Die Hühnerdiebin: Legebatterie ade!

Tierschützerin Stephanie Johanna Goldbach schleicht sich nachts in verschlossene Gebäude. Geld und Geschmeide interessieren die 28-Jährige nicht, ihr Herz schlägt für Hühner.

Stephanie Johanna Goldbach

BRIGITTE: Frau Goldbach, tagsüber sind Sie Fremdsprachensekretärin und nachts Hühnerdiebin. Welcher Job ist Ihnen lieber?

Goldbach: Der mit den Hühnern. Wir sagen dazu aber Tierbefreiungen.

BRIGITTE: Was heißt das?

Goldbach: Wir dringen in Legebatterien ein und befreien Hühner.

BRIGITTE: Einfach so: hinfahren, Stall auf, Hühner raus, wieder heim?

Goldbach: Nein. Man muss das ganz genau planen, sich tagelang auf die Lauer legen. Haben die Wachhunde? Kameras? Kommt da nachts noch mal jemand und kontrolliert die Ställe?

Eine Befreiung von 50 Hühnern dauert etwa eine Stunde. Zwei stehen Schmiere, drei arbeiten in den Ställen.

Jedes Huhn wird einzeln rausgetragen. Man muss es so greifen, dass es die Flügel nicht ausbreiten kann, sonst verheddert und verletzt es sich. Da sind zehntausende Hühner, dazu der Gestank der Exkremente, unmenschliche Enge. Und ich kann nur ein paar wenigen Hühnern ein besseres Leben schenken. Derweil sind das alles Individuen. Ich finde das sehr bedrückend.

BRIGITTE: Sie müssen Schicksal spielen und auswählen.

Goldbach: Ja. Ich nehme immer das dritte oder vierte Huhn aus einem Käfig heraus, da diese Besatzdichte besonders grausam ist. Ich rede dem Huhn dann gut zu, weil die natürlich auch aufgeregt sind:

"Du kommst jetzt dahin, wo es dir besser geht. Alles wird gut."

Im Winter suche ich mir die aus, die noch ein halbwegs intaktes Federkleid haben, damit sie später nicht so frieren. Im Sommer ist das egal. Da nehme ich die Hühner, die sich am einfachsten greifen lassen.

BRIGITTE: Das klingt alles ziemlich illegal. Weiß Ihr Chef davon?

Goldbach: Nee, im Beruf kommt das immer so blöd an. Aber selbst wenn wir erwischt würden, wäre es nicht wirklich schlimm. Die Legebatterien sind meist nicht abgesperrt. Das heißt, es ist kein Einbruch, sondern nur Hausfriedensbruch. Dazu kommt noch Diebstahl. Was bei Hühnern aber nur ein paar Cent ausmacht. Ich denke, wir kämen mit 20 Tagessätzen davon.

Wir machen die Aktionen auch als offene Befreiungen, das heißt ohne Maske. Wir sind ja keine Verbrecher.

Nur Handschuhe haben wir an, wegen der Fingerabdrücke - und der Hühnerkrallen.

BRIGITTE: Warum befreien Sie ausgerechnet Hühner?

Goldbach: Weil es leicht zu machen ist, viel einfacher als Schweine oder Kühe. Weil das Hühnerleid mit das größte ist. Und weil man für Hühner noch am leichtesten Abnehmer findet, die ihnen als befreite Tiere ein selbstbestimmtes Leben garantieren.

BRIGITTE: Sie scheuchen die also nicht einfach in den Wald, sondern sorgen für ein neues Zuhause.

Goldbach: Natürlich. Manchmal müssen wir dafür über hundert Kilometer fahren. Aber es lohnt sich. Dort können sie scharren, picken, ihre Flügel ausbreiten, hinlaufen, wo sie wollen. Manchmal bekommen wir später Fotos geschickt, Dateien mit Namen wie Helga.jpg. Die Hühner sind wie Familienmitglieder dort. Man sieht sofort, wie gut es ihnen geht.

BRIGITTE: Und Ihnen geht es dann auch besser.

Goldbach: Nirgendwo sonst kann ich Lebewesen so direkt helfen. Ich bin einfach ein mitfühlender Mensch. Seit ich zwölf bin, lebe ich vegetarisch. Seit sechs Jahren ernähre ich mich vegan und engagiere mich für Tierrechte. Demonstrationen organisieren, sich anketten lassen - das alles desillusioniert einen irgendwann.

Die Hühnerbefreiungen geben mir Kraft.

Das hört sich jetzt vielleicht ein wenig pathetisch an, aber diese Aktionen sind mit die Höhepunkte meines Lebens.

Interview: Georg Cadeggianini Ein Artikel aus der BRIGITTE 21/08
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