Depressionen und Angst in der Coronakrise - was hilft, wenn es schlimmer wird?

Was tun, wenn die Coronakrise Angststörungen und Depressionen verstärkt und ich vor Sorgen nicht mehr weiter weiß? Dazu haben wir mit einem Psychologen gesprochen.

Die Coronakrise ist eine Extremsituation für unsere ganze Gesellschaft. Besonders belastend kann sie für Menschen werden, die ohnehin schon unter Ängsten und Depressionen leiden. Was insbesondere diesen Menschen helfen kann, mit den psychischen Belastung durch die Corona-Pandemie umzugehen, dazu haben wir mit dem Psychologen Prof. Dr. Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität Bochum gesprochen (Lehrstuhl Klinische Psychologie & Psychotherapie).  

BRIGITTE.de: Professor Dr. Margraf, die Coronakrise führt auch dazu, dass Menschen mit psychischen Belastungen wie Depressionen und Angststörungen in große Bedrängnis geraten. Was kann helfen, wenn ohnehin schon starke negative Emotionen durch die Furcht vor dem Coronavirus noch verstärkt werden?  

Prof. Dr. Jürgen Margraf: "Ich finde es gut, dass Sie danach fragen, denn diese Menschen gibt es und zwar in großer Zahl und die darf man jetzt auch nicht vernachlässigen. Grundsätzlich ist es so, dass Sie auch während der bundesweiten Kontaktsperre in Ihre Psychotherapeutische Praxis gehen können, denn Psychotherapie ist eine "notwendige medizinische Leistung". Allerdings wollen sowohl Patienten als auch Therapeuten verständlicherweise vermehrt auf persönlichen Kontakt verzichten oder aber sie stehen unter Quarantäne. Darum brauchen wir jetzt Video- und Telefontherapien und dann wird das auch alles bewältigt werden können.

Es gibt allerdings Abrechnungsregelungen, die die Abrechnung psychotherapeutischer Behandlungen derzeit richtig erschweren. Wir sind von einem sehr archaischen Verständnis von Psychotherapie geprägt. Man muss vor Ort sein, man muss in bestimmten Räumen sein und so weiter – als ob es so etwas wie das Internet oder das Telefon nicht gäbe. Es ist aber zu erwarten, dass die Kassen und die kassenärztlichen Vereinigungen usw. da ein Einsehen haben und nicht verlangen werden, dass in großer Zahl Patienten und Therapeuten kreuz und quer durch die Republik fahren, nur um diesen Abrechnungsregelungen zu genügen.

Wird es insgesamt schwerer oder wird es weniger schwer? Ein bisschen Entwarnung kann ich geben, denn es ist oft so: In echten, großen Krisenzeiten, da nimmt interessanterweise die Rate von Depressionen und auch Suiziden eher ab. Es ist wohl so, dass man weniger Zeit hat zu grübeln, wenn man sich darum kümmern muss zu überleben. So weit sind wir noch nicht, aber von daher habe ich Hoffnung."  

Ist es in einer solchen Notsituation ratsam, mehr Medikamente gegen Symptome dieser psychischen Störungen zu nehmen?  

"Es ist natürlich so, dass in dieser Situation verstärkt Medikamente genommen werden. Medikamente sind aber keine langfristigen Lösungen für Ängste und Depressionen. Wir haben in Deutschland ohnehin eine sehr hohe Rate von Verschreibungen dieser Medikamente und wir haben eine hohe Rate von Abhängigkeiten. Nach den offiziellen Zahlen der Bundesregierung haben wir seit einigen Jahren erstmals mehr Medikamentenabhängige als Alkoholabhängige in Deutschland und das darf nicht noch mehr verstärkt werden. Es stimmt mich aber hoffnungsvoll, dass ich jetzt, wenn ich mit Menschen spreche, eher Solidarisierung und ein der Situation etwas Positives abgewinnen heraushöre. Es ist auch grundsätzlich so, dass die große Mehrheit der Menschen sich eher als Optimisten sieht und nicht als Pessimisten. Optimisten können diese Situationen besser bewältigen. Aber wir dürfen eben diejenigen nicht vergessen, die schon Probleme hatten und bei denen das jetzt möglicherweise noch akuter wird."  

Die Telefonseelsorge verzeichnet derzeit eine steigende Zahl von Anrufen. Wo finden Menschen außerdem Hilfe, die Ängste und Sorgen haben, die vielleicht ahnen, dass sie an Depressionen leiden und psychische Unterstützung brauchen, die aber noch keine Therapeut*in an ihrer Seite haben?  

