Von Gutmensch bis Corona-Schwein: Wie weit muss Nächstenliebe eigentlich gehen?

Die Coronakrise hat Zusammenhalt und Wir-Gefühl in unserer Gesellschaft gestärkt – aber bei manchen auch das schlechte Gewissen, wenn sie doch mal an sich denken ...

"Flatten the curve!", #stayathome, #wirbleibenzuhause – zu Beginn der Corona-Pandemie schien es fast so, als wäre es zur Abwechslung mal relativ einfach, ein guter Mensch zu sein und etwas für die Gemeinschaft zu tun: Zu Hause bleiben, Hände waschen, Abstand halten, fertig. Damit hatte man sein Möglichstes getan, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Doch spätestens seit Abstand halten Gesetz ist und die Problemwelle, die die an sich gute Tat des zu Hause Bleibens ausgelöst hat, in vollem Gange, kann man schon wieder locker 24/7 in Gewissensfragen feststecken und von einem moralischen Dilemma ins nächste rutschen:

  • Muss ich jetzt Hunderte Gutscheine kaufen, um möglichst viele Restaurants und kleine Läden in meiner Stadt zu unterstützen?
  • Darf ich mein Geld für nicht erbrachte Leistungen zurückfordern, obwohl ich weiß, dass dem betreffenden Unternehmen die Pleite droht?
  • Darf es mir gerade überhaupt gutgehen, während andere um ihre Existenz kämpfen?
  • Und etwas abstrakter gefragt: Wie weit müssen Solidarität und Selbstlosigkeit jetzt eigentlich gehen?  

Zeigen wir in der Krise wirklich unser wahres Gesicht?

Als wären solche Gewissensbisse und -fragen nicht schon quälend genug, bekommen wir dann auch noch ständig zu hören:

  • "In Krisen und Extremsituationen zeigen Menschen ihr wahres Gesicht."

Ganz toll. Dann wären wir also, wenn wir jetzt unser Geld zurückverlangen und den Gutschein ablehnen, nicht nur in diesem Fall ichbezogen, sondern entsprächen dabei unserem wahren, selbstsüchtigen Charakter?!

Andererseits steckt hinter dieser immer und immer wiedergekäuten These von dem wahren Gesicht und der Krise ein extrem fragwürdiges Menschenbild. Warum sollte gerade das Gesicht, das wir in einer Extremsituation zeigen, unser wahres sein? Sind wir wirklich wir selbst, wenn wir verunsichert, überfordert und panisch sind? Oder sind wir das nicht eher, wenn wir uns entspannt und emotional ausgeglichen fühlen und deshalb den einen oder anderen klaren Gedanken fassen können ...?

Auch vor Gericht wird schließlich als schuldmindernd anerkannt, wenn Menschen eine Tat im Affekt begangen haben. Vielleicht sollten wir ebenso in unserem persönlich individuellem Rechtssystem, aka unserem Gewissen, ein wenig milder bei unseren Urteilen vorgehen, wenn wir ein bisschen neben der Spur sind. Auf jeden Fall brauchen wir uns den Schuh, dass wir jetzt alle unser wahres Gesicht zeigen, schon mal nicht wie selbstverständlich anzuziehen.

Es ist kein Verbrechen an sich zu denken

Trotzdem löst das wahrscheinlich noch nicht das Dilemma, vor dem einige jetzt stehen:

  • Gutschein akzeptieren oder Geld zurückverlangen? Helfen oder an sich denken?

Da der moralische Kompass bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich eingestellt ist, lässt sich das wohl kaum grundsätzlich lösen. Die einen fordern staatliche Unterstützung und Prämien, obwohl ihr Unternehmen Dividenden an Aktionäre ausschüttet, andere können nachts nicht ruhig schlafen, wenn sie das Geld für ihre Urlaubsreise zurückverlangen – obwohl sie damit aufs Spiel setzen, im nächsten Jahr überhaupt in den Urlaub fahren zu können.

Natürlich ist es SUPER, wenn wir uns gegenseitig helfen und unterstützen! Wer es sich leisten kann, auf Rückzahlungen zu verzichten, und das auch tut, verdient auf jeden Fall ein paar Karma-Punkte! Wer seine Lieblingsläden und -restaurants durch Gutscheinkäufe unterstützt, leistet vielleicht selbst einen Beitrag dazu, dass er dort auch in Zukunft noch einkaufen oder essen kann. Wer nichts von alledem tut, ist deshalb aber noch lange kein Schwein. An sich selbst zu denken, ist schließlich kein Verbrechen – und letztendlich tun diejenigen, die darum bitten, dass man sich mit einem Gutschein zufriedengibt, ja auch nichts anderes.

Sympathische Frau

Niemand von uns ist für diese Pandemie verantwortlich. Niemand von uns trägt die Schuld daran, dass Menschenleben zu schützen in diesem Fall und in unserer Welt so teuer ist und so krasse Kollateralschäden verursacht. Niemand von uns muss sich dafür verantwortlich fühlen, das Chaos alleine wieder aufzuräumen – oder schlecht, wenn ihn die Krise weniger hart getroffen hat als andere.

Denn seien wir doch mal ehrlich: Wer alleine eine Krise durchlebt, kann sich oftmals auch nur auf seine Liebsten verlassen. Und ob das in Ordnung ist oder nicht, steht in der Regel auch nicht zur Debatte ...

sus
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