Dankbarkeit in Freundschaften – verlange ich zu viel?

Anne Willmann*, 44, hat Glück gehabt im Leben: gut bezahlter Job, gut verdienender Mann und eine kleine Erbschaft. Ihrer besten Freundin Simone erging es weniger rosig. 

Es war ein Kaffee. Der eine Kaffee zu viel, der mir gezeigt hat, dass etwas nicht stimmt. Ich hatte für eine Softwarefirma ein großes Projekt zu betreuen, mit Kunden in den USA, war übernächtigt und erschöpft. Komm, sagte meine Freundin Simone, wir treffen uns in unserem Lieblingscafé, so viel Zeit muss sein. Ich hätte mich über ein offenes Ohr gefreut, ein bisschen Aufmunterung. Aber Simones Probleme waren so gewichtig, dass meines dagegen verblasste: ihr Stress mit den Kindern, der neueste Streit mit dem Ex, der wieder einmal ein Wochenende nicht einhalten konnte. Schließlich rückte sie heraus: Ob ich die Kleinen für Samstag und Sonntag nehmen könnte? Simone hatte Wochenenddienst als Krankenschwester. "Ja, klar!", wollte ich spontan sagen, rührte meinen Kaffee um und merkte, dass die Worte nicht hinaus wollten. Als der Kellner kam, schob sie mir selbstverständlich die Rechnung hin. Da wusste ich: So geht es nicht weiter.

Mehr Zeit für mich: Frau sitzt im Stuhl und liest ein Buch

Großes Los gegen fette Niete 

Unsere Freundschaft ist so alt wie unsere Kinder. Im Geburtsvorbereitungskurs hockten wir gemeinsam auf der Matte, verstanden uns sofort, und auch unsere Männer hatten sich etwas zu sagen. Volltreffer. In den nächsten Jahren saßen wir oft gemeinsam im Biergarten, fuhren an den Gardasee, kämpften um Kindergartenplätze. Und dann, vor fünf Jahren, ließ Simones Mann sie sitzen, von einem Tag auf den anderen. Wozu hat man Freunde, wenn nicht für solche Schicksalsschläge? Natürlich war ich für sie da, seelisch, aber auch finanziell. Denn während ihre Teilzeitstelle in der Klinik kaum für das tägliche Leben reichte, ging es uns immer besser: doppeltes Gehalt in guten Jobs, ein Kind statt zweien, und dann erbte ich auch noch von einer Tante ein ziemlich üppiges Bankdepot.

Es war, als ob ich das große Los im Leben gezogen hätte und sie die fette Niete. Kein gutes Gefühl, auch für mich nicht. Schließlich wusste ich selbst, wie sich Geldknappheit anfühlt, aus der Zeit, in der mein Mann noch in der Ausbildung war und ich Studiengebühren zurückzahlen musste. Aber wie bietet man einer Freundin Geld an, ohne dass es gönnerhaft wirkt? Meine ersten Vorschläge waren ihr noch peinlicher als mir. Schließlich akzeptierte sie ein zinsloses Darlehen ohne Frist, das ließ uns beide das Gesicht wahren. Ich zahlte ihren Scheidungsanwalt, kaufte für die Kinder Schulausstattung und neue Schuhe, übernahm im Restaurant die Rechnung – unsichtbare Zuwendungen, die sie leichter annehmen konnte.

Abhängigkeit unter Freunden 

Aber irgendwann drehte sich etwas in unserem Verhältnis. Ich glaube, sie nahm es sich selbst übel, dass sie sich so abhängig machte von mir. Zuerst war da die Sache mit meinem Auto: Sie lieh es sich regelmäßig und brachte es dann mit leerem Tank wieder. Das fand ich unaufmerksam, hielt mich aber zurück. Wie kann man so kleinlich sein wegen ein paar Litern Benzin? Was mir aber wirklich wehtat: Als ich letztes Jahr meinen Geburtstag mit einem großen Fest feierte, kam Simone mit leeren Händen. Kein Geschenk, nicht mal eine Blume. Ich habe mit nichts Großem gerechnet, aber vielleicht einen Gutschein für ein selbst gekochtes Essen? Schließlich steht sie auch nicht mehr ganz so schlecht da. Ihr Ex zahlt endlich Unterhalt, sie hat auf eine 30-Stunden-Stelle mit mehr Verantwortung aufgestockt, die Kinder sind größer.

Erwarte ich zu viel? Muss eine Freundin ständig betonen, wie dankbar sie ist, wenn keine von beiden etwas für die Schieflage kann? Wahrscheinlich nicht. Aber ich möchte einfach gesehen werden. Möchte nicht, dass meine Unterstützung für selbstverständlich genommen wird. Möchte, dass sie auch mal für den Kaffee zahlt. Denn schließlich kommt ein Großteil meines Geldes auch daher, dass ich einen anspruchsvollen Job habe, in dem ich hart arbeite. Soll ich mich dafür schämen? Ich habe lange gebraucht, um es mir wirklich einzugestehen: Ja, ich fühle mich ausgenutzt.

Neulich habe ich sie eingeladen, ein Test für unsere Freundschaft: "Wir kochen bei mir, bringst du was mit?" Sie hatte Zutaten für ein Risotto dabei, das war mehr, als ich erwartet hatte. Und genau das ließ ich sie wissen. Als wir gemeinsam am Herd standen, sagte ich ihr, wie sehr ich mich über ihre neuen Erfolge freute. Aber auch, wie wenig ich mich gesehen fühlte. Ich merkte, dass ihr das wehtat. Es war wichtig, das alles endlich mal loszuwerden. Ob unsere Freundschaft das überlebt? Ich weiß es nicht, aber ich bin zaghaft optimistisch. Heute rief sie jedenfalls an und lud mich zu einem Ausflug ein.

*Namen von der Redaktion geändert 

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BRIGITTE 22/2019

Wer hier schreibt:

Silke R. Plagge
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