Der Ernst des Lebens: Das Leben ist viel lustiger

Die Situation ist vermasselt, der Tag versaut, nichts geht mehr? In ihrem neuen Buch "Der Ernst des Lebens" empfehlen die Autoren Andreas und Stephan Lebert, einen Blick auf die Nebendarsteller zu werfen. Weil der die Schrecken des Alltags schlagartig entkräftet.

In der Astronomie ist die Methode eine Selbstverständlichkeit. Jeder muss sie lernen, der nachts das Weltall beobachten will, muss sie bis zur Perfektion üben: die Methode des indirekten Sehens.

Mitten in der Nacht, schwarze Dunkelheit, das Teleskop in den Sternenhimmel gerichtet, zum Beispiel auf die Galaxien M 81 und M 82 im Sternbild Großer Wagen. Man guckt durch die Linse - und man sieht sie. Zwei weißliche, zarte Nebelflecken. Das ist direktes Sehen. Das kann man in hundert Nächten wiederholen, und man wird immer und immer dasselbe sehen. Aber es wird einem auch immer dasselbe verborgen bleiben. Fortschritte macht man nur, wenn man das, was man eigentlich sehen will, links liegen lässt. Es gilt, einen Punkt daneben zu fixieren und nicht loszulassen. Ein bisschen trist am Anfang, wird aber dann ganz plötzlich auf überraschende Weise belohnt. Jetzt, im Bildrand, zeigen die Galaxien, was sie draufhaben: die weit ausholenden Spiral-Arme, die gigantischen Regionen dunkler Materie, die hellen Punkte, in Wahrheit große Haufen junger Sterne.

Hund im Laub

Das ist indirektes Sehen. Man schaut woanders hin, um das Eigentliche zu sehen. Das funktioniert nicht nur im Weltall. Sondern zum Beispiel auch im Alltag eines Polizisten. Der Kriminalkommissar Hans Brendel, Fachgebiet Wirtschaftskriminalität, nennt das eine der wichtigsten Erfahrungen: Scheinbar unbedeutende Nebenfiguren führen immer zu den besten Ermittlungsergebnissen. Bei Durchsuchungen in Büros von Konzernen sei es eben nicht wichtig, auf die Verdächtigen zu achten, sondern vielmehr darauf, was für ein Gesicht die Sekretärin macht, welche Reizbarkeit man bei einem Assistenten spürt.

Solche Leute sich zur Seite zu nehmen und zu sagen, "wollen wir beide nicht mal einen Kaffee trinken gehen" - dabei kommt am meisten heraus. Brendel gehörte jahrzehntelang zu den Topermittlern der Kriminalpolizei in Deutschland. Blick auf den Nebendarsteller, nächstes Beispiel: Pressekonferenz in Berlin, eine Ministerin wird nach ihrem ausführlichen Statement zu einem Gesetzentwurf von Journalisten gefragt. Wie das so läuft: "Vor einem Jahr haben Sie noch etwas anderes gesagt... Was bedeutet der Kommentar aus dem Innenministerium...?"

Direktes Sehen: die Ministerin am Mikrofon. Indirektes Sehen: Schräg hinter der Ministerin sitzt eine Frau, die alles tut, um unauffällig zu sein. Haare zurück, weiße Bluse, kaum Make-up. Sie hat Akten auf dem Schoß und einen Laptop neben sich. An ihr ist die Nervosität ihrer Chefin abzulesen, an den rötlichen Flecken an ihrem Hals, an ihrer zunehmenden Hektik, mit der sie versucht, der Ministerin Fakten für ihre Antworten zu liefern. Diese Frau ist es, die ein Zischgeräusch der Ministerin empfängt, "Wo bleiben die Zahlen?", und noch mal: "Wofür habe ich Sie eigentlich dabei?"

Noch gehaltvoller wird der Blick auf diese Nebenfigur, wenn man ein bisschen mehr über sie weiß. Schon als sie am Morgen aufstand, war ihr klar, was ihr bevorstehen würde. Sie kannte ja den Gesetzentwurf, wusste, wie und warum er so unausgegoren war, welche Fragen kommen würden. Aber vor allem war ihr klar: Am Ende würde alles wieder bei ihr hängen bleiben. Ihr Lebensgefährte war an diesem Morgen auch keine Hilfe, als er über den Frühstückstisch hinweg sagte: "Wir müssen mal über unsere Beziehung reden. Ich habe das Gefühl, du nimmst deinen Job zu wichtig."

