Das ABC der Gefühle: Scham

Beliebt bin ich leider nicht, man schämt sich sogar meiner. Dabei bin ich, die Scham, so normal wie die meisten anderen Gefühle und viel nützlicher als gewisse Nichtsnutze.

Ich passe nämlich auf die Menschen auf, vor allem auf das Intime, das Innere, Vertraute, Verborgene, ganz Persönliche und Kostbare, auf ihren intimen Raum. Denn es ist für die Menschen wichtig, zu unterscheiden, wem sie ihre Intimität zeigen. Wenn sie sich in ihrer Intimität offenbaren, bewusst oder auch schon mal unabsichtlich, dann trete ich auf. Wie eine Warnsirene. Damit sie aufpassen! Dafür bin ich da - klingt doch gut, oder?

Wahrscheinlich kommt meine Unbeliebtheit daher, dass ich mich ein wenig unangenehm anfühle, nicht so prickelnd wie Freude oder Glück. Aber welche Alarmanlage klingt schon angenehm?! Wenn ich nur angenehm wäre, würde doch kein Mensch auf mich achten. Also muss ich heftig sein und deutlich spürbar, bis in die Gesichtsfarbe und in Veränderungen des Blutbildes hinein. Am meisten schuldig an meinem schlechten Ruf ist meine Doppelgängerin: die Beschämung.

Während ich als natürliche Scham auf die Menschen aufpasse, macht die Beschämung die Menschen fertig. Sie werden ausgelacht, beleidigt, gedemütigt, verachtet oder sonst wie abgewertet als Tollpatsche, als Streber/innen, als Behinderte, als Ausländer/innen, als zu schön oder zu hässlich, zu dies oder jenes usw. Wer Fehler macht oder irgendwie anders ist als die "Norm", muss schnell Beschämung erdulden, wird vorgeführt und fertig gemacht. Das tut weh. Peinlichkeit ist eine Pein.

Das Dumme ist nur, dass sich die Beschämung genauso oder zumindest ähnlich wie ich, die Scham, anfühlt. Deswegen ist sie meine Doppelgängerin und die meisten Menschen können uns nicht auseinanderhalten. Erst wenn sie uns unterscheiden, können sie daran gehen, sich der Beschämung zu erwehren und sie an die Absender/innen zurückzuschicken. Erst dann lernen sie, mich zu schätzen.

Angst habe ich davor, dass die Grenzen der Intimität eines Menschen gewaltsam durchbrochen werden, z.B. durch Gewalt, sei sie psychischer, physischer oder sexueller Art. Dann verschwinde ich ganz und der Mensch wird schamlos oder ich verwandle mich in eine starre Betonmauer, die gegen alles verteidigen soll, was von außen kommt - eben leider nicht nur gegen Gewalt und Beschämung, sondern ebenso gegen alles Liebevolle und Zärtliche. Beides, ob ich verloren gegangen bin oder mich betonfest machen musste, ist für mich schrecklich. Auch als Betonmauer bin ich ja verschwunden und kann meine Funktion nicht mehr erfüllen. Ich bin dann kein Scham mehr, sondern nur noch mein eigenes Denkmal. Beton eben.

Wenn Gefühle reden könnten... zurück zum Interview

Mehr Gefühle finden Sie in:

Das ABC der Gefühle Udo Baer/ Gabriele Frick-Baer Beltz 14,90 Euro

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen