Das ABC der Gefühle: Ärger

Ich bin das Signal, das anzeigt, dass einem Menschen etwas nicht passt. Wenn etwas nicht gut für jemanden ist, dann kann er es übersehen und wird darunter leiden. Deswegen gibt es mich: Ich passe auf, dass er es nicht übersieht.

Wenn der Mensch sich dann ärgert, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder nimmt er mich heimlich auf und versteckt mich vor der Umwelt. Vielleicht macht er das, weil er sich meiner schämt oder cool "über allem" stehen will. Schön ist das nicht für mich. Wer will schon versteckt und der Öffentlichkeit vorenthalten werden? Ich räche mich, indem ich mich einniste und diesen Menschen dauerhaft bewohne, vor allem seinen Magen und sein Herz. Ha, und ganz stolz auf mich bin ich, wenn es mir gelingt, ihn richtig "zu wurmen"!

Die andere Möglichkeit ist, dass der Mensch mich zeigt. Damit wird er mich los. Job erfüllt, ab zum nächsten. Welche Konsequenz der Mensch aus dem Anlass meines Kommens in seinem Verhalten zieht, ist mir erst einmal egal. Ich bin das Warnsignal, den Rest muss der Mensch dann erledigen. Ich kann ja nicht alles machen.

Andere Menschen haben Angst, dass sie schief ange¬sehen werden, wenn sie anderen gegenüber ihren Ärger zeigen. Dabei muss ich bei den Ärger-Schluckern und Ärger-Vermeidern immer wieder auftauchen, denn diese Leute werden von den anderen am meisten geärgert. Mit denen kann man es ja tun!

Ganz schlechte Erfahrungen habe ich auch damit, dass ich geparkt werde. Da komme ich z.B. zu einer Frau, die sich über ihre Mutter ärgert, weil diese irgendetwas gegen ihren Willen entschieden hat. Sie traut sich aber nicht, mich ihr zu zeigen, sondern will erst den "richtigen Moment" abwarten. Sie glauben gar nicht, wie lange, wie viele Monate, ja Jahre ich auf diesen "richtigen Moment" warte! Solch ein Parkzustand ist öde und langweilig und manchmal auch ungerecht und gemein mir gegenüber. Ich versuche dann, den Menschen daran zu erinnern, dass es mich gibt, und klopfe schmerzend an die Umgebung des Körperteils, wo ich geparkt bin. Manchmal hilft das, oft sind die Menschen aber zu begriffsstutzig und bekämpfen die Schmerzen lieber mit Tabletten, als mich, die eigentliche Ursache, zu befreien.

Man braucht mich nur ernst zu nehmen und schon wird man mich los. Deswegen verstehe ich auch nicht, warum manche Leute sich so fürchten, mich rauszulassen und befürchten, dass ich mich dann dauerhaft bei ihnen einrichte. Das mache ich doch nur aus Trotz, wenn ich nicht ernst genommen werde.

Wenn ich so lange geparkt, heruntergeschluckt (was man alles mit mir anstellt!) oder sonst wie zurückgehalten werde, dann wachse ich in der Fantasie der Menschen und werde zu einem großen Ungeheuer. Sie glauben dann, wenn ich mich mal zeige, würde ich sie und die Umgebung verschlingen. Das ist Quatsch und nur Ausdruck dessen, dass sie gar nicht mehr wissen, wie ich aussehe und mich anfühle. Ich empfehle dann das Training des "kleinen Ärgers": damit anfangen, mich bei Kleinigkeiten zu zeigen, und dann langsam steigern...

Über meine Ängste habe ich schon gesprochen. Ich furchte mich, nicht ernst genommen zu werden, auf versteckten Parkplätzen zu versauern, verstoßen und übersehen zu werden. Ein bisschen Respekt braucht doch jedes Gefühl, auch ich, nicht wahr?

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Das ABC der Gefühle: Ärger

Ich bin das Signal, das anzeigt, dass einem Menschen etwas nicht passt. Wenn etwas nicht gut für jemanden ist, dann kann er es übersehen und wird darunter leiden. Deswegen gibt es mich: Ich passe auf, dass er es nicht übersieht.

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