Das erste Weihnachten...

... mit einer bestimmten Sache, oder ohne sie: Elf Protokolle über ein ganz besonderes Fest.

... mit Liebeskummer

Das Fest der Liebe. Alle sind zusammen. Aber er kommt nicht mehr Warum rief er nicht an? Es war der 23. Dezember, ich war gerade von meinem Australientrip zurückgekommen. Wir hatten uns seit November nicht mehr gesehen und wollten Weihnachten zusammen feiern. Am Morgen des Heiligabends klingelte endlich das Telefon. Tom machte es kurz: Er hätte sich vor zwei Wochen auf der Weihnachtsfeier seiner Firma in eine andere verliebt und wolle sich trennen. Ich fing an zu zittern. Wie konnte der Mann, den ich liebte, so brutal sein?! An Heiligabend Schluss zu machen, am Telefon! Ich saß reglos in meiner Wohnung. Allein mit dem Essen, seinem Geschenk. Ich hatte Tom eine Kette mit einem Aborigines-Glücksbringer gekauft - die warf ich als Erstes weg. Meinen Ex habe ich seitdem nie wiedergesehen. Jana Steiner, 37, Produzentin

Rätselfragen: Frau hält Hand vors Auge

... ohne Festessen

Weihnachten ist überall, sogar im Schnellrestaurant Unser Plan: von Hamburg ins Sauerland mit der Bahn zu meinen Eltern fahren und pünktlich zum Essen am Tisch zu sitzen. Leider erwischten mein Mann und ich jenen klirrend kalten 24. Dezember, an dem der Zugverkehr zusammenbrach. Unsere Bahn blieb auf einem Acker bei Osnabrück stehen. Erst fanden wir es lustig. Aber nach einigen Stunden kam der Hunger. Getränke und Essen waren in der Bordküche längst aus. Unsere Vorräte auch. Irgendwann ging die Fahrt weiter, doch der Heiligabend war zu weit fortgeschritten für den Traum von Weihnachtsgans und Knödeln. In Dortmund saßen wir fest, zwei Stunden später würde mein Vater uns abholen. Wir gingen zu McDonald's. Und zwischen gierig verschlungenem Burger, Pommes-Geruch und Neonlicht erwischte es uns - dieses tiefe Weihnachtsgefühl. Wir hielten uns die Hände und tauschten Geschenke. Es war toll. Wirklich. Nicole Lötters, 37, BRIGITTE-Redakteurin

... ohne ihn

Eine große Liebe, eine schwere Krankheit, und das erste Mal allein Heiligabend - das war Dein Tag. Der Liebesbrief zum Frühstück. Der Weihnachtsbaum, den Du - same procedure as every year - von der Terrasse ins Wohnzimmer gewuchtet hast (warum nannten wir ihn eigentlich immer "Willy"?). Deine logistisch perfekt verteilten Geschenk-Pyramiden auf Sofa und Sesseln. Die Vorfreude auf Deine Kinder am Nachmittag. Dein Lachsforellen-Dinner, wenn meine Mutter am Abend kam. Und sehr, sehr viel später nur wir zwei auf der Couch bei einem guten Roten mit Al Martino, Louis Armstrong und Hannes Wader. Etwas unheilig, musst Du zugeben. Aber das war an Deinem Tag unsere Musik. Wurde unsere Nacht. Wenn sie mich jetzt gefragt hätten, wie es war, das letzte Weihnachten mit Dir. . . Ich hätte ihnen erzählen können, was sich bei mir eingebrannt hat bis in alle Ewigkeit. Dass Du morgens schon viel zu schwach warst, um aufzustehen. Dass ich Willy diesmal mit unserem Freund, Deinem "Leibarzt", von der Terrasse holen musste. Dass ich um Hoffnung kämpfte, als ich Willy so schmückte wie seit 23 Jahren. Nur für Dich. Für Deinen Tag. Und dass Du sie abends doch noch geschafft hast, die paar Schritte zu Deinem Sessel neben Willy. Für eine unserer letzten Nächte. Bis Du ins Krankenhaus musstest. Bis Du unser Leben für immer mit Dir genommen hast. Aber jetzt haben sie mich gefragt, wie es war, das erste Weihnachten ohne Dich . . . Barbara Voigt, 59, BRIGITTE-Redakteurin

