Die Lieblingssünde: Draußen sitzen

Atmen ist gut und wichtig. Frische Luft zu atmen noch viel besser und umso wichtiger. Till Raether riskiert dafür sogar seinen guten Ruf - und begeht: die Lieblingssünde.

Einmal in der Woche treffe ich mich morgens um halb neun mit meinem Freund Stephan Bartels von der BRIGITTE zum Frühstücken. Immer donnerstags, seit etwa vier Jahren, und wir sitzen immer draußen. Vor einem auch bei unseren Kolleginnen und Kollegen beliebten Coffeeshop. Im Sommer setzen sie sich gern zu uns, im Herbst fangen sie an zu klagen, im Winter gehen sie kopfschüttelnd an uns vorbei ins Innere und zeigen durch die von ihrer Seite, man muss leider sagen: durch ihre Ausdünstungen beschlagenen Scheiben mit den behandschuhten Fingern auf uns. Wir aber sitzen draußen. Die Frau hinter der Kaffeetheke kennt uns inzwischen, sie stellt uns auch bei Eis und Schnee einen Tisch und zwei Stühle ins Freie (Regen ist kein Thema, es gibt ein Vordach, und selbst, wenn es keins gäbe: wir sind ja, wie man bei uns im Norden sagt, nicht aus Zucker).

Daran denke ich jetzt, wenn ich unterwegs bin und vor jedem Straßencafé, vor jedem Lokal muss ich mich mit der Frage auseinandersetzen: Bleiben wir draußen oder gehen wir rein? Dies in Verbindung mit der Standardformulierung: Wenn die Sonne weg sei, werde es doch schnell "recht frisch". Einmal gab Luise sogar zu bedenken, es sei "zu windig", um draußen zu essen. Das heißt, es ging ein Lüftchen, nicht, dass einem im Sturm die Lasagne vom Teller geklappt wäre wie ein schlechtes Toupet vom Kopf.

Draußen sein ist gut, drinnen sein eher nicht so. Das ist eigentlich Konsens. Zum Beispiel gibt es das Wort "Stubenhocker", aber nicht das Wort "Draußenhocker". Das heißt, bis eben gab es das Wort nicht. Jetzt ist es da, und ich kann sagen: Ich bin ein Draußenhocker. Ich verlängere den Sommer für mich selbst in Unendliche, indem ich einfach immer draußen bleibe, erst recht, wenn für die anderen der Sommer vorüber ist. Denn, das habe ich schon angedeutet, spannend wird Draußensitzen erst, wenn andere frieren. Die anderen finden: draußen sein ist zwar gut, unter Umständen auch bei Wind und Wetter, aber nur, wenn man sich bewegt. Ich aber sitze einfach nur da.

Das ist ab Oktober nicht mehr vernünftig, denn aus mehrjähriger Erfahrung kann ich sagen: Im Freien Sitzen härtet nicht ab, man erkältet sich eher noch einmal mehr, aber dafür sind Erkältungen draußen besser zu ertragen als drinnen, in trockener Heizungsluft. Gerade die Befeuchtung der Atemwege ist beim Ertragen von Erkältugen ja das A und O, und was könnte besser befeuchten als das nasskalte norddeutsche Klima.

Die meisten von uns werden in geschlossenen Räumen geboren und verbringen dann dort die meiste Zeit ihres Lebens, ein Leben hinter doppelt isolierten Fensterscheiben, bestenfalls gekippt. Das ist nicht gut. Der Mensch will atmen, es geht gar nicht anders. Ich will keine Zimmerpflanze sein, ich will spüren, dass ich ein Spielball der Elemente bin. Ins Büro muss ich früh genug. Kalt wird mir nicht. Abends wärme ich mich unter Heizpilzen und von geschäftstüchtigen Gastronomen bereitgestellten Wolldecken, morgens, vor unserem Coffeeshop, wärmen mich die verständnislosen Blicke der anderen.

Noch mehr Lieblingssünden von Till Raether gibt es hier.

Text: Till Raether BRIGITTE Balance 3/2006 Foto: clipart
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