An dieser Stelle lenken wir die Aufmerksamkeit auf einen alten Fotografen. Er war bei einer großen Münchener Tageszeitung beschäftigt, ein Handwerker, alles andere als ein Star. Dabei hätte er viel erzählen können, so viele hat er im Lauf der Zeit fotografiert, alle Entscheider, Topmanager, all die angeblichen Hauptfiguren. Und selbst sein Ende erzählt noch was: Er starb in der Drehtür zur Redaktion, weit über achtzig, vermutlich ein Herzinfarkt. Dieser Tod sorgte noch mal für ein bisschen Aufregung in der Bude. Wir meinen jetzt nicht den Skandal, dass er - wegen der fehlenden Altersversorgung - buchstäblich bis zum letzten Atemzug arbeiten musste, sondern das Theater, das nur wenige Stunden später im Hof der Zeitung aufgeführt wurde. Zwei sehr alte Damen standen am Auto des Verstorbenen und stritten sich bis zur Tätlichkeit darum, wer von ihnen beiden jetzt den Wagen mitnehmen dürfe. Der Ressortleiter des Lokalteils warf sich dazwischen und kehrte aus dem Kampf mit folgender Nachricht zurück in die Redaktion: "Die eine war seine Ehefrau, die andere seine Geliebte."

Wir behaupten: Der Blick auf die Nebendarsteller macht das Leben reicher - und heiterer. Und setzen die Beweisführung fort am Beispiel der Mondlandung 1969. Zu jedem wichtigen Jahrestag wird die Geschichte um die Astronauten Armstrong und Co. wieder aufgelegt. Von Träumen ist dann immer die Rede, von Mut, vom großen Schritt der Menschheit.

Was kaum einer weiß: Es gab 1969 noch einen mutigen Mann, Peter Sartorius hieß er. Er war nicht besonders erfolgreich, deswegen in einer Art Krise mit seinem Beruf, dem Journalismus. Jetzt brach er auf, auf eigene Rechnung, mit dem letzten Geld, das er hatte, ohne Auftrag. Ziel: Cape Canaveral, irdischer Schauplatz des Mondabenteuers. Der Plan war wenig Vertrauen erweckend: Ein Bekannter in Nürnberg hatte Zugang zu einem Fernschreiber. An den wollte Sartorius seine Berichte schicken, der Bekannte sollte sie weiterleiten. Acht Wochen blieb er in Amerika. Jeden Tag lieferte er Kommentare, Reportagen, Interviews. All die Wochen wusste er nicht, ob irgendetwas davon irgendwo erschien - oder ob alles im Papierkorb gelandet war. Unermesslich die Emotionen, als Neil Armstrong seinen Fuß zum ersten Mal auf den Boden des Mondes setzte. Das ist bekannt.

Weniger bekannt sind die Gefühle, die Peter Sartorius hatte, als er zum ersten Mal wieder seine Füße auf den Boden des Frankfurter Flughafens setzte. Hinter ihm lagen eine lange Busfahrt nach New York, der Flug und die von Meile zu Meile wachsende Gewissheit, gescheitert zu sein. Müde näherte er sich der Passkontrolle. Der Zollbeamte blickte auf den Ausweis und fragte: "Wie ist es denn da, in Houston, Herr Sartorius?" - "Woher wissen Sie, dass ich aus Houston komme? Ich bin doch aus New York geflogen..." - "Aber Herr Sartorius", antwortete der Mann lächelnd, "wir haben doch alle jeden Tag Ihre Berichte gelesen, in allen Zeitungen..."

Es lohnt sich, an dieser Stelle innezuhalten. Unser kleiner Nebendarsteller wurde später ein Reportergigant. Seine große Karriere begann genau in dem Augenblick, als der Zöllner diese Sätze sagte und Peter Sartorius auf eine Flughafentoilette ging, sich einschloss und weinte.

Das Prinzip Nebendarsteller. In Hollywood gehört dieser Perspektivwechsel zum genetischen Programm, zu besichtigen in unermesslich vielen Geschichten - und zwei grundsätzlichen Varianten. Die Variante A wird besonders deutlich in dem Film "Das Appartement" von Billy Wilder. Jack Lemmon ist ein Mann, der nirgendwo im Leben die Hauptrolle hat, nicht in seiner Firma, nicht bei irgendwelchen Frauen.

