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Die Corona-Isolation bietet uns eine einzigartige Chance – wirst du sie nutzen?

Corona-Isolation: Eine Frau sitzt allein zu Hause am Fenster und trinkt Kaffee
© Shebeko / Shutterstock
Für jeden bedeutet die Coronakrise etwas anderes, doch allen, die jetzt viel zu Hause sein müssen, bietet sie eine einzigartige Chance – möchtest du sie nutzen?

Vor einigen Tagen habe ich in einer Instagram-Story ein Visual gesehen, in dem mehrere Empfehlungen gegeben wurden, wie wir mit der Coronakrise, dem Kontaktverbot, unseren Ängsten und dem ganzen anderen Mist, der uns zur Zeit umtreibt, umgehen können. Zum Beispiel stand dort "Social Distancing -> Physical Distancing". Oder: "Funktionieren -> reflektieren". Doch lange bevor ich damit irgendetwas anfangen konnte, sprang meine Storyanzeige zur nächsten Person, der ich folge – und die sich da gerade an der Tiktok-Emoji-Hand-Challenge versuchte.

Produktiv sein im Ausnahmezustand

Seit gerade einmal ein paar Wochen sind jetzt viele Menschen deutlich mehr zu Hause als üblich und das Internet ist voller Ideen, wie wir unsere Zeit – sogar – in den eigenen vier Wänden und obwohl die Welt draußen gerade weitgehend stillsteht, sinnvoll nutzen können. Corona-Challenge hier, Corona-Challenge da, der eine fastet, die andere hat Skype-Lunchdates und plötzlich ist gefühlt jeder Zweite bei Tiktok unterwegs. Experten raten mir, wenn ich im Homeoffice bin, morgens und abends eine Runde um den "Block" zu gehen, um meinen Arbeitsweg zu simulieren, und auf keinen Fall soll ich im Schlafanzug arbeiten, sondern mich unbedingt richtig anziehen.

Die Erklärungen dazu ergeben absolut Sinn. Aber mich überzeugen sie trotzdem nicht, denn in mir drin schreit eine zugegebenermaßen sehr emotional klingende Stimme: Warum soll ich das, was ich in normalen Zeiten immer als total nervigen Zeitfresser empfunden habe, der mich davon abhielt, meine "frisch aus dem Bett"-Energie zu nutzen, jetzt zwanghaft simulieren? Warum darf ich nicht in Schlafanzug oder Jogginghose arbeiten, wenn ich mich so wohler fühle und besser konzentrieren kann? Und genereller gefragt: Warum soll ich mir jetzt Challenges suchen und meine Zeit zu Hause möglichst vollpacken, wenn ich ausnahmsweise einfach nur da sein und in mich hineinhören könnte – ohne draußen etwas zu verpassen?

Allein sein ist die größte Challenge

Ich weiß, der Mensch ist ein soziales Wesen und genau dieser Eigenschaft verdanken wir von der Fähigkeit zu sprechen und denken bis hin zu Camembert alles, was ich liebe. Allein sein und alleine glücklich sein ist eine Challenge für sich. Aber das Schöne und Tröstliche an der aktuellen Situation ist ja: Wir sind nicht alleine! Alle sind von der Pandemie betroffen, nie waren wir verbundener und hatten etwas so gemeinsam wie jetzt. Mich beruhigt dieses Wissen ungemein und für mich ist das alles, was ich brauche, um abwarten, den Anweisungen folgen und stillhalten zu können. 

Trotzdem verstehe ich auch diejenigen, die diese Zeit mit Skype-Lunches und Homeworkouts füllen – schließlich sind wir volle Terminkalender nun einmal gewohnt. Funktionieren, produktiv sein, sich mit anderen umgeben und von ihnen ständig irgendwelches Feedback bekommen sind in der Normalität feste Bestandteile unseres Alltags. Daran festzuhalten gibt vermutlich vielen Menschen Sicherheit und Stabilität in dieser verunsichernden, aufwühlenden Zeit. Nur möchte ich zu bedenken geben: Was wir jetzt erleben, ist (zum Glück!) einzigartig. In ein paar Wochen oder Monaten hetzen wir wieder wie immer unausgeschlafen und in unbequemen Klamotten ins Büro und brauchen einen guten Grund, um nicht mit Freunden unterwegs oder im Fitnessstudio zu sein. Heute in einem Jahr werden sich viele wieder nach Entschleunigung und mehr Zeit zum in sich Gehen sehnen. Außerdem: Dieser Zwang, ständig produktiv zu sein und zu funktionieren, hat einen großen Anteil daran, dass es uns jetzt so schwer fällt, die Füße stillzuhalten, um Menschenleben zu retten. Vielleicht wäre die Zeit zu Hause auch sinnvoll genutzt, würden wir eine halbe Stunde mal darüber nachdenken ...

Erlaubt ist, was hilft

Ich möchte mit alledem auf gar keinen Fall sagen, dass ich es falsch finde, sich jetzt Challenges zu suchen, zu Hause Sport zu machen und via Skype mit anderen Mittag zu essen. Jeder Mensch sollte tun, was ihm am besten durch diese Krise hilft. Aber: Produktivität und Aktionismus sind nicht die einzigen Wege, diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Falsch fände ich es daher, sich nun Challenges und Ziele auf die Isolations-Agenda zu setzen, weil es andere tun oder um etwas ins Internet posten zu können. Immerhin: Was wir im Internet sehen, ist nur, was Leute hochladen und zeigen wollen. Was wir dort nicht sehen, ist, wie Millionen von Isolierten alleine Mittag essen und dabei womöglich feststellen, dass sie die Aromen viel intensiver wahrnehmen, wenn sie sich aufs Essen konzentrieren, ohne abgelenkt zu sein o. Ä.. Millionen von Menschen lernen in dieser Zeit, sich selbst auszuhalten – und mit hoher Wahrscheinlichkeit merken sie dabei, dass es gar nicht nötig ist, viel um die Ohren zu haben, um zu leben und etwas zu fühlen. 

Und in Bezug auf die klugen Homeoffice-Tipps habe ich mich jetzt übrigens folgendermaßen arrangiert: Was Experten empfehlen, ist nur, was sie für einen bestimmten Typ Mensch für geeignet halten. Und deshalb werde ich in den ersten zwei Stunden meines Corona-Arbeitstages auch weiterhin in Jogginghose, T-shirt, mit ungeputzten Zähnen und Schlaf in den Augen am Laptop sitzen.


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