Die Lieblingssünde: Nicht schlafen wollen

Nicht schlafen zu können ist furchtbar. Nicht schlafen zu wollen hingegen ein guter Plan, der neue Kräfte weckt. Till Raether begeht: die Lieblingssünde.

Der beste Tag ist der nach einer schlechten Nacht. Oder anders gesagt: Es gibt kaum etwas Schöneres, als wenig und dann auch noch schlecht zu schlafen. Ich weiß, dieser Satz ist kaum zu verteidigen. Denn ab Mitte 30 ist guter Schlaf das wichtigste Statussymbol von allen. Was damit zusammenhängt, dass die meisten Menschen von 12 bis 29 chronisch übermüdet sind. Das fängt an mit heimlich unter der Decke lesen, geht weiter mit Spätfilme gucken, wenn die Eltern im Bett sind, setzt sich fort in Discos, mit durchtanzten Nächten, dann Sex von der Dämmerung bis zum Morgengrauen, später, bevor das große Ruhebedürfnis einsetzt, "spannende Projekte" oder aufgeschobene Arbeit, die einen bis in die frühen Morgenstunden am Computerbildschirm halten. Huch, schon halb vier! Das waren noch Uhrzeiten. Und dann will der Mensch irgendwann nur noch schlafen. Kauft Ohrstöpsel, lernt Entspannungstechniken, schluckt Baldrianpräparate. Gastgeber gähnen ab zehn, Gäste gehen gegen elf, Paare überbieten sich im Früh-zu-Bett-Gehen. Gut schlafen, schön schlafen, endlich schlafen. Tagsüber schon durchrechnen, wann man abends ins Bett gehen darf. All dies aber ist ein Irrweg, von dem man ab und zu abweichen muss.

Wer unfreiwillig eine schlechte Nacht durchwacht, kann sich damit trösten, dass ihm ein guter Tag bevorsteht. Jürgen Zulley, der führende deutsche Schlafforscher, sagt, es mache ihm nichts aus, wenn er eine Nacht nicht gut schlafe: "Ich weiß sogar, dass mein Vortrag dann am nächsten Morgen besser wird, als wenn ich supergut ausgeruht bin. Einmal nicht gut schlafen bewirkt, dass man ein bisschen aufgedrehter ist, na, so eben, als ob man drei Tassen Kaffee getrunken hat. Dadurch bin ich automatisch temperamentvoller in meiner Rede." Seitdem ich das weiß, tröste ich mich in schlechten Nächten mit dem Gedanken: entspannt und ausgeruht ist gut - aber temperamentvoll und aufgedreht ist noch besser, komm, lieg noch ein bisschen wach!

Tatsächlich fühlt sich der Tag nach einer schlechten Nacht unvergleichlich an. Es ist, als würde mein Körper Reservetanks öffnen und Notaggregate anwerfen, ich bin beeindruckt von so viel im ausgeruhten Normalzustand verborgenem Potenzial, ja, fast bin ich gerührt, was die schlappe Hülle unter Extrembedingungen noch alles draufhat. Alles erscheint klarer und einfacher, denn die vorhandene Grundmüdigkeit führt dazu, dass mein Gehirn besser als sonst das Wichtige vom Unwichtigen trennt und sich mit dem Unwichtigen gar nicht erst beschäftigt, denn dafür wäre ich dann doch zu matschig. Nie lebe ich entschiedener, entschlossener als am Tag nach einer Nacht mit wenig Schlaf.

Noch schöner aber ist es, diesen Zustand freiwillig herbeizuführen. Indem man unter der Woche erst den Abend und dann die halbe Nacht vertändelt oder verfeiert, um dann mit voller Absicht zu spät ins Bett zu gehen. Es ist eine Sünde gegen den Schönheitsschlaf und das Entspannungsgebot. Und es ist herrlich, am nächsten Tag gelassen und selbstbewusst sagen zu können: "Ich bin viel zu spät ins Bett gegangen." Nicht: Das Kind hat geschrien, die Nachbarn haben geschrien, der Partner hat geschrien. Nicht: Ich hab die ganze Nacht Probleme gewälzt. Ich bin einfach zu spät ins Bett gegangen. Gut, dieser Satz hat nicht ganz den radikalen, selbstzerstörerischen Chic von "Ich hab die Nacht durchgemacht", jener verbalen Trophäe wilderer Zeiten. Aber es ist ein Anfang. Einer, der doppeltes Glück verheißt. Zuerst einen aufgedrehten Tag mit geschärften Sinnen und koffeingeröteten Wangen. Und dann das Glück, am Abend des Tages nach einer durchwachten Nacht mit einem Gefühl ins Bett zu sinken, als würde man zum ersten Mal in seinem Leben schlafen, als würde man den Schlaf neu erfinden. Ich schwöre, man schläft kichernd ein nach so einem Tag.

Text: Till Raether BRIGITTE Balance Heft 02/2006
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