Diese Nebenfigur des Daseins rückt der Regisseur in den Mittelpunkt, macht sie zum Star. Und die ganze Welt hat über diesen Mann gelacht, der seine Wohnung für die Schäferstündchen seiner Chefs verleiht. Den Kleinen derart zum Großen machen, dass wir alle am Boden liegen vor Lachen, so wurde Charlie Chaplin berühmt, Woody Allen, Roberto Benigni. Diese Variante macht den Nebendarsteller zum Hauptdarsteller. Die Variante B ist direkt: Nebenrolle bleibt Nebenrolle. Amerikanische Filmregisseure wissen, wie wichtig solche Typen sind. Es gibt eine regelrechte Nebenrollen- Kultur, Schauspieler und Schauspielerinnen, die auf Nebenrollen festgelegt sind. Sie werden von den Zuschauern geliebt. In jeder Oscar-Verleihung ein Höhepunkt: der Oscar für die beste weibliche und die beste männliche Nebenrolle.

Das indirekte Sehen. Das Prinzip Nebendarsteller. Immer mehr Filmregisseure perfektionieren dieses Prinzip. Sie lösen den Unterschied zwischen Haupt- und Nebenrolle auf, die Gräben zwischen wichtig und unwichtig. In den Episodenfilmen wie "Short Cuts", "Magnolia" oder "L. A. Crash" ist das zu besichtigen. Auf diese Gleichberechtigung der Figuren geht der Schriftsteller Salman Rushdie in seinem Roman "Mitternachtskinder" ein, der unlängst zum besten Buch aller Zeiten gewählt wurde. Darin schlängelt sich der Autor auf immer neuen spiralförmigen Umwegen durch die Geschichte - Umwege, auf die er sich durch immer neue scheinbare Randbeobachtungen lenken lässt.

Und das ist nicht nur eine Erzählmethode, sondern auch eine Philosophie, die er anpreist: die Kunst des besonderen Blickes. Unser Buch fühlt sich dem Heiteren verpflichtet, dem Kampf gegen das Graue und Düstere, und natürlich in erster Linie in der Realität, in unserem sehr persönlichen, eigenen Film. Alle Überlegungen bisher führen uns zu einem ersten Trick, den wir empfehlen möchten.

Wenn die Hauptfiguren, die uns umgeben, sich anschicken, das Leben zu verfinstern, dann lohnt sich immer der Versuch, den besonderen Blick anzuwenden, Punkte daneben zu fixieren: die Nebendarsteller. Es ist doch so: Wenn es schwer wird um einen herum, liegt es auch daran, dass sich alle Beteiligten sehr wichtig vorkommen und keiner davon lassen will. Der Trick besteht darin, sich in solchen Momenten auf andere zu konzentrieren, sich zu verlieren in einer ganz anderen Geschichte.

Einer der beiden Autoren kann sagen, dass ihm manchmal ein kleines Spiel geholfen hat: die Suche nach dem Mann des Wochenendes. Dabei gilt es, im Alltag Ausschau zu halten. Einmal war dieser Mann ein bisschen übergewichtig und schwitzte stark. Es war Samstagvormittag, und sein Volvo-Kombi blockierte den breiten Gehweg auf Münchens Einkaufsboulevard Leopoldstraße.

Bei genauerem Hinsehen war schnell klar: Das wird keine Angelegenheit von wenigen Minuten. Das Vorderteil eines rustikalen Holzsofas steckte in der geöffneten Heckklappe, der weitaus längere Rest des Sofas wurde lediglich von dem immer mehr schwitzenden Mann gehalten. Keinerlei Hilfe in Sicht, dafür immer mehr Passanten, die sich aufregten und fragten, was er sich einbilde, hier den Weg zu versperren. Was soll man sagen? Der eine der beiden Autoren schwört, dass ihn der Untergang dieses Mannes beim Kampf mit seinem Sofa auf andere Gedanken brachte.

