Corona, meine Freunde und ich: "Du nimmst das echt ernst, oder?"

Die Coronakrise stellt nicht nur Beziehungen, sondern auch Freundschaften auf die Probe. Unsere Redakteurin berichtet über den Schwank zwischen Sehnsucht und Spießertum.

Freitagabend. Ich sitze in meiner Küche, trinke ein Bier, höre Musik. Vielleicht lese ich ein Buch oder schaue eine Serie. Fünf Kilometer weiter: Meine Freunde sitzen in einem Wohnzimmer. Sie trinken Bier, hören Musik, schauen vielleicht eine Serie. Unsere Abende sehen dieser Tage also ziemlich ähnlich aus. Wäre da nicht ein klitzekleiner Unterschied: Ich verbringe sie alleine. Meine Freunde nicht. 

Die Coronakrise stellt das Gesundheitssystem, die Wirtschaft, die Gesellschaft vor eine Herausforderung. Und Freundschaften. Denn nicht jeder geht gleich mit dem Coronavirus um.

Die Coronafrage entzweit Freundschaften

Es ist ein Wandeln auf dünnem Eis, wenn man dieser Tage mit seinen Freund*innen kommuniziert. Mit dem ersten "Wie geht's dir?" bewegt man sich noch sicher, doch schon beim "Was machst du die Tage so?" wird es wackelig: Hier trennt sich die Spreu vom Weizen, das Öl vom Wasser, die Lakritz- von der Schokofront. Denn in der Antwort entscheidet sich, zu welcher Fraktion das Gegenüber gehört: Corona-Partytier oder Maskenträger? 

Ich für meinen Teil habe in meinem Freundeskreis schon so gut wie alles zu hören bekommen. So viele Dinge uns im normalen Leben verbinden mögen – mit der Coronakrise gehen wir schockierend unterschiedlich um. Grob kann ich meine Freunde in zwei Lager aufteilen: Die einen nehmen die Bedrohung ernst, beschränken ihre sozialen Kontakte auf den Partner oder höchstens eine weitere Person. Die anderen treffen sich weiter – nur jetzt eben zu Hause statt in der Kneipe.

Die einen isolieren sich voller Sorge, als stiller Überträger Freunde und Familie anzustecken. Die größte Sorge anderer wiederum ist es, beim Spieleabend von den Nachbarn erwischt zu werden. 

Der Zwiespalt sorgt bei mir persönlich für ambivalente Gefühle. Meine Freunde scheinen bereits zu merken, dass ich für Treffen im Moment nicht zu haben bin. Doch alleine zu Hause zu sitzen, während andere sich weiter sehen, fühlt sich zwar außer Frage richtig an – aber komisch. Freiwillig ausgeschlossen, distanziert, alleine. Wenn ich wollte, könnte ich dazugehören. Will ich aber nicht. Und das kostet mich Überwindung.

"Kommst du noch mit zu uns?", werde ich nach einem gemeinsamen Spaziergang mit Mindestabstand ebenso gefragt, wie, "du nimmst das mit dem Social Distancing echt ernst, oder?". Meine Antworten sind nach heruntergschlucktem Unverständnis immer dieselben: Nein. Und ja. Ich nehme es nicht ernst, es ist ernst. Bin ich deswegen ein Spießer? Ich finde nicht.

Trotzdem wohnt dieser Tage auch in meinen Bauch ein kleines Teufelchen, das mit seinem Zacken gegen meine Magenwand piekst. Es heißt Sehnsucht. Es will mich dazu bringen, doch mitzukommen. Es stößt mich an, ein wenig lockerer zu werden. Es macht mir klar, dass ich mich selbst ausschließe. Und dass ich meine Freunde verdammt vermisse.

Meine Welt bleibt gerade stehen. Die Welt mancher meiner Freunde dreht sich weiter.

Das ist okay. Denn letztendlich hilft es in dieser Krise, wie in jeder anderen, nur, sich selbst und anderen zu vertrauen. Zu vertrauen, dass jeder auf seine Art in der Coronakrise sein Bestes gibt. Zu vertrauen, dass diese Zeit ein Ende haben wird. Und zu vertrauen, dass daran keine Freundschaften zerbrechen.

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Wenn ich jetzt nur ein Menschenleben retten kann, indem ich ein paar Wochen auf meine Freunde verzichte und ein wenig Einsamkeit aushalte, werde ich das nach wie vor tun. Denn einem kann man sich dieser Zeiten dann doch sicher sein: Das erste Treffen nach der Coronakrise wird die Abstinenz wert sein. Da kann das Teufelchen noch so pieksen.

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