... ohne Kinder

Extrem ungewohnt. Aber wenn man sich drauf einlässt: ziemlich nett Unsere Tochter wollte Weihnachten mit Mann und Sohn allein feiern. Wir konnten das verstehen, schließlich kennen wir das Gefühl aus eigener Erfahrung: Man hetzt von der einen Familie zur anderen, damit alle zufrieden sind, und bleibt bei dem Versuch, es allen recht zu machen, selbst komplett auf der Strecke. Trotzdem waren wir natürlich auch traurig: Es wäre das zweite Weihnachtsfest mit unserem kleinen Enkel gewesen. Andererseits bekamen wir so die Chance, alte Gewohnheiten aufzubrechen. Also gingen mein Mann und ich das erste Mal seit Jahren nicht in die Kirche, sondern wir machten einen langen Spaziergang. Danach stellten wir uns zu zweit an den Herd, die Verantwortung für das Menü hatten wir aufgeteilt - auch eine Neuerung. Mein Mann war für Suppe und Dessert zuständig, ich kümmerte mich um Vorspeise und Hauptgang. Da wir berufstätig sind, konnten wir die Feiertage als freie Tage genießen. Ohne Stress, ohne Absprachen, ohne stundenlang in der Küche stehen zu müssen. Komisch wurde es doch einmal: als wir zur Bescherung allein unter dem Baum saßen. Aber dann schenkte mein Mann uns ein Glas Wein ein, und der Moment zog vorüber. Donate Wuttke, 54, Angestellte

... ohne Gefühle

Es ist festlich. Es ist wie immer. Es ist von vorn bis hinten falsch Das Essen hatte ich hinter mich gebracht, obwohl mir kotzübel war. Das Zimmer leuchtete im Kerzenschein, im Hintergrund lief Nina Simone. Wir waren seit fünf Jahren zusammen. Ich sah die liebevoll drapierte Schleife an meinem Geschenk, die frisch aufgefüllten Sektgläser, aber in meinem Herzen war nichts außer diesem schalen Gefühl. Ich gehörte nicht hierher, nicht zu diesem Mann. Das spürte ich schon länger, aber an diesem Abend kam die Gewissheit. Ich weiß bis heute nicht, warum ich mir das erst da eingestehen konnte. Wahrscheinlich war der Druck zu groß, gerade an Weihnachten das ganz starke Gefühl spüren zu müssen. Wir überreichten uns die Geschenke. Ich küsste ihn, während es in meinem Kopf rauschte: "Du musst doch etwas spüren, warum spürst du nichts?!" Ein inszeniertes Fest, ein leeres Ritual und Gefühle, die nur noch von der Erinnerung lebten. Am 5. Januar habe ich ihn verlassen. Merle Wuttke, 31, Journalistin

... mit Job

Sehr zu empfehlen: heiße Waffeln gegen den Weihnachtsblues Vor ein paar Monaten hatte ich meine Stelle als Ärztin im Praktikum angetreten und musste Heiligabend arbeiten. Mein Freund Martin wollte bei seiner Mutter feiern, brachte mir aber sein Geschenk vorbei. Ich packte es aus. Ein Waffeleisen. Dazu: eine Schüssel mit Teig. Wenig später roch es auf dem Flur nach seinen frisch gebackenen Waffeln. Mehr Weihnachten brauchte ich nicht. Anja Böttcher, 36, Ärztin

... mit neuer Nase

Bitte lächeln? Nichts lieber als das "An dein neues Gesicht muss ich mich erst gewöhnen." Das war das Erste, was Onkel und Tante sagten, als sie mich am Heiligabend sahen. Wir haben an dem Abend jede Menge Familienfotos aufgenommen und mit älteren verglichen. Ich sah viel fröhlicher aus. Früher war meine Nase sehr schmal, krumm und hatte einen Höcker. Ich habe mich immer vor der Kamera gedrückt. Jetzt habe ich eine Nase, die ich mag. Und ich kann besser riechen. War das schön auf dem Weihnachtsmarkt: all die Düfte von gebrannten Mandeln, Glühwein und Bratwurst . . . Stefanie Braun, 23, Einzelhandelskauffrau

... mit Schnee

Wer hätte gedacht, dass ein Tiefdruckgebiet glücklicher machen kann als das schönste Geschenk Ich komme aus Äthiopien, es war mein erstes Weihnachten in Deutschland. Ich sah aus dem Fenster, und plötzlich segelten diese weichen, weißen Flocken auf den Boden. Sofort rannte ich raus. Mit den Händen fing ich die Schneeflocken auf und ließ sie schmelzen. Ich hatte ja keine Vorstellung davon, wie zart und fein sich Schnee anfühlt! Segen Tesfalem, 19, Apothekenhelferin

