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Sheriff-Syndrom Warum es plötzlich so viele "zivile Ordnungshüter" unter uns gibt

Corona aktuell: Eine Frau mit Kappe setzt ihre Maske auf
© Thanumporn Thongkongkaew / Shutterstock
Gefühlt hat die Coronakrise mehr "zivile Ordnungshüter" hervorgebracht, als wir je zuvor in unserer Gesellschaft hatten. Aber ist das nur eine Wahrnehmung? Oder gibt es psychologische Hintergründe, die nahelegen, dass etwas daran ist? Wir haben eine Expertin gefragt.

"Warum tragen Sie denn keine Maske?", "Und Sie alle sind ein Haushalt?", "Guten Abend, Ordnungsamt, Ihre Nachbarn haben einen Verstoß gegen die Corona-Regeln gemeldet."

Ob aus eigener Erfahrung oder der Erzählung von Freund*innen, Bekannten und natürlich den Medien: Vermutlich können die meisten Menschen mindestens eine wahre Begebenheit aus den vergangenen paar Monaten erzählen, bei der ein "ziviler Ordnungshüter" sich berufen fühlte, für Recht und Ordnung zu sorgen – notfalls sogar mit Gewalt. Galt für die Mehrheit der Deutschen vor der Pandemie das Motto "leben und leben lassen", scheint die Coronakrise in nicht gerade wenigen das Gefühl bzw. die Überzeugung geweckt zu haben, sich einmischen zu müssen/ dürfen, wenn andere sich in einer Weise verhalten, die ihnen falsch erscheint. Ob durch freundliche Hinweise, energische Zurechtweisungen, Anzeigen oder Fäuste – viele Menschen wirken derzeit aktiv daran mit, dass nicht nur sie sich an die Corona-Regeln halten, sondern bitteschön auch die anderen.

Expertin erklärt: Diese Faktoren fördern das "Sheriff-Syndrom"

Messen oder in Zahlen ausdrücken lässt sich diese Beobachtung zwar kaum. Doch vielleicht kann man ja erklären, warum sich zumindest einige Leute ausgerechnet jetzt dazu berufen fühlen, sich als 'zivile Ordnungshüter' oder Sheriffs zu versuchen?  "Aus meiner Sicht kommen verschiedene Aspekte zusammen, die die beschriebene Situation befeuern", sagt uns dazu die Hamburger Psychotherapeutin Andrea vorm Walde.

1. Psychische Instabilität

Einerseits lägen derzeit die Nerven vieler Menschen schlicht und ergreifend brach. Den meisten von uns fehlen derzeit Perspektive und Sicherheit, viele fühlen sich eingesperrt, haben keine Möglichkeiten, aus dem schnöden Alltag mal irgendwie auszuscheren. In dieser Situation "erreichen wir gerade nicht mehr so einfach eine innere Balance, mit der wir normalerweise Dinge kompensieren können, die uns stören", erklärt die Therapeutin. Also nutzen wir andere Kompensationsmechanismen, um Kontroll- und Sicherheitsgefühl zurück zu gewinnen – und gehen zum Beispiel auf unsere Mitmenschen los ...

2. Fehlende Ausweichmöglichkeiten

Ein anderer, rein praktischer, aber nicht zu unterschätzender Grund, warum nun womöglich mehr Leute die Konfrontation suchen, anstatt still und unbemerkt ihr eigenes Ding zu machen, sei laut Andrea vorm Walde, dass wir Störungen und Auffälligkeiten durch die lokalen Einschränkungen gar nicht aus dem Weg gehen können, damit also gezwungen sind, darauf zu reagieren.

3. Vorbilder

Ein dritter Punkt: "Viele Politiker*innen sowie andere Personen der Öffentlichkeit leben dieses Zurechtweisen, Kritisieren, Angreifen und Diskutieren vor. Einige Menschen fühlen sich dadurch berechtigt, im Kleinen genauso zu agieren", so die Therapeutin. Auch dass die Stimmung in unserer Gesellschaft schon vor der Pandemie etwa durch die Einflussgewinne der AfD angespannter und aggressiver geworden sei, begünstige ihr zufolge gerade in einer von Angst und Ungewissheit geprägten Zeit konfrontatives, auf den Konflikt losgehendes, statt ausweichendes Verhalten.

4. Zum Teil berechtigt

Und zu guter Letzt: "Oft hat diese Art von 'Zurechtweisungen’ auch ihren Hintergrund und ihre Berechtigung", gibt Andrea vorm Walde zu bedenken. "Denn wenn z. B. Nachbar*innen, Gastronomiebetriebe etc. sich trotz wiederholter Bitten jeder Rücksicht entziehen, sind weitere Schritte ja nachvollziehbar. Ebenso kann man sicher auch Verständnis aufbringen, wenn Betroffene, die sich an Maskenpflicht und Einschränkungen halten, Ärger darüber entwickeln, dass andere Regeln und Gesetze ignorieren und die Allgemeinheit so vermutlich länger in die Einschränkungen zwingen. Ich denke, man muss das unterscheiden von einem klassischen Kontrollieren und Maßregeln anderer, was es natürlich auch gibt."

Fazit: Sheriff-Syndrom kann als Kompensationsstrategie dienen

All diese Punkte können erklären, warum die 'zivile Ordnungshüterei' oder, wie wir es gerne nennen möchten, das 'Sheriff-Syndrom' nun tatsächlich präsenter in unserer Gesellschaft ist als vor der Pandemie. Konfrontatives Verhalten, der Versuch, die Dinge in Ordnung zu bringen, einmischen – all das kann Teil einer Kompensationsstrategie sein, mit der einige Leute auf die Krise reagieren. Allerdings ist es eine Typfrage und abhängig von unserer individuellen Situation, ob wir nun zum Sheriff mutieren, zur Verschwörungstheoretikerin oder zum nervenstarken Superheld, der wie durch ein Wunder alle Herausforderungen mit einem Lächeln auf den Lippen jongliert.

"Auf jeden Fall gibt es sehr unterschiedliche Kompensationsstrategien", sagt die Therapeutin. "Natürlich gibt es gesündere und weniger gesunde, die dann entweder angemessen oder unangemessen werden." Wo genau das Sheriff-Syndrom in einem Ranking der Kompensationsmechanismen einzuordnen wäre, hängt sicherlich von der konkreten Ausprägung ab. Auf andere Leute loszugehen, womöglich sogar mit Gewalt, ist unter keinen Umständen der richtige Weg. Doch still zu schlucken, wenn die Nachbar*innen nebenan mit 100 Personen Corona-Party feiern, eben auch nicht.

Bis die Coronakrise vorbei ist, werden wir wohl mit den Sheriffs in unserer Nachbarschaft oder uns selbst leben – sowohl mit den gemäßigten als auch den extremen. Und danach? Atmen wir hoffentlich alle gemeinsam erstmal ganz tief durch!


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