Das ABC der Gefühle: Eifersucht

Wenn ich mal Werbung für mich machen darf: Ich bin das Gefühl mit Doppel-Ich. Da staunen Sie, das haben Sie nicht erwartet. Ich werde nämlich sowohl von Menschen mit einem starken Ich angezogen als auch von denen mit einem besonders schwachen Ich.

Das will ich Ihnen gern genauer erklären, damit Sie nicht glauben, ich würde mich nur ereifern oder wäre eine Sucht. Wer ein starkes Ich hat, geht auch starke Bindungen zu anderen Menschen ein. Werden diese Bindungen durch Dritte oder durch das Verhalten gegenüber Dritten gefährdet, dann komme ich. Als Eifersucht schreite ich ein und unterstütze den eifersüchtigen Menschen darin, die Bindung und Verbindung zu verteidigen. Das ist Ausdruck eines starken Ichs. Das ist Ausdruck einer Haltung, die die Beziehung zu einer geschätzten oder geliebten Person verteidigt.

Wenn Menschen verkünden, sie brauchten mich nicht, sie stünden "über der Eifersucht", dann ist das manchmal ein Pfeifen im Walde und Ausdruck von Beziehungshilflosigkeit. Oft höre ich darin auch den gutgemeinten Versuch, unterschiedliche Bedürfnisse gegenüber verschiedenen Menschen zu vereinen. Ich warte dann ab und bereite mich auf meinen Einsatz vor. Meistens brauche ich nicht lange zu warten...

Menschen, deren Ich schwach, unsicher, brüchig ist, sind sich ihrer Beziehungen ebenfalls unsicher. Also werde ich auch von ihnen gerufen. Da muss ich ständig vorbeikommen, oft wird mir sogar ein Gästezimmer zugewiesen. Hinter dem Ruf nach mir, der Eifersucht, steckt oft die Unsicherheit: "Habe ich überhaupt ein Recht, geliebt zu werden?" Oder: "Wer bin ich denn, dass ich geliebt werde?" Wer so an sich zweifelt, muss fast zwangsläufig misstrauisch sein und glauben, die Liebe des Partners oder der Partnerin, der Eltern oder anderer wichtiger Bezugspersonen könne doch gar nicht wahrhaftig sein, sei nur Tarnung und "eigentlich" würden andere mehr geliebt.

Also trete ich auf, oft zwanghaft eifernd und wie eine Sucht wirkend. Wenn dann versucht wird, mich mit guten Worten, mit Argumenten oder anderen Maßnahmen zu vertreiben, dann lache ich nur darüber. Eine Eifersucht lässt sich doch nicht von Argumenten vertreiben! Wer das von mir denkt, macht sich lächerlich.

Vertreiben lasse ich mich nur, wenn Menschen sich mit den Beweggründen beschäftigen, die sie mich rufen ließen: mit ihrem brüchigen Selbstwertgefühl, mit der inneren Haltung, nicht zu genügen oder "falsch" zu sein, mit ihrem fehlenden Mut, sich anderen zuzumuten.

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