... ohne Fernseher

Gibt dem echten Leben eine Chance. Und macht deutlich mehr Spaß! Letztlich lag es an der Technik. Als Hamburg den Empfang über die Antenne abschaltete, versuchten wir es mit dem neuen digitalen Wunderfernsehen. Also Receiver erstanden, angeschlossen, und dann? Der Megaflop. 30 Kanäle in erbärmlicher Bild- und Tonqualität. Wir beschlossen ziemlich schnell: Kiste aus, Receiver weg. Das war im Oktober. Dann kam Weihnachten. Die Familie zu Gast. Logisch, dass die Halbwüchsigen als Erstes spitzkriegten, was an unserem Familienidyll faul ist: "Eure Glotze ist kaputt!", tönte es panisch aus dem Wohnzimmer. Nach dem ersten Schock gewöhnte sich die Verwandtschaft an den Zustand. So verpassten sie und wir Heiligabend zwar unsterbliche Unterhaltungs-Highlights wie "Der kleine Lord" und "Sissi". Stattdessen spielten wir aber stundenlang Monopoly, köpften diverse Weine, aßen zu viele Zimtsterne und lachten uns kringelig über alte Fotoalben. Auch wenn wir irgendwann doch noch einen neuen Receiver anschaffen sollten: Weihnachten bleibt der Fernseher definitiv aus. Andreas Brohme, 42, Redakteur

...ohne Alkohol

Heiligabend, und kein Stoff im Blut. Willkommen in der Hölle! Seit meinem 14. Lebensjahr bin ich Alkoholikerin. Ich ging betrunken zur Schule, machte betrunken meine Ausbildung zur Krankenschwester, stand bei meiner Heirat besoffen vor dem Standesbeamten. Um meinen Pegel zu halten, schüttete ich tagsüber zwei Flaschen Wein in mich hinein, abends noch Schnaps. Weihnachten erlaubte ich mir zusätzlich ein paar Drinks, beim Schmücken des Baumes oder beim Kochen. Am Morgen des Heiligabends war ich meistens schon voll. Mein Mann ließ mich gewähren: Ich trank, er tolerierte. Vor vier Jahren, im Herbst, beschloss ich von einem Tag auf den anderen, aufzuhören. Weihnachten feierten wie immer meine Eltern mit uns, wir schmückten den Baum, doch diesmal konnte ich keinen Sekt dazu trinken. Es war eine Katastrophe. Ich flippte aus, wenn eine Kugel nicht richtig hing oder die Lichterkette sich verhedderte. Alles machte mich aggressiv, besonders mein Mann. Ich liebte ihn nicht, hatte ihn nie geliebt - das wurde mir an diesem Weihnachtsfest klar. All meine verschütteten Gefühle und Ängste kamen hoch. Außerdem hatte ich noch Hochprozentiges im Haus, für meinen Vater, ebenfalls Alkoholiker. Damit wenigstens er ein schönes Fest hat. Das verstärkte den Druck. Die Familie stieß fröhlich an, für mich gab es nur Wasser. Meine Seele schrie nach Stoff. Mehrmals war ich an diesem Abend versucht zu trinken. Stattdessen stopfte ich wie eine Verhungernde Essen in mich hinein. Irgendwie schaffte ich es, diesen 24. Dezember hinter mich zu bringen. Heute habe ich vor Weihnachten keine Angst mehr. Ich weiß, ich packe das Leben. Susanne M., 38 Jahre, Krankenschwester

... mit Weihnachtsmann

Manchen Kindern kommt der Mann in Rot-Weiß irgendwie bekannt vor Wir fragten unseren Nachbarn Horst, ob er für Finn in Bart und Mantel schlüpfen könnte. Konnte er, Kostüm lag vor, der Mann hatte Erfahrung. Am 24. rumpelte er Punkt sechs durchs Treppenhaus, "hohoho", alles sehr stilecht. Finn riss die Tür auf und sagte: "Horst". Den restlichen Abend verbrachten wir damit, unserem 4-jährigen Kind zu erklären, dass der Weihnachtsmann nicht nur Elfen, sondern auch Unternehmensberater im Team hat, die zur Not einspringen. Christine Hohwieler, 40, BRIGITTE-Redakteurin

Protokolle: Andreas Brohme, Andrea Krautkremer, Christine Hohwieler, Nicole Lötters, Merle Wuttke, Barbara Voigt BRIGITTE Heft 26/2006

Wer hier schreibt:

Merle Wuttke
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