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"Liebe Mama, ..." Tochter schreibt ehrlichen Brief an ihre Mutter

Eine Frau schreibt einen Brief
© Yulia Grigoryeva / Shutterstock
Die Beziehung zur Mutter zu verbessern ist nicht immer einfach. Enttäuschte Erwartungen, Kränkungen, Schuldgefühle: Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter kann sehr belastet sein. Auch unsere Autorin erlebte die Beziehung
 ihr Leben lang als schwierig – bis zu dem Augenblick, als sie dachte, ihre Mutter stirbt.

Liebe Mama,

da war dieser eine Moment, der alles veränderte. Der uns befreite von allen Hätte-, Wäre-, Sollte-, Müsste-Schlacken zwischen Tochter und Mutter. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, Du wärst tot, und erlebte ein Gefühl grenzenloser Verlorenheit.

Es war auf der letzten Familienfeier. Ich saß Dir gegenüber. Du sahst blass aus, der Lärm, die vielen Menschen, die Kellnerin, die ständig nachgießen wollte. Dein Schwager, der auf dich einredete. Binnen Sekunden wich alle Farbe aus Deinem Gesicht, Deine Augen fielen zu, Dein Oberkörper sank leicht vornüber. Für einen Augenblick war ich wie gelähmt, dann schrie ich nur: "Haltet sie fest!"

Die Beziehung zur Mutter verbessern - es ist nie zu spät

Wir legten Dich auf den Boden, beugten uns über Dich, sagten beruhigend "Wir sind da" und riefen immer wieder Deinen Namen, als könnten wir Dich beschwören, zurückzukehren. Deine Hände waren eiskalt, Du hattest keinen Puls mehr und zeigtest minutenlang keine Reaktion.
Glücklicherweise saß ein Arzt am Nachbartisch. Der wusste, was zu tun war. Sofort einen Notarzt rufen, mit Dir sprechen, die Schultern schütteln, den Atem prüfen, eine Herzdruckmassage machen. Die Rippen knackten, und endlich, endlich kamst Du wieder zu Dir und schautest mich verwundert an, als seist Du von einer langen Reise zurückgekehrt.

"Ich bin wieder da", sagtest Du, konntest Dich aber nicht erinnern, wo du gewesen warst. Dein Herz war stehen geblieben, Du hattest dem Tod einen kurzen Besuch abgestattet. Aber irgendetwas hatte dich davon abgehalten zu bleiben. Als Du so leblos dalagst, hatte ich mich schon bei dem Gedanken ertappt, dass dies eigentlich ein schöner Moment zum Sterben wäre, im gesegneten Alter von 86, alle Lieben um sich versammelt. Kurz war ich bereit, Dich gehen zu lassen. Doch es war nur der Kopf, der sich diese Strategie zurechtgelegt hatte, mein Herz war heilfroh, als die Farbe in Dein Gesicht zurückkehrte.

Wir zwei verbrachten die halbe Nacht zusammen in der Notaufnahme. Und so merkwürdig es klingt, es war die intensivste und schönste Begegnung, die wir je hatten.

Ich bin ja so froh, dass du da bist sagtest du mehrmals.

Ein Satz auf den ich ein halbes Leben sehnsuchtsvoll und vergeblich gewartet hatte.

Plötzlich war er ausgesprochen und heilte alles, was noch wund war 

Mein ganzes Leben durfte ich Dich nie anfassen, bis auf kurze, flüchtige Umarmungen, aus denen Du Dich immer schnell herausgewunden hast, körperliche Nähe war Dir suspekt. Aber dann lagst Du im grellen Licht in der Notaufnahme und warst so dankbar, dass ich an Deinem Bett saß, Dir Wasser einflößte, Dir half, das Mieder, in das Du Dich gezwängt hattest, um bei der Feier gut auszusehen, zu lösen, damit die Infusion gelegt werden konnte.

Während die Schwester hektisch hin und her lief, waren wir beide vollkommen ruhig und sahen uns an, als sähen wir uns zum ersten Mal. Was gewesen war, spielte keine Rolle mehr. Es war ein reiner, vollkommener, wahrhaftiger Moment. Der Anblick Deiner Pergamenthaut machte mich sprachlos, ich musste unter einem Vorwand kurz in einen Nebenraum gehen, um meine Tränen zu verbergen. Ich war gerührt von der Zerbrechlichkeit Deines Körpers, den ich als Kind nie sehen durfte.

Unsere Rollen kehrten sich nun.

Ich verwandelte mich in eine Löwin, die alles tat, ihr Junges zu beschützen.

Ich fauchte den Arzt an, der Dich von einem Zimmer ins nächste schieben ließ, wehrte schmerzhafte und überflüssige Untersuchungen ab, weigerte mich, Dich über Nacht im Krankenhaus zu lassen, weil Du nur in Dein eigenes Bett wolltest und endlich schlafen. Ich brachte dich gegen ärztlichen Rat nach Hause und wunderte mich über meine kühne Entschlossenheit.

Als Du wieder zu Hause warst und ich in mein Leben zurückkehrte, taten wir beide so, als habe es diesen Vorfall nie gegeben. Unsere Telefonate wurden wieder belanglos, du fragtest das Übliche: Wie ist das Wetter? Was macht die Arbeit? Was kochst Du heute? Irgendwann verstand ich, dass es für Dich existenziell war, zur Tagesordnung zurückzukehren, die Begegnung mit dem Tod zu vergessen, unser Mutter-Tochter Verhältnis wieder in die alten Bahnen zu lenken und so zu tun, als würdest Du ewig leben.

In gewisser Weise tue ich auch so, als seist Du unsterblich 

Der Moment, als die Schleier zwischen unseren Welten hauchdünn waren und der Tod anklopfte, um uns lebendig zu machen, habe ich an einem sicheren Ort in mir verwahrt.

Wenn ich eines Tages doch einmal an Deinem Grab stehe, werde ich mich an diese kostbare Nacht erinnern, in der zwischen uns reine Liebe und sonst gar nichts war.

Deine Ruth 

Dieser Artikel erschien in der BRIGITTE wir 01/2018 

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