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Beziehung Weshalb kein Mensch beziehungsunfähig ist

junge Frau hält eine Tasse Tee in den Händen, sitzt auf einem Sofa und blickt aus dem Fenster
© finwal89 / Adobe Stock
Unsere Autorin ist 27 Jahre alt und hatte noch nie eine richtige Liebesbeziehung. Weshalb sie sich trotzdem niemals als beziehungsunfähig bezeichnen wird, erklärt sie hier.

Anhand der Art und Weise, wie Menschen Freundschaften führen und pflegen, erkennt man, ob sie auch in der Lage sind, langjährige, aufrichtige Partnerschaften einzugehen. So denke ich. Doch leider haben Freundschaften in unserer Gesellschaft noch lange nicht den Stellenwert, der ihnen zusteht. Dabei sind sie in meinen Augen wichtiger als Liebesbeziehungen und mindestens genauso bedeutend und prägend wie die Familie.

Noch nie in meinem Leben war ich die Person, die einen großen Freundeskreis hatte. Das mag zum einen daran liegen, dass ich introvertiert bin. Es fällt mir schwer, auf fremde Menschen zuzugehen. Nicht ganz unschuldig ist aber auch die Tatsache, dass ich mir meine Freund:innen sorgfältig auswähle. Mit welchen Personen stimmen meine Moralvorstellungen überein? Wer behandelt mich genauso respektvoll und verantwortungsbewusst, wie ich es ebenso zurückgebe? Wer ist auch dann an meiner Seite, wenn es mal schwierig wird? Im Laufe der vergangenen 15 Jahre habe ich die verschiedensten Freundschaften geführt – toxische sowie heilende. Das hat mich gelehrt, was mir wichtig ist und mir den Freundeskreis beschert, den ich heute habe und niemals missen will. Was aber hat das mit Beziehungsunfähigkeit und Beziehungen im Allgemeinen zu tun? Ganz einfach: Freundschaften sind für mich Liebesbeziehungen – nur eben ohne sexuelles Begehren.

Gibt es Beziehungsunfähigkeit?

Als beziehungsunfähig gelten Menschen, die sich eine Partnerschaft wünschen, aber nicht in der Lage sind, langfristige, intensive Bindungen einzugehen. Insbesondere emotionale und körperliche Nähe zuzulassen, fällt den Betroffenen schwer. Geprägt hat den Begriff vor allem Michael Nast mit seinem Bestseller "Generation Beziehungsunfähig" und damit für gespaltene Gemüter gesorgt. So auch bei mir. Heute schüttelt es mich, wenn ich den Begriff nur lese.

Damals habe ich mir natürlich trotzdem Gedanken darüber gemacht. Mich gefragt, ob ich überhaupt beziehungsfähig bin. Podcasts zum Thema Liebe rauf und runter gehört. Bücher über die Liebe nahezu verschlungen. Denn: Ich habe nie eine ernsthafte Partnerschaft geführt – und ich werde in wenigen Jahren 30. Kein Wunder, dass irgendwann die Selbstzweifel auftauchten.

Menschen, die Freundschaften führen, können nicht beziehungsunfähig sein

Irgendwann wurde mir aber einiges klar. Beziehungen gibt es nicht nur in Kombination mit Sex oder einer Ehe. Zwischenmenschliche Beziehungen sind überall. Zwischen Eltern und Kindern, Großeltern und Enkeln, unter Arbeitskolleg:innen und Freund:innen. Ich führe intensive, langjährige Freundschaften. Jede:r von meinen Freund:innen kennt meine größten Schwächen, Ängste und Sorgen. Ich zeige mich ihnen so verletzlich wie kaum jemandem. Wir können uns streiten, diskutieren und anschweigen. Uns monatelang nicht sehen – und doch bleibt da immer dieses Band zwischen uns. Weil meine Freund:innen mich für das lieben, was ich bin und nicht ausschließlich für das, was ich ihnen gebe. Und genauso ist es andersrum. Denn manchmal kann ich vielleicht nicht die perfekte Freundin sein, die ich gerne wäre. Manchmal sage ich Sachen, die ich hinterher bereue. Doch all diese Gefühlsausbrüche haben eine Berechtigung. Und sie werden von meinen Freund:innen akzeptiert.

Menschen, die diese Art von Freundschaften führen, haben meiner Meinung nach die besten Voraussetzungen, um eine ernsthafte Partnerschaft zu führen. Vielleicht ist es gerade deshalb für viele so schwierig, eine liebenswerte Person zu finden, die all dem gerecht wird. Die dasselbe Verständnis von Liebe hat wie ich: Dass es viel schöner ist, jemanden mit all seinen Schwächen und Absonderlichkeiten zu lieben, als ausschließlich auf das Perfekte, Makellose zu achten.

Fazit

Und so weigere ich mich, das Wort beziehungsunfähig in den Mund zu nehmen, mich als das zu bezeichnen und geschweige denn anderen diesen Schuh anzuziehen. Wenn wir in der Lage sind, gesunde Freundschaften zu führen – und Freundschaften zählen zu Beziehungen –, dann können wir auf keinen Fall beziehungsunfähig sein. Vielleicht sollten wir aufhören, Beziehungsunfähigkeit als Ausrede dafür zu benutzen, dass wir uns gerade einfach auf keine feste Partnerschaft einlassen wollen. Einfach nicht die Mühe aufbringen möchten, uns auch mit den Verantwortlichkeiten einer Beziehung abzugeben. Stattdessen könnten wir uns mit der Relevanz von gesunden, tiefgreifenden Freundschaften beschäftigen. Genauso wie mit uns selbst. "Hurt people hurt people“ – verletzte Menschen verletzen Menschen. Lasst uns doch lieber an uns selbst und unseren Freundschaften arbeiten – denn die halten häufig ein Leben lang – als ziellos nach Partner:innen Ausschau zu halten, um bloß nicht alleine zu sein (was wir übrigens auch nicht sind, wenn wir aufrichtige Freundschaften führen). Ich bin mir sicher, dass dann irgendwann Personen in unsere Leben treten werden, die all die Arbeit zu schätzen wissen – weil sie diese genauso hinter sich gebracht haben. Und allerspätestens dann wird uns auch niemand mehr als beziehungsunfähige Generation bezeichnen.

Brigitte

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