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Die Lieblingssünde: anarchistisch sein


Nicht mehr um neun im Büro. Zeit selbst einteilen. Das macht glücklich. Ein bisschen schmutzig sein auch, findet Till Raether und begeht: die Lieblingssünde.

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Es gibt einen großen gesellschaftlichen Trend, über den bisher geschwiegen worden ist: Immer mehr Menschen duschen immer seltener. Das klingt alarmierend, hat aber etwas mit Freiheit zu tun. Dadurch, dass unsere Arbeitswelt sich verändert, ist eine stetig wachsende Anzahl von Frauen und Männern freiberuflich tätig, oft zu Hause. Ich gehöre zu dieser Gruppe und da ich bis vor einigen Monaten als Angestellter jeden Tag in ein Büro gegangen bin, kann ich folgende empirische Erhebung mitteilen: Wer jeden Tag in ein Büro geht, duscht im Allgemeinen jeden Tag. Wer dagegen zu Hause arbeitet, duscht irgendwann nicht mehr jeden Tag. Es mag Ausnahmen geben, doch zu denen gehöre ich nicht. Am Anfang hält man als Freiberufler ohne Publikumsverkehr noch eine gewisse Disziplin aufrecht wie die englischen Offiziere in Kriegsfilmen, die sich noch in Gefangenschaft jeden Morgen mit der Glasscherbe rasieren, um nicht völlig den Kontakt zur Zivilisation zu verlieren. Nach kurzer Zeit aber erliegt man der Verführungskraft der Bequemlichkeit und, ja: der Anarchie.

Es begann ganz schleichend: Ich musste noch vorm Frühstück dringend was am Computer erledigen und ehe ich wusste, wie mir geschah, ging es gegen Mittag und ich telefonierte in Schlafanzughose und T-Shirt mit Auftraggebern, der Bußgeldstelle beim Einwohnermeldeamt und dem Büro einer Bundestagsabgeordneten, die ich interviewen wollte. Eine der Regeln des in den 90er Jahren populären Telefon-Trainings besagte, man solle im Stehen telefonieren, in gerader Körperhaltung, lächelnd, den Hörer am linken oder rechten Ohr (ich weiß nicht mehr welches, es hatte mit den Gehirnhälften zu tun). Weil sich aus dieser Haltung auf die wichtigen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung auf geheimnisvolle Weise übertragen sollte, dass sie es mit einem kompetenten, zuversichtlichen Menschen zu tun haben.

Heute sage ich: Wer sich aufs Sofa fläzt und den Hörer mit der Schulter am Ohr festklemmt, um sich beim Sprechen in Ruhe beidhändig am nackten Knöchel zu kratzen, hat die volle Aufmerksamkeit seiner Gesprächspartner, weil diese auf geheimnisvolle Weise das Gefühl bekommen, sie müssten alles tun, um überhaupt noch zu einem durchzudringen. Auf ähnliche Weise wirkt es, wenn man in die Klamotten von gestern steigt, sich mit den Fingern durch die Haare fährt und dann der Welt mit nichts als geputzten Zähnen gegenübertritt. Den ganzen Tag hat man das Gefühl, sich erfolgreich durchzumogeln. Scheinbar begeht man (vor allem aus Sicht der Kosmetikindustrie) eine Dauersünde.

In Wahrheit ist dies aktiver Kampf gegen den allgegenwärtigen, alles vernichtenden Perfektionismus. Führende Psychologinnen und Psychologen empfehlen allen, die zum Perfektionismus neigen, sich an ihrem Arbeitsplatz gut sichtbar einen Zettel mit der Zahl 80 aufzuhängen, der einen erinnern soll: 80 Prozent reichen auch, denn sonst gebe ich immer 100, so trifft sich das dann irgendwie bei gesunden 90. Festzustellen, dass man den Tag auch überstehen kann, wenn man die Jeans und den Pullover von gestern anzieht, hat den gleichen Effekt. Es gibt einem Sicherheit und das gute Gefühl, der blitzblank polierten Welt ein kleines, schmutziges Schnippchen geschlagen zu haben. Außerdem genieße ich es, auf diese Weise einem ganz normalen Wochentag einen Hauch von Wochenend-Schlunz zu verleihen. Und es macht auch viel mehr Spaß, sich zum passenden Anlass richtig gut anzuziehen, wenn man nicht jeden gottverdammten Werktag im frisch gebügelten Hemd auf der Matte steht. Gut, man muss natürlich aufpassen, dass diese Kette von kleinen Alltagssünden nicht außer Kontrolle gerät. Zum Beispiel war ich gerade auf dem Weg unter die Dusche, als mir die Idee für diesen Text kam. Ich wollte mich sofort hinsetzen und losschreiben, so was soll man nicht aufschieben, aber dann dachte ich: Nein, nackt zur Arbeit und sei sie auch zu Hause und ohne Zeugen, das geht dann doch zu weit. Oder? Ach, was soll's, es geht zwar zu weit, aber für diesmal habe ich eine Ausnahme gemacht. So, jetzt muss ich mir was überwerfen.

Text: Till Raether BRIGITTE Balance 01/2006

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