Man fragte sich, wie kam er in diese Situation? Man hörte im Geiste eine Ehefrau sagen: "Wann endlich holst du eigentlich das Sofa von Tante Anna?" Zum Mann des Wochenendes wurde er erklärt, weil man merkte, dass er einen in Gedanken begleitete. Ob er es wohl geschafft hat? Wann? Wie? Wir greifen an dieser Stelle einen Einwand auf, den man beim Ringen um die Heiterkeit immer wieder zu hören bekommt: Ist ja ganz nett, so eine Geschichte, ja, ja, da lacht man mal, nichts gegen Heiterkeit, aber bitte zum richtigen Zeitpunkt. Wenn die wirklichen Sorgen kommen, dann bringt das doch gar nichts. Und ist auch geschmacklos und fehl am Platze. Gegen diese Art von Einwand sind wir allergisch. Diese Art von Einwand gehört zu den Todfeinden der Heiterkeit, davon gibt es viele. Wir wollen diesen Einwand ein für alle Mal entkräften, indem wir deutlich machen, in welcher Dimension wir die Heiterkeit sehen.

Wir rufen dazu einen Kronzeugen auf, der zunächst mal Fachmann auf einem ganz anderen Gebiet ist. Der weltbekannte Dirigent und Pianist Daniel Barenboim hat ein sehr besonderes Orchester gegründet, das aus Musikern aus dem Nahen Osten besteht, also aus Israelis, Syrern, Palästinensern. Seine Idee ist es, mit Musik die Grenzen von Politik und Hass zu überwinden. Dieses Projekt hat großen Erfolg, aber es gab auch immer wieder Rückschläge. Als der Libanonkrieg ausgebrochen war, fehlte bei der nächsten Probe ein libanesischer Musiker. Barenboim erkundigte sich, was los sei. Der Mann erklärte, er werde schon wiederkommen, aber jetzt sei Krieg, da fühle er sich außerstande, Musik zu machen. Musik habe für ihn etwas mit Freude und guten Zeiten zu tun. Barenboim blieb höflich und hielt ihm seinen Platz im Orchester offen.

"In Wahrheit aber", sagte er im Gespräch mit einem der beiden Autoren, "hat der Mann von Musik gar nichts verstanden. Was für ein Irrglaube, Musik hätte nur etwas mit Freude und guten Zeiten zu tun. Musik ist davon völlig unabhängig, sie funktioniert zu allen Zeiten, ist immer nötig. Musik ist eine ganz andere Kategorie." Schöner hätte es Daniel Barenboim in unserem Sinne nicht sagen können. Eine andere Kategorie, das ist für uns auch die Heiterkeit. Es geht nicht um ein Scherzchen hier, einen lustigen Spruch da, um ein Begleitgeräusch bei schönem Wetter. Wer das meint, hat nichts verstanden. Heiterkeit ist eine Philosophie. Sie funktioniert zu allen Zeiten, in den guten und in den schwarzen auch. Und so möchten wir am Ende des Kapitels ein weiteres Spiel und einen letzten Nebendarsteller einführen.

Das Spiel lautet: "Der Satz des Tages." Dabei geht es darum, von all den Sätzen, die man am Tag nebenbei aufschnappt, den besten auszuwählen. Einer der beiden Autoren hat einen aktuellen Favoriten, er hat ihn gehört in seinem Münchener Fitness- Center. Jeden Sonntag läuft dort eine ungewöhnliche Truppe ein, baut eine Tischtennisplatte auf und veranstaltet ein Turnier. Nicht mehr ganz jung sind sie, allzu sportlich wirken sie auch nicht in den manchmal etwas zu engen Leibchen. Einer der Spieler heißt Heinz. An dem betreffenden Tag hat er eine ziemliche Niederlage eingefahren. Seinem Gesicht in der Umkleidekabine nach zu urteilen geradezu ein Fiasko. Und jetzt kommt der Dialog. Angefangen von dem Spieler, der ihn besiegt hat. "Du Heinzi, leihst du mir's nächste Mal wieder deinen Schläger?" Kniend, inzwischen mit nacktem Oberkörper im unteren Teil seines Spinds wühlend, antwortete er: "Des brauchst du ned glaubn."

Der Ernst des Lebens Und was man dagegen tun muss Andreas Lebert / Stephan Lebert S. Fischer 176 Seiten 17,95 Euro

Text: Andreas und Stephan Lebert Foto: Helgi/photocase.com Ein Artikel aus der BRIGITTE 08/09
Themen in diesem Artikel