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Vergrößerungsglas Corona 7 Dinge, die die Pandemie besonders sichtbar gemacht hat

Coronakrise: Eine Frau mit Hebstlaub auf einer Brücke
© Alliance Images / Shutterstock
Sowohl in Bezug auf unsere jeweilige individuelle Situation als auch auf unsere Gesellschaft: Die Coronakrise hat Dinge ans Licht gebracht, die vorher kaum zu erkennen waren. Um nur ein paar Beispiele zu nennen ...

Die Coronakrise hat uns vieles genommen – unter anderem Freiheiten und Möglichkeiten uns abzulenken. So sind wir geradezu gezwungen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, zudem treten plötzlich gesellschaftliche Phänomene und Merkmale ans Licht, die wir unter nicht pandemischen Umständen allenfalls verschwommen und beiläufig wahrnehmen. Hier nur einige von sicherlich zahlreichen Beispielen.

Vergrößerungsglas Corona: Das können wir durch die Pandemie besonders gut erkennen

1. Wie resilient sind wir wirklich?

Die Coronakrise ist für unsere Psyche eine echte Belastungsprobe. Wer diese einigermaßen gut und gelassen bewältigt, hat offenbar ein wirklich stabiles Fundament aus Selbstwert, Problemlösungsstrategien, innerer Einstellung und seelischer Balance. Wer hingegen merkt, wie plötzlich alte, bereits überwunden geglaubte Denkmuster wieder auftauchen wollen, sich toxische Bewältigungsmechanismen aus der eigenen Vergangenheit zurückwünscht oder solche auf einmal neu entwickelt, hat anscheinend Angriffspunkte, die ihm*ihr vielleicht vorher gar nicht so bewusst waren. Kurz: Wer sich vor Corona der eigenen psychischen Belastbarkeit nicht sicher war, wird es mittlerweile sehr wahrscheinlich sein.

2. Wie stabil sind unsere Beziehungen?

Laut Studien und Expert*innen hat die Coronakrise die meisten Paare entweder näher zusammengebracht oder endgültig entzweit. So sind zwar einerseits die Scheidungszahlen gestiegen und Beziehungen auseinandergegangen, die ohne Corona heute womöglich noch bestehen würden. Doch viele Menschen konnten in dieser Zeit auch intensiv spüren, was sie an ihrem Schatz haben und was sie für ein starkes Team sind. So oder so: In Bezug auf Liebe, Beziehung und auch Freundschaft hat die Pandemie sehr vielen Menschen Klarheit gebracht.

3. Unsere Gesellschaft ist ganz schön zerklüftet ...

Arm, reich, dafür, dagegen, alt, jung ... die Coronakrise hat gleich mehrere Abgründe aufgetan, die unsere Gesellschaft an vielen verschiedenen Stellen spalten – und die einzelnen Teile scheinen in dieser Pandemie stärker denn je auseinander zu driften. Was uns zurzeit alle miteinander verbindet, ist immerhin der Wunsch und die Sehnsucht nach einem Ende der Krise und einer Erholung von ihr. Und hoffentlich finden wir, wenn der einmal erfüllt ist, etwas Neues, das uns wieder zusammenbringt und vereint.

4. Es ist egal, wie viele Follower hast – solange du deine Nachbarn kennst

Ob als Privatperson oder Unternehmen: Den größten Support bekamen in dieser Krise wohl die meisten von ihrem direkten Umfeld, den Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe. Von den Gesprächen in der Supermarktschlange, über Nachbar*innen, die füreinander eingekauft haben, bis hin zu Kund*innen, die ihre Lieblingsrestaurants durch Treue und Takeaway- oder Lieferbestellungen unterstützen, die Welt vor der eigenen Haustür hat in dieser Pandemie eher an Bedeutung gewonnen als verloren. Denn letztendlich bringen dir 300.000 Follower*innen vermutliche keine Äpfel vom Markt mit, wenn du in Quarantäne hockst ...

