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Die Lieblingssünde


Es ist Wochenende. Endlich Zeit zum Rausgehen. Sich bewegen. Frische Luft tanken. Es geht auch anders, meint Till Raether und begeht: die Lieblingssünde.

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Man kommt Freitagnachmittag von der Arbeit, die Woche war unübersichtlich und anstrengend, und plötzlich stellt man fest: Man hat das ganze Wochenende über nichts vor. Es gibt, von den üblichen Ausnahmen abgesehen, kein schöneres Gefühl auf der Welt."Keine Pläne? Das kann einfach nicht sein", sage ich, während ich, um die Freizeit zu eröffnen, einen kleinen Rotwein entkorke. "Großeinkauf", sagt Luise, "das ist alles." "Machen wir morgen", sage ich und schenke ein. Betont ruhig, um mir nichts anmerken zu lassen, denn ich habe Teuflisches vor: Ich werde meine Freundin verleiten, mit mir die ultimative Freizeitsünde zu begehen. Ich werde erreichen, dass wir das ganze Wochenende keinen Fuß vor die Tür setzen.

Zwei Dinge kann man anfangen mit einem freien Wochenende: alles und nichts. Meist entscheidet man sich für das Erste, aus Pflichtbewusstsein und Verpassungsangst. Endlich haben wir Zeit. Zum Joggen. Für die neue Ausstellung. Für Freunde, die wir schon viel zu lange vernachlässigt haben. Wenn wir eng planen, könnten wir sogar die Rumpelkammer streichen, damit sie zum Gästezimmer wird. Es ist so leicht, sich all das vorzunehmen und wenig davon zu tun. Um dann, unzufrieden und gestresst, am Sonntagabend ein weiteres verplantes, verhackstücktes Wochenende abhaken zu müssen. Aber selbst wenn es einem gelingt, alle Verabredungen und Selbstverpflichtungen zu vermeiden und "nichts" zu tun – eins bleibt: Man muss doch zumindest mal rausgehen. Jeder weiß: Draußen sein ist gut, weil gesund (Bewegung, frische Luft usw.). Und hier fängt die Sünde an. Wenn man sich das Gegenteil erlaubt von dem, was gut für einen ist, weil einem das Gegenteil im Moment noch besser gefällt.

Wenn man ein Wochenende keinen Fuß vor die Tür setzen will, muss man strategisch vorgehen. Der Freitag ist kein Problem. Wir trinken Rotwein und essen im Stehen aus dem Kühlschrank, anschließend schauen wir egal was im Fernsehen und gehen früh zu Bett, das haben wir uns verdient, die Woche war ja hart.

Das große Problem ist der Samstag. Der Samstag ist ein Pläne-Magnet, der Samstag schreit nach Außenwelt. Dem kann man begegnen, indem man erst mal unter allen möglichen Vorwänden lange im Bett bleibt. Als Vorwände eignen sich Sex, einfach liegen bleiben, die Wochenendausgabe der Lokalzeitung. Anschließend kann man ein ausführliches Frühstück inszenieren, das sich bis in den frühen Nachmittag zieht. Diesen Punkt haben wir jetzt erreicht, Luise will einkaufen, ich halte dagegen, indem ich vorschlage, das Wohnzimmer umzuräumen. Luise liebt umräumen. Anschließend stehen die beiden Sofas viel besser, wir liegen auf jeweils einem und genießen das neue Raumgefühl. "Machst du einen Tee? Ich bin zu faul zum Aufstehen", sagt Luise, und damit habe ich für heute gewonnen. Wir telefonieren Pizza und Salate herbei, essen direkt aus der Verpackung, fläzen uns hin, fangen irgendwann sogar an, uns richtig zu unterhalten. Was man niemals macht, wenn man Pläne hat. Der Sonntag ist dann ganz einfach. Jetzt noch etwas zu unternehmen, wäre inkonsequent, gewollt und übertrieben. Herrlich langsam löst sich der Tag in Wohlgefallen auf. Luise telefoniert den Akku leer, ich lese mich in alten Anzeigenblättchen fest.

Wir waren kein einziges Mal an der frischen Luft, stellen wir vorm Einschlafen noch mal fest. Fit und ausgepowert fühlen wir uns nicht. Sondern irgendwie schlecht. Aber nicht schlecht-schlecht, sondern herrlich, süß, fast ein bisschen böse wie nach einer Grenzüberschreitung. Was wir getan haben, war bestimmt unerlaubt, aber – wir bereuen nichts.

Text: Till Raether BRIGITTE Balance 01/2004

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