Die Lieblingssünde: von fremden Tellern naschen

Tischmanieren sind gut und schön. Aber die vielen Angebote auf all den Tellern findet BRIGITTE-BALANCE-Autorin Tanja Reuschling zu verlockend. Und begeht die Lieblingssünde: von fremden Tellern naschen.

Mein Blick muss mich verraten haben. Dabei habe ich wirklich versucht, nicht hinzuschauen. Auf das Steinpilzrisotto auf dem Teller der Kollegin, das so unfassbar cremig aussieht, dass ich es kaum aushalten kann. "Willst du mal probieren?", fragt sie. Ich könnte sie umarmen. Ja, ich will probieren. Und zwar immer! Das Risotto ist ein Gedicht. "Du kannst ruhig mehr nehmen ", sagt die Kollegin. Okay, überredet, ich nehme noch eine Gabel. Köstlich. Und noch eine. Wunderbar. Dann wende ich mich wieder dem Salat auf meinem Teller zu.

Klarer Fall von Selbstbetrug, werden Sie jetzt sagen. Bestellt sich einen Salat, räubert dann bei anderen und redet sich hinterher ein, sie habe fast nichts gegessen. Zugegeben: dass man sich prima was vormachen kann über die Anzahl der zugeführten Kalorien, ist ein Vorteil des Von-fremden-Tellern-Essens. Ein zweiter: die größere Vielfalt der Geschmackserlebnisse

Auch wenn man sich beim Bestellen für ein Gericht entscheiden muss - kosten kann man, je nach Anzahl der Tischgenossen, mehrere. Okay, viele Leute naschen gern. Deshalb gibt es indonesische Reistafeln beim Asiaten, gemischte Vorspeisen- Teller beim Griechen oder spanische Tapas-Bars, wo ohnehin alles in die Mitte des Tisches kommt. Allein: Für mich verliert das Essen erheblich an Reiz, wenn ich einfach so zugreifen kann. Den Mund richtig wässrig macht mir vor allem, was andere auf ihrem Teller haben.

Auf der nächsten Seite: Der Freund reagiert gereizt...

Jetzt kommt es natürlich sehr auf die Tischgenossen an. Nicht immer sitze ich mit wohlmeinenden Kolleginnen zusammen. Oder mit engen Freundinnen, die mir inzwischen schon wortlos den Teller rüberschieben. Nur mir nahestehende Menschen frage ich auch, ob ich mal kosten darf. Schließlich weiß ich, was sich gehört. Mein Freund allerdings reagiert inzwischen leicht gereizt auf diese Frage.

Durchaus verständlich: Selbst wenn vor uns beiden Bratkartoffeln aus ein und derselben Pfanne dampfen - auf seinem Teller entdecke ich mit Sicherheit diverse Kartoffelstücke, die viel knuspriger aussehen als die auf meinem. Ich verwickle ihn dann gern in ein Gespräch über, sagen wir, das Für und Wider von Rennrädern mit Carbonrahmen oder die Produktportfolioentwicklung im öffentlichen Dienst. Ihn interessiert so was.

Hat er sich erst einmal warmgeredet, schiebe ich ganz unauffällig meine Gabel über den Tisch. Aus dem Augenwinkel dirigiere ich sie zielgenau auf eins dieser besonders knusprigen Kartoffelstücke zu. Und zack! Was für ein Genuss, wenn das Stück schließlich in meinem Mund landet. Nicht, dass mein Kartoffelraub unbemerkt bliebe. Spätestens beim dritten Stück seufzt mein Freund ein "Hoffnungsloser Fall von Futterneid" oder "Zu Weihnachten bekommst du eine Teleskopgabel" und schiebt seinen Teller in die Mitte des Tischs. Ich fühle mich dann sehr geliebt.

Mein zweijähriger Sohn ist übrigens noch schlimmer drauf als ich. Er lässt alles, was er an Essbarem in der Hand hat, sofort fallen, wenn ein befreundetes Kind etwas anderes knabbert. Selbst Reiswaffeln lösen diesen Reflex bei ihm aus, und die hat er eigentlich noch nie gemocht. Mir ist das extrem peinlich - andererseits: Ich kann ihn nur zu gut verstehen. Und bin manchmal nicht ganz frei von Neid, dass er sich ungeniert hinstellen und "Will haben!" brüllen darf. Das Kind in mir ist in diesem Punkt also recht lebendig. Aber dem sollte man ja sowieso etwas mehr Raum geben. Also, her mit den vollen Tellern! Ich gebe auch gern etwas von meinem ab.

BRIGITTE BALANCE-Autorin Tanja Reuschling, 38, zwickt bei jedem Essen der Futterneid

Fotos: Getty Images, Fotolia.com, Privat
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