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Geschiedene Frau erzählt "Mein Anwalt schlug die Hände über dem Kopf zusammen"

Blind vor Liebe: Frau unterschreibt Vertrag
© GaudiLab / Shutterstock
Die Maklerin Anja, 47, rät ihren Kundinnen immer, sich bei Investitionen nicht von Gefühlen beeinflussen zu lassen. Doch im Zustand höchster Verliebtheit setzte auch bei ihr der Verstand aus.

Ich konnte schon immer gut mit Geld umgehen. Ich bin keine Frau, die Angst vor Investitionen hat und sich scheut, gegebenenfalls auch hohe Kredite aufzunehmen. Als Maklerin habe ich viele Jahre lang für viele Menschen das richtige Haus oder die perfekte Wohnung gefunden. Für mich übrigens auch: Ich habe in meinem Leben schon einige Häuser gekauft und später gewinnbringend wieder verkauft. Dass also ausgerechnet mich eine Immobilie an den Rand des Ruins treiben könnte, hätte ich niemals gedacht. Passiert ist es, als die Träumerin in mir wohl stärker war als die kühl Kalkulierende.

Ein aufregender Neubeginn

Marc und ich hatten früher schon mal eine On-Off-Beziehung gehabt, und als er sich Jahre später wieder bei mir meldete, waren wir beide Single. Schon bei unserem zweiten Treffen wurde ich ungeplant schwanger. Ich war zu dem Zeitpunkt 42 Jahre alt und hatte eigentlich mit dem Kinder-Thema abgeschlossen. Aber im Rausch des Neubeginns nahm ich das als ein Zeichen: "Das sollte wohl so sein!" Marc sah das genauso, wir waren uns vollkommen einig, was die nächsten Schritte sein würden.

Ich zog in Marcs Heimatstadt, wir fanden ein schönes Haus für unsere kleine Familie. Das einzige Problem, das ich kommen sah, war meine Berufstätigkeit: Was würde ich in Zukunft machen? Mit Baby wollte ich nicht mehr als freie Immobilienmaklerin arbeiten, die Arbeitszeiten passen nicht gut zum Familienalltag. Als ich über einen Newsletter-Verteiler das Angebot für eine Nordsee-Ferienanlage bekam, erschien mir das wie ein weiterer Wink des Schicksals: Die Verwaltung einer einzelnen, großen Immobilie würde mein neuer Job werden.

Marc und ich besichtigten das alte Gutshaus mehrere Male, und vier Wochen, bevor unser Sohn auf die Welt kam, kauften wir die Ferienanlage. Für die Finanzierung musste ich Aktienfonds und meine Lebensversicherung auflösen, die ich eigentlich zur Absicherung im Alter haben wollte. "Wir leben jetzt", hatte Marc gesagt. "Außerdem werden wir später auch von meiner Rente und den Mieteinnahmen leben können."

Vertrauensbruch, Wasserschäden und ein unmöglicher Vertrag

Rechnerisch hätte das funktioniert. Aber was ich dabei nicht mitgerechnet hatte: dass sich Marc wenige Monate nach der Geburt von mir trennen würde, weil ich "als Mutter nicht mehr die Frau war, in die er sich verliebt hatte".

Ich war seit meinem Abitur immer finanziell allein klargekommen. Ich schlug Marc einen Deal vor: Ich verzichtete auf Zahlungen für mich und unseren Sohn, dafür sollten die Mieteinnahmen aus der Anlage komplett an mich gehen. Zwei Jahre funktionierte das. Im Sommer waren die Wohnungen mit Feriengästen belegt, der Herbst und Winter war für Monteure reserviert. Dann aber blieben die Handwerker aus, weil die ansässige Firma pleite war. Gleichzeitig standen plötzlich größere Renovierungen an: Mehrere Heizungsrohre waren in der Wand geplatzt, wir hatten Wasserschäden. Ich hatte Rücklagen, aber irgendwann waren sie aufgebraucht. Als ich Marc um Unterstützung bat, schlug er mir vor, dass er die Kosten übernehme, wenn ich ihm all meine Anteile überschreibe. Wenig später forderte er, ich sollte ihn auszahlen, sonst würde er zwangsversteigern.

Mein Anwalt schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er unsere Verträge studierte. "Wie konnten Sie das unterzeichnen?!" Tja, wie konnte ich? Ich hatte eben blind darauf vertraut, dass Marc mir, der Mutter seines Kindes, bestimmt nie schaden wollen würde. Dank meines Anwalts zahlte Marc mir letztendlich zumindest einen Teil der Gelder zurück. Doch eins weiß ich heute: Ich würde mich bei so einer Investition nie wieder von Gefühlen beeinflussen lassen. So wie ich es übrigens allen meinen Kunden immer geraten habe.

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