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Coronakrise: Was mich bis heute am meisten schockiert

Coronakrise: Was mich bis heute am meisten schockiert
© solominviktor / Shutterstock
Die Infektionszahlen sinken, die Lockerungen sind in vollem Gange und das Leben wird wieder immer mehr so, wie wir es kennen. Doch bei unserer Autorin sitzt der Schock der Coronakrise nach wie vor tief – denn es waren weder der Virus noch der Lockdown, der ihr zusetzte.

Auf den Spielplätzen wird wieder getobt, in den Cafés und Restaurants wieder gegessen und getrunken und in vielen Fitnessstudios wieder geschwitzt. Langsam aber sicher kehrt sie zurück, unsere in den vergangenen Wochen zum Teil so schmerzlich vermisste Normalität. Die meisten Menschen scheinen nach vorn zu schauen, sich über die Lockerungen zu freuen und Corona möglichst schnell vergessen zu wollen. Irgendwie möchte ich das auch. Aber Corona hat in mir etwas in Gang gesetzt, das mich latent beunruhigt. Etwas, das nichts mit Ansteckungsrisiken, einer zweiten Welle, einem erneuten Lockdown oder Kontaktverboten zu tun hat – sondern mit unserer in den vergangenen Wochen so schmerzlich vermissten Normalität ...

Fast alle waren dafür, Menschen zu schützen

Noch erinnere ich mich sehr gut an die nahezu uneingeschränkte Zustimmung, die unsere Regierung im März für die Entscheidung bekam, alles außer Supermärkte, Apotheken und Co. so lange wie nötig zu schließen, um Menschenleben zu schützen. Die Gesundheit geht vor, hieß es damals aus allen Richtungen und Lagern. Niemand wollte Zustände wie in Italien, wo Ärzt*innen Kranke aufgrund mangelnder Kapazitäten einfach sterben lassen mussten. Ich war damals, ehrlich gesagt, positiv beeindruckt und ein bisschen überrascht, dass Menschenleben offenbar tatsächlich über Konsum und Geldfluss gestellt werden. Doch so positiv mich die Entscheidung beeindruckte, so tief schockieren mich bis heute ihre Folgen.

Eine gute Entscheidung – mit dramatischen Folgen

Von Gastronomen über Reisekauffrauen bis hin zu Eltern: Die diversen Schließungen und das Herunterfahren der wirtschaftlichen Prozesse haben Millionen von Menschen schwer getroffen. Jedes Mal, wenn ich an meinem Lieblingsrestaurant vorbeigehe, deren Inhaber mit Takeaway und dem Vertrieb regionaler Produkte wie Honig und Marmelade versucht haben, diese paar Wochen zu überstehen, frage ich mich:

  • Wie kann es sein, dass Menschen in Existenznot geraten, weil sie sich an die Regeln halten?
  • Wie kann es sein, dass eine gute, in diesem Fall die einzig richtige/ menschliche Entscheidung – die in Deutschland auch noch das gewünschte Ergebnis erzielt hat! – solche schlimmen Auswirkungen nach sich zieht? 
  • Wie kann es sein, dass so massive Probleme entstehen, wenn wir uns einmal alle ganz kurz wirklich solidarisch verhalten?

In meinem Kopf und persönlichen Bild von einer heilen Welt kann das alles nicht sein. Da könnte und würde z. B. der Vermieter der Inhaber meines Lieblingsrestaurants einfach zu ihnen sagen: "Macht euch keinen Kopf! Ist halt eine außergewöhnliche Situation, da müsst ihr natürlich keine Miete zahlen." Eltern könnten sich ganz entspannt um ihre Kinder kümmern, weil ihre Arbeitgeber ihnen uneingeschränkt den Rücken stärkten. Und so etwas wie Staatsschulden wären in meiner Vorstellung überhaupt kein Drama während einer Pandemie, weil es ja letztlich doch nur Zahlen sind, die niemanden satt oder gesund machen. Es ist zwar einzig und allein mein Fehler, aber: Wie wenig mein Bild von einer heilen Welt mit der Realität zu tun hat, wühlt mich jetzt doch ein kleines bisschen auf.

Wo ist bitte der Regisseur?

Bisher hatte ich immer gedacht, dass wir (Menschen) unsere Welt größtenteils selbst gestaltet haben und Institutionen wie Regierungen sie in unser aller Namen beherrschen. Schulpflicht, Vollzeitarbeitswochen à 40 Stunden, Fitnessstudios, Tourismus, Geld – all das sind ja keine naturgegebenen Dinge, sondern menschliche Erfindungen. Durch die Pandemie sind uns weder Rohstoffe ausgegangen noch wurden Landstriche von einer Flutwelle weggespült. Es wurde nichts zerstört, trotzdem ist jetzt vieles kaputt und alle streiten. Nur weil wir in unserem eigenen Film auf Pause gedrückt haben.

Aber wenn wir das nicht einmal in einem Notfall ungestraft tun können, könnten wir dann überhaupt korrigierend eingreifen, wenn wir unter normalen Umständen Optimierungsbedarf sähen? Wie würden wir zum Beispiel damit umgehen, wenn – ganz ohne Virus – immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft depressiv würden, ausbrannten, unter Stresssymptomen litten oder in zwei Klassen auseinander drifteten? Was würden wir tun, wenn herauskäme, dass durch unsere Normalität die Ozeane zugemüllt und für die Lebewesen darin unbewohnbar würden? Denn wenn schon eine kurzfristige Pause ein solcher Stretch für uns alle ist, möchte ich nicht wissen, was für eine scharfe Kurve oder Richtungsänderung nötig wäre ...

Der Schock sitzt tief, aber nicht besonders fest

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass mich die Coronakrise darauf aufmerksam gemacht hätte, wie schön unsere "normale" Welt ist, und ganz am Anfang dachte ich auch, es würde genau so kommen. Doch nun erscheint mir unsere Normalität aufgrund dessen, was wir in dieser Pandemie erlebt haben, unheimlich und fast ein bisschen fremd. Allerdings kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass das nur von kurzer Dauer sein wird. In ein paar Tagen bis Wochen werde ich mir solche Gedanken nicht mehr machen und meinen Schock verdaut haben. Ich vergesse wahnsinnig schnell. Bald werde auch ich wieder wie selbstverständlich shoppen und essen gehen und in diesem Film mitspielen, von dem ich ganz offensichtlich keine Ahnung habe, wer Regie führt und wie er ausgeht – und es wird mich nicht einmal mehr interessieren. Denn spätestens wenn unsere in den vergangenen Wochen so schmerzlich vermisste Normalität voll und ganz zurück ist, wird sie mir bei meinem Vergessen garantiert helfen.


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