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Bummeln Wann ist Trödeln wieder erlaubt?

Bummeln: Frau geht Treppe herunter
© progressman / Shutterstock
Seit Monaten ist es angezeigt, sich nicht länger als nötig in Geschäften aufzuhalten. Stefanie Hentschel fällt das besonders schwer. 

Seit Buchläden in Hamburg nach der coronabedingten Schließung wieder öffnen dürfen, hängen in einem, in dem ich oft Bücher für mich und meine beiden Töchter kaufe, Plakate mit Hinweisen zum richtigen Anti-Corona-Verhalten: Mundschutz, kein Händeschütteln, in die Armbeuge niesen, Abstand halten, alles klar. Aber da steht auch: "Bitte erledigen Sie Ihre Einkäufe so schnell wie möglich." Schluck.

Rumbummeln war gestern 

Ich weiß, dass das kindisch ist, aber ich hab mich sofort irgendwie abgelehnt gefühlt: Die wollen mich also nicht länger als unbedingt nötig dahaben. Ich bin nicht blöd und WEIß, dass die Mitarbeiter*innen sich nicht länger als nötig einem Ansteckungsrisiko aussetzen wollen, was nachvollziehbar ist, aber GEFÜHLT hab ich halt was anderes. Und das in einem Buchladen! Wo das Stöbern und Rumtrödeln doch dazugehört, Buch in die Hand nehmen, blättern, zur Seite legen, anderes in die Hand nehmen ... Aber klar, das war alles vor Corona, auch das mit dem In-die-Hand-nehmen-und-wieder-Hinlegen.

"So schnell wie möglich, bitte." Das bringt schnörkellos auf den Punkt, was wir uns "in diesen Zeiten" außer Umarmungen haben abgewöhnen müssen: Trödeln. Rumbummeln. Saumseligkeit. Vor allem beim Einkauf. Wir halten Abstand zu anderen. Wenn die andere vor mir aber stehen bleibt, um auf ihr Handy zu gucken, in der Hosentasche nach Kleingeld zu kramen oder ihrem Kind Kaugummi aus den Haaren zu pulen, und ich wegen fehlender Abstandsmöglichkeit nicht an ihr vorbeikomme, muss ich auch stehen bleiben und warten, und das nervt mich. Ich denk mir: "Bleib nicht stehen, ey. Mach gefälligst so schnell wie möglich. Ist das zu viel verlangt?" Und dass ich dann so denke, finde ich nicht schön. Denn ich bin eine Freundin des Gemächlichen.

In großen Supermärkten kann ich, wenn es meine Zeit erlaubt, sehr, sehr lange verweilen. Ich wähle sorgfältig zwischen Varianten des Benötigten, vergesse was, gehe zurück, finde meinen abgestellten Wagen nicht wieder, entdecke ein neues Produkt, lese nur aus Interesse die Liste mit allen Inhaltsstoffen, koste von einer Warenprobe, treffe eine Bekannte, umarme sie (!), verplaudere mich. Das geht jetzt natürlich alles so nicht mehr. (Und macht mit Mundschutz auch weniger Spaß.)

Das Trödeln wird zurückkehren

Ichiro Matsui, der Bürgermeister der japanischen Stadt Osaka, kennt offenbar nur Frauen wie mich, denn er hat im April angeregt, dass während der Pandemie besser nur Männer zum Einkaufen gehen sollten. Frauen bräuchten einfach zu lange, "während sie sich umsehen und beim Kauf von diesem oder jenem zögern". Für mich kann ich sagen: Isso. (Dafür kaufen die Männer, die ich kenne, immer nur einen Bruchteil dessen, was man braucht, und am Ende muss die Frau doch noch mal los und das Olivenöl besorgen.) Aber es würde mich doch sehr schmerzen, deshalb nicht mehr einkaufen zu können. Ich versuche, ein kleines bisschen schneller zu machen und bei drei angebotenen Kokosmilch-Joghurts einfach einen zu greifen, statt lange das Für und Wider jeder der drei Marken gegeneinander abzuwägen. Okay?

Aber weil ich fest daran glaube, dass wir in Sachen Pandemie auf einem guten Weg sind, vertraue ich darauf, dass das Trödeln zurückkehrt. Wenn man sich wieder dicht an jemandem vorbeidrängeln kann, der sich im engen Drogeriemarktgang in der Hocke sitzend nicht zwischen zwei Universalreinigern entscheiden mag, dann muss man nicht mehr gereizt denken: "Das hab ich aber schon schneller gesehen!", sondern man zieht einfach den Bauch ein und quetscht sich gelassen durch, und jede*r lebt weiter nach seinem oder ihrem Tempo. Ich freu mich drauf!

Stefanie Hentschel vermisst spontane Umarmungen. Und den kompletten Unterricht in der Schule für ihre beiden Töchter – weil Kinder zum Lernen Gemeinschaft brauchen.

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BRIGITTE 15/2020

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