Care-Arbeit: Genug gekümmert!

Frauen umsorgen gern: die Kinder, den Mann, die Eltern, die Schwiegereltern. Doch so selbstlos, wie es scheint, ist das Kümmer-Gen nicht. Denn es erwartet eine Gegenleistung. Und ab da wird’s kompliziert.

Moment. Nur kurz, bevor wir anfangen: Haben wir uns heute schon um alles gekümmert? Selbstverständlich, wie immer: um Kinder und Tiere, Partner und Partnerinnen, alte Eltern und Schwiegereltern, um Freunde, Kollegen und Bekannte. Denn Kümmern können wir: Wir organisieren, planen, putzen, kaufen ein, kochen, räumen nachher die Spülmaschine ein und überhaupt alles wieder schön auf. 

Kümmern als weibliche Kernkompetenz?

"Care-Arbeit" heißt das offiziell. Klingt schick, macht aber eben, genau, Arbeit. 3,19 Stunden täglich leisten Frauen davon allein im Haushalt (Männer: 2,04), dazu kommen Kinder- und Familienbetreuung. Und wenn wir uns gerade mal nicht kümmern, denken wir darüber nach, um was wir uns als Nächstes kümmern sollten.

„Emotional Labour“ nennt die Autorin Gemma Hartley ("Es reicht") diese ständige Last des Drandenkens. Sie stellt eines (Mutter!)Tages genauso erstaunt wie entsetzt fest: "Für meinen Mann war inzwischen jede Arbeit, die er machte und die in die Kategorie 'sich kümmern' fiel, zu einem Gefallen geworden, den er mir tat." Warum gilt Kümmern eigentlich als weibliche Kernkompetenz? Klar, Sorgearbeit ist traditionell Frauensache: Kinder, Küche, Kirche. Selbst wenn die Kirche in dieser Trias heute keine Rolle mehr spielt: Traditionen sind starr und stark.

Aber gab es da nicht mal eine Bewegung, ich glaube, man nannte sie EMANZIPATION? Sicher, nur leider hat sie das Kümmer-Dilemma noch verschärft. Denn jetzt sollen wir arbeiten – und uns trotzdem weiter um alles andere kümmern: Kinder, Küche, Karriere. Der Care-Vollzeitjob muss nun also in Teilzeit erledigt werden. Und wir hauen rein – statt das Kümmern endlich gerecht aufzuteilen und auch den Partner in die Pflicht zu nehmen, Arbeitszeit zu reduzieren.

20 Prozent aller Mütter sind so erschöpft, dass sie Behandlung brauchen, weitere 30 Prozent fühlen sich kurz vor dem Zusammenbruch.

Dieses Ungleichgewicht hat böse Folgen: 20 Prozent aller Mütter sind so erschöpft, dass sie Behandlung brauchen, weitere 30 Prozent fühlen sich kurz vor dem Zusammenbruch. Frauen sind doppelt so häufig wegen eines Burnout krankgeschrieben wie Männer. Die meisten Dauerkümmerinnen sind über 40, wenn plötzlich nichts mehr geht und der Körper unmissverständlich klarmacht: So geht es nicht mehr weiter. Zum Glück braucht es für einen solchen Aha-Moment nicht zwingend ein Burnout.

Mit der Ich-Zeit überfordert statt glücklich

Die meisten von uns kommen ins Nachdenken, wenn die Kinder älter werden und es im Job ein bisschen ruhiger wird. Damit wird potenzielle Ich--Zeit frei – mit deren sinnvoller Füllung wir im ersten Moment schlichtweg überfordert sind: Wie geht das eigentlich noch mal genau, dieses Sich-um-sich-selbst-Kümmern? Warum fühlen wir uns leer statt einfach nur frei?

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Vielleicht weil uns das Sich-Aufopfern für andere auch etwas gegeben hat, sagt Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer (siehe Interview rechts): Sicherheit, Selbstbestätigung, Sinn – und nicht zuletzt Macht: "Sich kümmern ist auch eine Größenfantasie: Ich kann alles, ich schaffe alles, es gibt niemanden, der es sonst machen könnte." Wenn wir uns nicht mehr kümmern, geben wir damit also eine mächtige Position auf. Auch Gemma Hartley glaubte jahrelang, sie allein könne jeglichen Care-Job in ihrer Familie leisten. Erst als sie diese Selbstüberschätzung enttarnte, platzte der Knoten. Um loslassen zu können, müsse man zuallererst Verantwortung für sich selbst übernehmen, sagt Gemma Hartley.

Lernen, auch mal sich selbst an oberste Stelle zu setzen

Dann, und nur dann, melden sich auch die eigenen Wünsche und Bedürfnisse wieder, die so lange in Schach gehalten wurden: Wichtig sein dürfen. Laut sein dürfen. Unbequem. Oder, ganz schlicht und banal: Einfach mal wieder zum Friseur gehen zu wollen, ohne den Termin dreimal zu verschieben, weil alles andere wichtiger war.

Wenn, ja, wenn da nicht noch das kleine Problem wäre, dass andere unsere Wünsche und unseren plötzlichen Kümmer-Streik leider nicht automatisch bejubeln. Wenn wir das Catering für die an Vollpension gewöhnten Pubertiere einstellen, finden die das nicht "nice" - und wir müssen das aushalten. Schmidbauer spricht davon, "die Kränkungen des Nicht-Helfens zu ertragen". Wer seine gewohnte Rolle verlässt, irritiert und provoziert Konflikte. Aber, ganz ehrlich: Unsere Kinder (und auch alle anderen) werden es überleben.

Die können schon ganz gut für sich selbst sorgen. Und könnte es sein – nur so eine Hypothese –, dass unser Kümmer-Streik sie sogar selbstständiger werden lässt? Mag sein. Können wir uns jetzt aber gerade wirklich nicht weiter drum kümmern.

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BRIGITTE WOMAN 2/2020

Wer hier schreibt:

Sina Teigelkötter
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