"Das ist in der Tat schwierig. Wir arbeiten daran, dass wir die Ressourcen bei den universitären Therapieinstituten ausbauen. Da gibt es einen Verband, der "unith" heißt (unith.de). In ihm sind Institute, die in Psychologischer Psychotherapie sowie Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie ausbilden, zusammengeschlossen. Diese Einrichtungen haben unter anderem durch diese Abrechnungsregelungen, von denen ich gesprochen habe, eine ganz Reihe von Therapeuten, die nicht ihre üblichen Therapien durchführen und dadurch ungenutzte Ressourcen haben. Wir arbeiten daran, diese Ressourcen nutzbar zu machen und wollen bis zum Ende dieser Woche eine Möglichkeit einrichten, uns anzurufen und sich dann beraten zu lassen. Die Möglichkeit der Abrechnung ist aktuell noch nicht geklärt, das wird sich aber hoffentlich noch lösen lassen.  

Eine weitere Anlaufstelle für die Suche nach Therapeut*innen sind die Webseiten der Psychotherapeutenkammern, die es in jedem Bundesland gibt. Außerdem können Sie sich auch an Ihre Krankenkasse wenden.  

Darüber hinaus würde ich empfehlen, seriöse Quellen im Internet zu nutzen, um Ratschläge zum Umgang mit Ängsten und Depressionen zu bekommen. Ich persönlich denke, dass die Qualitätsmedien da einen guten Job machen. "  

Gibt es darüber hinaus Methoden der Selbsthilfe, die ich nutzen kann, wenn ich alleine zu Hause sitze und sehr unter meinen Ängsten und Sorgen leide?  

"Ja, die gibt es und das sind übrigens Dinge, die für alle Menschen gut sind.  

  • Der erste Punkt ist: Aktiv sein. Auch wenn man jetzt zu Hause sitzt und nicht so viel rausgehen kann – aktiv sein und Struktur bewahren. Sich also nicht hängen lassen, lange schlafen und dann nicht richtig anziehen, sondern die Routine so weit wie möglich beibehalten. Achten Sie auf gesunde Ernährung. Wenn möglich, kochen Sie selbst. Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte auch per Telefon oder Internet und achten Sie auf genügend Bewegung.  
  • Bewegung ist grundsätzlich wichtig für Körper und Geist. Muskel- und Nervenzellen sind nicht umsonst eng verwandt. Wenn wir nicht mehr ins Fitnessstudio gehen können, gibt es immer noch die Möglichkeit, Fitnessübungen wie Kniebeugen, Liegestützen, Auf-der-Stelle-laufen etc. zu Hause zu machen.  
  • Außerdem ist es gut, die sozialen Kontakte zu pflegen. Wenn Sie nicht rausgehen können oder eine Distanz einhalten müssen, nutzen Sie die Möglichkeiten zu Telefonie und Videotelefonie. Viele Menschen sagen uns, dass sie jetzt viel mehr mit ihren Lieben und ihren Freunden telefonieren als sie das sonst machen.  
  • Ein weiterer Punkt: Es ist normal, sich Sorgen zu machen und das ist auch gar nicht schädlich. Sich Sorgen zu machen, heißt, dass man Szenarien durchspielt, um zu einer Lösung zu kommen. Wenn Sie aber merken, dass Sie nicht zu einer Lösung kommen und sich stattdessen gedanklich im Kreis drehen oder aber von einer Sorge zur nächsten springen, bevor sie die erste abschließend bearbeitet haben, dann sind das Warnzeichen. Das müssen Sie versuchen zu unterbinden. Das können Sie tun. Dazu gibt es verschiedene Maßnahmen. Sie können zum Beispiel ganz klare Sorgenzeiten definieren, zu denen Sie sich Sorgen machen dürfen und sind somit freigesprochen für den Rest der Zeit, in dem Sie sich dann keine Gedanken um das Problem machen müssen.  
  • Es kann paradoxerweise auch sehr entlastend sein, einmal das "worst case" Szenario durchzugehen, anstatt ständig vergebens Energie dafür aufzuwenden, die Angst zu unterdrücken. Wenn Sie das einmal konsequent durchgegangen sind, dann erscheinen die wahrscheinlicheren realistischen Szenarien nicht mehr so schlimm und Sie fühlen sich vorbereitet.
  • Außerdem hilft eine Nachrichtensperre. Konsumieren Sie nicht den ganzen Tag die Nachrichten, sondern informieren Sie sich gezielt ein Mal oder auch zwei Mal, aber nicht mehr.  
  • Und schließlich: Angst ist etwas Gutes, weil sie uns vor Gefahr warnt und rasches Handeln vorbereitet. Angst ist auch ein guter Ratgeber. Aber wenn das eskaliert, kann sie zu Panik werden und dann kann man schnell kopflos werden. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Angst nicht mehr unter Kontrolle halten zu können, sollten Sie versuchen, gegen die Angst vorzugehen, mit körperlicher Betätigung und den anderen Maßnahmen, die ich zuvor erläutert habe.  
  • Außerdem rate ich jedem Menschen dazu, sich mit den aktuellen Maßnahmen zur Einschränkung der sozialen Kontakte auseinanderzusetzen und zu versuchen, sich diese zu eigen zu machen. Wenn Sie sich darauf konzentrieren, das wird uns aufgedrückt, wir werden gezwungen, ist das nicht gesund. Dann werden wir nicht so gut mitmachen und langfristig nicht so zufrieden damit sein. Wenn Sie aber zu der Einsicht gelangen, dass diese Maßnahmen für Ihre, die Gesundheit der Menschen, die ihnen am Nächsten stehen, und die Gesundheit aller im besten Interesse sind, dann werden Sie das aktiv unterstützen. Alles, was wir freiwillig tun, können wir viel besser tun und viel besser durchhalten als das, was wir unfreiwillig tun müssen."  