5. Ältere Menschen haben an unserem gesellschaftlichen Leben wenig teil

Die Einsamkeit und Isolation vieler älterer Menschen etwa in Pflegeheimen war und ist in dieser Krise immer wieder ein riesengroßes Thema. Die meisten haben keine Verbindung mehr zu unserer Gesellschaft außer durch ein paar wenige Verwandte, die sich mehr oder weniger zeitintensiv um sie kümmern. Dass das ein Problem ist, wurde erst sichtbar, als diese eine Verbindung durch Besuchsverbote etc. auch noch wegfiel. Da in unserer Gesellschaft das Modell der drei oder vier Generationen unter einem Dach ausgedient hat, könnten wir vielleicht mittel- bis langfristig über andere Wege nachdenken, reifere Menschen mehr zu integrieren und auch in technologische Entwicklungen einzubeziehen. Schließlich halten uns Aufgaben und Herausforderungen gerade im Alter erwiesenermaßen gesund und flexibel. Und unsere Gesellschaft als Ganzes könnte von der Erfahrung und Sichtweise der Älteren soooo sehr profitieren.

6. Es ist schwer, freiwillig rücksichtsvoll und vernünftig zu sein

Ganz ehrlich: Wahrscheinlich haben wir alle schon mal über all die Verbote und Regeln geschimpft, die unsere Regierung uns in den vergangenen Monaten zugemutet hat. Aber würden wir uns von uns aus immer vorsichtig und vernünftig verhalten, wenn es sie nicht gäbe? Viele Menschen sicherlich nicht, sonst wäre es zur zweiten Welle im Herbst nämlich gar nicht erst gekommen. Die akuten Bedürfnisse und das schnelle Verlangen nach Freude sind nun einmal in manchen Momenten stärker als unsere Gewissenhaftigkeit und unser Vorausschauen. Wir mögen die Kontaktbeschränkungen verfluchen. Doch zugleich brauchen wir sie, weil sie uns entlasten und es uns erleichtern, das Richtige zu tun.

7. "Selbstverwirklichung first" begünstigt unter Umständen Einsamkeit

Laut statistischem Bundesamt gibt es rund 17,6 Millionen Single-Haushalte in Deutschland, zwischen 1991 und 2019 stieg der Anteil der Alleinlebenden damit von 34 auf 42 Prozent. Nach nur wenigen Wochen Pandemie und Lockdown meldeten diverse Dating-Portale bereits einen deutlichen Anstieg von registrierten Nutzer*innen sowie der Zeit, die User*innen im Schnitt mit Online-Dating verbringen. "Hardballing", also nach etwas Ernsthaftem suchen, wurde von Dating-Expert*innen als Trend ausgemacht. Was sagt uns all das? Offenbar leben wir in einer Gesellschaft, in der Einsamkeit zunimmt und sich viele Menschen nach Nähe und Liebe sehnen – wenn man ihnen einmal all die Freiheiten wie tanzen gehen, alleine um die Welt reisen, Freund*innen treffen usw. verwehrt. 

So positiv es ohne den geringsten Zweifel ist, dass unsere Toleranz gegenüber unkonventionellen Lebensmodellen wächst und etwa das Singledasein mittlerweile weitestgehend akzeptiert wird, die zunehmende Individualisierung und der Fokus auf Selbstverwirklichung führen unterm Strich auch dazu, dass immer mehr Menschen allein und auf sich gestellt sind. Und selbst wenn einige nun im Zuge der Coronakrise empfunden haben, dass sie das vielleicht nicht bleiben mögen: Je länger jemand (glücklicher) Single war, umso schwerer dürfte es werden, sich auf eine Beziehung einzulassen. 

Natürlich ist damit überhaupt nicht gesagt, dass Singles generell einsam sind und wir wieder einen Zustand anstreben sollten, in dem jeder Mensch möglichst fix unter die Haube kommt (bitte auf gar keinen Fall)! Wir sehen nun einfach nur, dass es in unserer Gesellschaft sehr viele Leute gibt, um die sich niemand "kümmert" und die vornehmlich auf sich gestellt sind. Und vielleicht finden wir ja in Zukunft oder spätestens bei der nächsten Pandemie einen Weg, diese Menschen nicht einfach hängen zu lassen.

Verwendete Quellen: tagesschau.de

sus Brigitte

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