Das ABC der Gefühle: Jähzorn

Mit dem Zorn habe ich außer den vier Buchstaben auch manche Eigenschaften wie Heftigkeit und Lautstärke gemeinsam, aber ich lege Wert darauf, dass ich etwas Eigenständiges bin.

Zorn hat einen Grund, ich habe nur einen Anlass. Zumeist einen nichtigen, der in keinem Verhältnis zu meiner Heftigkeit steht. Ich breche aus, weil es in dem Menschen, den ich befalle, brodelt. Ein kleiner Anstoß genügt, wahllos und zufällig. Und dann lege ich los, hemmungslos und grenzenlos. Auch darin unterscheide ich mich vom Zorn. Der hat ja eine Richtung, ein Ziel, will etwas verändern. Ich will nichts verändern, ich will mich nur austoben. Deswegen hat er meistens ein Maß und ich nicht. Und ich wende mich nicht gegen eine Bedrohung, ich wende mich gegen jeden, der zufällig vorbeikommt. (Insofern habe ich manchmal mehr mit der Wut als mit dem Zorn gemeinsam.)

Führerschein durchgefallen

Deswegen ist es völlig belanglos, wann ich wie und gegen wen loslege. Um mich zu verstehen, ist es entscheidend, auf die Quelle meiner Energie zu schauen, auf die Kraft, die mich zum Ausbruch drängt. Ich entstehe nicht, ich werde geschaffen. Fast immer von ungelebtem Leben, das gelebt werden will. Vielleicht eine schlummernde Sehnsucht, ein verdrängter Zorn über Erniedrigung, eine nicht gelebte Sexualität oder andere Leidenschaft — all das lässt mich explodieren, wenn es nicht selbst zum Vorschein kommen darf oder zu leben wagt.

An mir mit guten Argumenten herumzudoktern ist zwecklos. Da bin ich stärker. Auch gegen Kontrollversuche bin ich weitgehend immun. Sie helfen nur kurzfristig - irgendwann lässt die Wachsamkeit nach und dann lege ich los. Aber wie. Ich fürchte nur eines: ausgetrocknet zu werden. Wenn meine Quellen einen eigenen Ausdruck finden, verschwinde ich still und leise, wenn dies nicht geschieht, werde ich zum Dauergast.

Wenn Gefühle reden könnten... zurück zum Interview

Mehr Gefühle finden Sie in:

Das ABC der Gefühle Udo Baer/ Gabriele Frick-Baer Beltz 14,90 Euro

Themen in diesem Artikel