autorin Nicole Zepter hatte schon abgeschlossen mit der angeblich schönsten Sache der Welt. Dann merkte sie, dass sich plötzlich etwas veränderte, nicht nur bei ihr.

Vor zehn Jahren beschloss ich, die Liebe aufzugeben. Ich saß am Frühstückstisch einer Freundin und sagte: Ich werde nie wieder lieben. Ich war 34. Meine Freundin lachte. Sie hatte sich gerade von ihrem Mann getrennt und zog die drei Kinder nun gemeinsam mit ihrer neuen Frau auf. Ich dagegen blickte traurig in meinen Kaffee, meinen sechs Monate alten Sohn auf meinem Schoß. Mit der Beziehung zum Vater meines Kindes war auch der Glaube an die Liebe zerbrochen. Wie wenig ich doch wusste.

Das Bild einer Beziehung hat sich gewandelt 

Das romantische, patriarchalisch geprägte Bild einer Liebesbeziehung – Frau wartet auf Mann, Mann wird Breadwinner der Familie, Frau bleibt mit Kindern zu Hause – hat sich gewandelt. Es war nie mein Modell, aber es war immer ein Kampf, es nicht zu leben. Denn wer nicht dem klassischen Bild eines heterosexuellen, monogamen Paares entsprach, gar "Single" blieb, hörte schnell den Einwand: Was stimmt nicht mit dir? Das konnte auch die eigene, innere Stimme sein.

Doch dann kamen die 2010er: Frauen politisierten sich, waren empört, dass Männer ihnen die Welt erklären (Mansplaining), brachten sich ein wie Sheryl Sandberg (Lean in!) und beendeten das Schweigen über sexuelle Belästigung und Gewalt (#MeToo). Es begann eine neue feministische Revolution. Alle Gender wurden sichtbar, und möglich. Den sozialen Medien sei Dank. Mutterschaft wurde zum großen Thema, wir diskutierten über Care-Arbeit und feierten weibliche Körper. Frauen bekamen plötzlich eine Lobby, sie wurden ernst genommen. Damit wurde auch die Liebe neu bewertet.

Als ich erwachsen wurde, war der Begriff Popsongs und Filmen vorbehalten. Liebe war vor allem kitschig. Und dieser Kitsch verdeckte, wie sehr Liebe immer durch unterschiedliche gesellschaftliche Normen geprägt war und es immer noch ist. Die Journalistin Seyda Kurt spricht deshalb nicht mehr von der Liebe, diesem Mythos, sondern von der Zärtlichkeit. Liebe, stellt Kurt fest, ist eine leere, überladene Worthülse. "Wir müssen eine neue Idee von Intimität finden", schreibt sie in ihrem Buch "Radikale Zärtlichkeit". Wie wir von der Liebe reden, so Kurt, verrät viel über die politischen und ökonomischen Machtverhältnisse, in denen wir leben. Das gibt uns auch die Chance, diese zu hinterfragen und neu zu bewerten.

Liebe zu sich selbst, egal in welcher Form

Die amerikanische Feministin Bell Hooks schreibt: Liebe ist eine Handlung, nicht nur ein Gefühl. Auch wenn es sich vielleicht nicht so liest: Das ist ein großer Schritt. Liebe, dieses zuckrige Ding mit mäßig Aussicht auf Erfolg, wird zu einer bewussten Entscheidung. Wen möchte ich lieben und warum?

Und so ist Liebe heute auch immer eine kleine Revolution. Sich selbst zu lieben, vor allem dann, wenn man nicht einer Norm entspricht, egal in welcher Form: alleinstehend, dick, dünn, hetero, bi, transgender, homosexuell, als Freunde, zu dritt, wurde zur Befreiung - und dann in rasanter Schnelligkeit zur neuen Norm. Für mich hieß dies: als Frau nicht weniger wert zu sein, weil man sein Kind allein erzieht, wechselnde Partner hat oder einfach nur einen guten Freund an der Seite. Die Kämpfe sind noch nicht ausgefochten, aber sie werden endlich geführt. Als die Pandemie Menschen in ihren eigenen Wohnraum einschloss und die Welt da draußen zumachte, war ich, ohne es zu wissen, gut vorbereitet. Mein Sohn und ich sind ein eingespieltes Team, unsere Beziehung funktioniert. Wir sind eine bewusste Entscheidung. Viele waren nicht vorbereitet.

Ob sich die Scheidungsrate nach Corona wirklich verfünffachen wird, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey es sagt? In jedem Fall hatten Paare und Familien plötzlich eine Menge Zeit miteinander. Dates wurden mit der Angst ausgemacht, sich anstecken zu können oder fanden gar nicht erst statt. In dieser Zeit glänzte die Dating-Plattform Bumble, die Frauen bei der Kontaktaufnahme den ersten Schritt vorbehält. Sie hat damit nicht nur das Internet verbessert, sondern auch das Dating revolutioniert.

Eine Beziehung ist kein Ziel, sondern sollte als Geschenk gesehen werden

Meine Freundin ist mittlerweile wieder getrennt. Die Kinder sind erwachsen. Es wird neu gewürfelt, neu geliebt. Meine Idee von einer Beziehung hat sich geändert: Sie ist kein gesetztes Ziel mehr, sondern nur noch ein Zusatz, ein Geschenk. Nicht nur, weil ich mich selbst mehr liebe, sondern auch deshalb, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Ich darf jetzt neue, ganz andere Ansprüche haben. Und keine Angst mehr. Die Welt hält mir den Rücken frei.

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BRIGITTE 15/ 2021 Brigitte

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