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Corona aktuell Psychisch krank: Wie die Pandemie alles verschlimmerte

Corona aktuell: Psychisch krank: Wie die Pandemie alles verschlimmerte
© Marjan Apostolovic / Shutterstock
Unsere Autorin Julia ist hochsensibel und hatte jahrelang ihre Angststörung, psychisch bedingte Schluckstörung und Depression ganz gut im Griff. Doch dann kam die Coronapandemie - und alles wurde schlimmer.

Ich beiße in die Pommes, doch mein Hals schnürt sich zu. Nicht wie sonst ein bisschen, sondern komplett. Der Schluckakt wird zum unüberbrückbaren Problem: Scheiße!

Eigentlich hatte ich mich auf den Abend gefreut. Es ist Sommer, die Pandemie beherrscht seit fünf Monaten unser Leben. Endlich darf ich drei lieb gewonnene Arbeitskolleginnen wiedersehen. Wir gehen abends gemeinsam essen – so wie vor Corona beinahe täglich. Doch diesmal ist alles anders, denn: Ich kann nicht schlucken.

Schluckstörungen: Kontrollverlust und gesellschaftliches Aus

Seit sieben Jahren leide ich an einer psychisch bedingten Schluckstörung, ein Teil meiner Angststörung. Sie tritt immer in der Öffentlichkeit auf, wenn ich in Gesellschaft von anderen esse. Bisher hatte ich die Störung im Griff, jedes gemeinsame Essen galt als Konfrontationstherapie – bis Corona Einzug in unser Leben hielt. Die gemeinsamen Lunchdates fielen weg, ich aß allein zu Hause.

An diesem Sommerabend mit meinen Kolleginnen merkte ich: Die fehlenden Essensverabredungen haben meine Schluckstörung stark verschlimmert. Ich war kaum in der Lage, vor den anderen meine Pommes zu essen und schob eine Ausrede vor. Zu groß war die Scham, dass sie mitbekommen könnten, was mit mir los war. Ich realisierte, dass ich die Kontrolle über meine Angst verloren hatte. Von nun an kontrollierte die Angst mich.

Hallo Angststörung, da bist du ja wieder!

Eine Verschlimmerung meiner Angststörung machte sich bereits zu Beginn der Pandemie bemerkbar. Am vorletzten Märzwochenende lag ich auf der Couch und schaute mir die Nachrichten an. Auf dem Fernseher verließ eine Militärwagen-Kolonne die italienische Stadt Bergamo. In ihnen befanden sich etliche Corona-Tote. Zum ersten Mal begriff ich, wie schlimm die Lage wirklich war.

Meine Hände wurden schweißnass und eiskalt. Mein Herz schlug schneller und schneller. In meiner Brust entstand ein Engegefühl. Schwindel setze ein, mein Blick verschwamm. Ich musste raus aus der Situation, stand auf, öffnete ein Fenster und atmete die kalte, klare Luft tief ein. Dieser Zustand passierte ab jetzt immer öfter. Hallo, Angstzustände, ich habe euch nicht vermisst!

Depression? Here I come!

Auch meine Depression meldete sich vermehrt zu Wort – in Form von extremen Stimmungsschwankungen. Mitte Mai, nach Monaten ohne Kino, Konzerten und Co. fing ich eines Abends heftig an zu weinen, ohne Vorwarnung. Die Traurigkeit übermannte mich und ließ mich für Stunden nicht mehr los. Die Weinattacken und extremen Stimmungshochs- und -tiefs setzten ab da regelmäßiger ein – mal stunden-, mal tagelang.

Hochsensibilität oder: Wie das Treffen mit Freunden zur körperlichen Belastungsprobe wird  

Es ist Herbst 2020, der zweite Lockdown naht. Und auch die Bitte der Bundesregierung: "Reduziert eure sozialen Kontakte", ertönt wieder aus den Lautsprechern der Fernseher. Was die monatelangen Maßnahmen mit mir machten, merkte ich nicht nur beim Restaurantbesuch mit meinen Arbeitskolleginnen, sondern auch beim Besuch einer Freundin.

Nach dem Treffen fühlte ich mich regelrecht erschöpft – als ob ich einen Marathon gelaufen wäre. Bin ich aber gar nicht. Ich saß lediglich wenige Stunden auf einer Couch und habe mich unterhalten. Auf dem Nachhauseweg merkte ich, wie eine Last von meinen Schultern fiel. Dann setzten Kopfschmerzen, Nackenverspannungen und ein Gefühl von Gliederschmerzen ein. Diese Situation wiederholte sich nach jedem Treffen. Soziale Kontakte machten mir also auch immer mehr zu schaffen.

Wichtiger Hinweis für Betroffene:
Leidest du unter Depressionen, hast du Selbstmordgedanken oder kennst du jemanden, der solche schon einmal geäußert hat? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar.
Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

8 Strategien, die mir geholfen haben

Nach jahrelanger Therapieerfahrung habe ich gelernt, wie ich mir selbst helfen kann - auch in dieser Ausnahmesituation. Meine Strategien sind KEIN Ersatz für eine Therapie. Wenn jemand ernsthaft Hilfe benötigt: Bitte die obenstehende Nummer der Telefonseelsorge anrufen.

  1. Nur das machen, was mir guttut: Ich verpulvere momentan meine gesamte Kraft auf der Arbeit. Danach ist mein Akku leer und ich will nur noch auf die Couch und Trash TV schauen – und das ist ok.
  2. Nicht zu streng mit mir sein: Anknüpfend an den ersten Punkt: Wenn ich anstatt zu lesen lieber fernsehen möchte? Kein Problem! Bin ich an einem Tag kaum produktiv gewesen? Auch das ist nicht schlimm. Vielleicht wird der nächste Tag ja besser.
  3. Routinen einhalten: Mein wöchentlicher Selfcare-Sonntag, Wohnungsputz-Tag und der samstägliche Kaffeespaziergang – das brauche ich zum Glücklichsein.
  4. Mich zu Telefonaten mit Freunden und Familie zwingen: Ich fühle mich oft antriebslos. Aber regelmäßige Telefonate mit Freunden und Familie sind wichtig, da sie mir guttun.
  5. Feel-Good-Serien schauen: Ich habe schon 20 Mal "Gilmore Girls" oder "Sex and the City" gesehen? Geht auch noch ein 21. Mal!
  6. Einmal am Tag Nachrichten konsumieren: Wenn ich zu viele Nachrichten schaue, wachsen meine Ängste. Daher reduziere ich meinen Nachrichtenkonsum auf ein Minimum.
  7. Von Tag zu Tag zu planen: Ich mache keine Verabredungen mehr in der Hoffnung, dass ich weit entfernte Freunde und meine Familie sehen kann. Die Enttäuschung ist zu groß, wenn es nicht klappt.
  8. Mich auf meinen Job fokussieren: Ich habe das große Glück, einen Beruf auszuüben, der mir Spaß macht. Daher habe ich mir berufliche Ziele für 2021 gesetzt und fokussiere mich darauf, sie umzusetzen. Ablenkung mit Arbeit? Klappt!

Verwendete Quellen: eigener Erfahrungsbericht

Brigitteonline

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