Die Lieblingssünde: Klartext reden

Alle versuchen immer nett zu sein. Und verlieren sich in Höflichkeitsgeschwafel. Nikola Haaks findet das extrem öde. Und begeht die Lieblingssünde: Klartext reden.

Es gab Zeiten, da habe ich wenig gesprochen. Ich habe meine Kommunikation auf SMS und E-mails verlegt, um meine Nerven zu schonen. Sinnloses Gerede verbraucht unnötige Energie. Diese Phase ist vorbei, ich spreche wieder. Und zwar Klartext. Das kostet zwar auch Energie, aber die ist äußerst gut und zielorientiert angelegt.

Ich liebe die Wahrheit. Sie auszusprechen ist, wie bei einem feinen 5-Sterne-Dinner plötzlich den Wein auf Ex runterzukippen und sich das Oberteil vom Leib zu reißen. Grenzen überschreiten, in Wunden bohren, die Komfortzone verlassen, Spaß haben.

Weiter verbreitet denn je: Das "Madame Bovary"-Syndrom macht uns zu schaffen!

Außerdem hat die Wahrheit etwas sehr Sportliches, denn man kriegt in der Regel auch ordentlich Wahres zurückgespielt. Wie bei einem harten, aber guten Tennismatch. Ich starte also mein Projekt und freue mich auf eine bewegte Zeit. Ich sage einer Freundin, dass ihr Freund ein echter Totalausfall ist. Sie denkt drüber nach und trennt sich (das ist jetzt an dieser Stelle sehr verkürzt, aber so war's). Ich sage einer anderen Freundin, dass ihre neue Jeans am Po defi nitiv nicht sitzt. Sie ist erst beleidigt und dann dankbar, weil sie sich vor ihrem Date noch schnell umziehen kann. Ich sage meiner Mutter, dass ich ihr Geburtstagsgeschenk nicht mag. Sie ist beleidigt und keineswegs dankbar. Ich sage einer Kollegin, dass ihr Text so nicht geht. Sie ist sehr beleidigt, schreibt ihn aber grandios um. Ich sage einer drängelnden Oma an der Supermarktkasse, dass ich finde, Rentner müssten nicht zwingend um 19 Uhr einkaufen. Sie lässt mich vor. Ich sage einer Bekannten, dass ich ihre hypochondrische Art nervig finde, und habe einen gepfefferten E-Mail-Wechsel.

Fazit: eine längst überfällige Trennung, eine neu verliebte Freundin, nie wieder mütterliche "Das gefällt dir bestimmt"-Überraschungen, ein gelungener Text, ein schneller Einkauf und eine nervige Bekannte weniger. Läuft ganz gut mit der Wahrheit. Ich verstehe nicht, warum die meisten Menschen ihre Kernaussage in einem Wust von Worthülsen verstecken. Irre schwurbeln und Menschen wie mich dazu zwingen, unnötig viel Kraft auf Interpretationen zu verwenden. Und sich außerdem schlecht zu fühlen, wenn man ehrlich ist. Ich will nicht interpretieren - ich will einfach nur wissen.

Eine wirklich große Klartext-Herausforderung ist allerdings der gesamte Themenbereich Partnerschaft/Beziehung. Einem Mann zu sagen, dass man ihn nicht liebt, ist nicht schön. Aber einen Mann dazu zu bringen, dass er einer Frau sagt, dass er sie nicht liebt, ist schier unmöglich. Männer sind echte Wahrheits-Spaßbremsen. Sie fabulieren, winden sich oder schweigen dumpf. Weil sie - ach, Gott - niemanden kränken wollen. Aber eine ordentlich ausgeführte Kränkung gehört nun mal dazu, Jungs. Und ich dagegen fühle mich in meiner Ehre gekränkt, wenn jemand meine grandiose Steilvorlage nicht erwidert. Aber da muss ich wohl in Zukunft noch mehr Klartext reden.

BRIGITTE-BALANCE-Redaktionsleiterin Nikola Haaks, 38, sagt gern, wie's wirklich ist

Text: Nikola Haaks Ein Artikel aus der BRIGITTE BALANCE 02/09
Themen in diesem Artikel