Das ABC der Gefühle: Hass

Ich bin auf Vernichtung aus, nicht auf Veränderung. Ich will zerstören, sonst nichts. Deswegen habe ich immer eine Richtung, will ein Objekt, einen Menschen, eine Institution, eine Idee, eine Beziehung oder sonst etwas zerstören.

Als Hass eines einzelnen Menschen werde ich immer aus einer zerstörerischen Situation geboren, meist aus traumatischer Gewalt oder Trennungs- und Verlusterfahrung, die den Menschen überfordert hat. Wenn Menschen unfähig sind, aus einer hilflosen Si¬tuation zu fliehen, sich zu verstecken oder gegen das Bedrohliche zu kämpfen, ohne die Situation verändern zu können, kann zerstörerischer Hass entstehen. Dieser Hass will die Quelle der Ohnmachtsgefühle zerstören und zerstört den hassenden Menschen oft selbst.

Oh ja, das kann ich: die Menschen, die ich ergreife, zerstören! Ich bin zäh und langandauernd. Das, was ich Gutes und Nützliches in mir habe, ist meist nur kurz nach meiner Geburt vorhanden, wenn ich mich als Notwehr gegen Übermächtiges wende. Doch je länger ich aktiv bin, desto mehr verliere ich diesen Aspekt aus den Augen. Ich nähre mich aus mir selbst. Ich verselbstständige mich, wechsele die Ziele, schlage um mich - und zerstöre schließlich die Menschen, die ich ergriffen habe, indem ich sie auszehre, ihr ganzes Leben bestimme und all ihre Kräfte in Anspruch nehme. Ich bin immer stärker als ihre anderen Gefühle, wenn ich nicht gestoppt werde.

Am schlimmsten wüte ich als kollektiver Hass. Wenn ich mich mit anderen Hassenden zusammen schließe, werden wir eine Horde, deren Gewalttätigkeit keine Grenzen gesetzt sind. Ganz gleich, ob wir gegen Ausländer, Frauen, Juden usw. wüten. Aufgehalten werden können wir dann nur mit Gegengewalt.

Wovor ich Angst habe, weiß ich nicht so recht. Ich glaube, ich kenne keine Angst. Vor allem habe ich keine Angst vor Vernunft. Vernünftige Argumente belustigen mich und stacheln mich eher an. Ich brauche keine Argumente, ich brauche nur Opfer. Als kollektiver Hass fürchte ich nur Gegengewalt, Polizei, also konsequente Gegenwehr oder Solidarität usw. Ich werde allerdings dann schwächer, wenn man die Menschen, die ich besetzt habe, ihrer Führer beraubt.

Auch als Hass eines Einzelnen mag ich es nicht, wenn ich gestoppt werde. Manchmal stoppt es mich schon, wenn man mich als das bezeichnet, was ich bin. Oft braucht es aber mehr. Es verunsichert mich, wenn ich damit konfrontiert werde, wie ich die Menschen, die ich ergreife, zerstöre. Ganz ungern gehe ich zu meiner Geburt zurück, zu den Ohnmachtserfahrungen, die mich in die Welt gebracht haben. Mich dahin zurückzubringen gelingt nur wenigen, denn dann würde ich verschwinden und deshalb wehre ich mich mit allem dagegen, was ich habe. Therapeut/innen fürchte ich.

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