Viele Menschen leiden auch darunter, dass sie nicht mehr allein sein können, weil ständig die ganze Familie um sie herum ist. Was kann in dieser Situation helfen?  

"Da hilft es, das Gespräch zu suchen und Ruhezeiten abzusprechen. Man sagt also: Das heißt nicht, dass ich etwas gegen dich habe oder du mir auf den Geist gehst, sondern ich bin einfach jemand, der auch mal etwas Ruhe braucht. Das sollte explizit gemacht werden, denn so entwickelt sich Verständnis im Kopf."  

Wie ist es bei Familien mit kleinen Kindern?  

"Da bleibt das Problem natürlich, wenn die Kleinen nicht verstehen, dass sie nicht raus dürfen, obwohl doch gerade das Wetter so toll ist. Das ist eine echte Herausforderung und wir machen uns ein bisschen Sorge um die Familien, in denen die Dinge ohnehin nicht so gut laufen und die auch sonst Unterstützung brauchen. Das wäre zum Beispiel ein Thema für telefonische Hilfe."

Corona aktuell: Verkehrsschild mit Beschriftung Ausgangssperre

Allgemein möchte ich sagen:

Versuchen Sie, einen Sinn in dem zu sehen, was jetzt geschieht und es als Chance zu begreifen, zu realisieren, was wichtig ist im Leben.

Fragen Sie sich: Worauf kommt es wirklich an? Sollte ich noch diese eine Sache für die Arbeit machen oder sollte ich die Zeit besser mit denen verbringen, die mir wichtig sind? Solche Dinge kann man jetzt tun. Versuchen Sie, etwas Schönes und Sinnvolles für sich zu tun. Das kann zum Beispiel auch sein, den Schrank auszumisten oder die Sachen herauszusuchen, die Sie lange schon spenden wollten. Oder lesen Sie das Buch, das Sie schon lange lesen wollten. Ich kenne Menschen, die jetzt anfangen, Tagebuch zu schreiben. Das ist für viele Menschen ein erstaunlich effektiver Weg, mit kritischen Situationen umzugehen.

Suchen Sie sich solche Dinge heraus und dann werden wir diese Zeit gut überstehen können."  

Vielen Dank für Ihre Zeit und die vielen wertvollen Tipps, Professor Dr. Margraf!  

Information: Die Deutsche Depressionshilfe hat als erste Hilfe einen Online-Ratgeber zur aktuellen Situation erstellt: Hinweise an Depression erkrankte Menschen während der Corona-Krise. Außerdem bietet sie das kostenlose Online-Programm iFightDepression an, das Betroffene beim eigenständigen Umgang mit den Symptomen einer Depression unterstützen soll.

Die stern-Seelsorge: 30 Experten helfen

Die stern-Kollegen haben außerdem die "stern-Seelsorge" ins Leben gerufen. 30 Therapeutinnen, Krisenhelfer und Coaches helfen über Hotline oder per Mail, wenn es einem während der Coronakrise psychisch nicht gut geht.

Möchtest du dich mit anderen zum Thema Coronavirus austauschen? Dann schau doch mal in unserer BRIGITTE-Community vorbei.

Verwendete Quellen: Interview, unith.de, deutsche-depressionshilfe.de, telefonseelsorge.de

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