Die Mutter

Man kann den Kontakt abbrechen. Versuchen, die böse Mutter komplett aus seinem Leben zu streichen. Aber ihre Macht verliert sie deswegen noch lange nicht.

Die Gästeliste war fertig. Mein 50. Geburtstag sollte ein großes Fest werden. Aber dann fragte Tante Lotti: "Die Gundel, die kommt doch auch?" - "Nö", sagte ich leichthin und atmete den Stich im Herzen flach weg, "ich will mir ja die Laune nicht verderben lassen." Die Gundel ist meine Mutter. Und alle wissen, dass ich sie nicht leiden kann. Auch meine Tante weiß das. Trotzdem wagte sie zu sagen: "Aber das kannst du doch nicht machen, Renate, sie ist doch deine Mutter!" Ich hätte sie schlagen können, aber ich beherrschte mich selbstverständlich, und davon wurde mir schlecht. Und dann heiß vor Wut. Ich biss mir auf die Lippen, bis es weh tat. Ich mag meine Mutter nicht, sie macht mir schlechte Laune, ich brauche sie nicht mehr. Ich will mich nicht mit ihr versöhnen. Ich kann nicht. Ja, ich weiß, das Verhältnis zur Mutter ist das erste und unzerreißbare Band, das uns mit der Welt verbindet. Ich brauche aber keinen Grundkurs in Psychologie. Ich bin verlassen, verhöhnt, verraten worden - vom ersten Tag an. Auch böse, herrschsüchtige Frauen kriegen nämlich Kinder. Und von mir wird verlangt, dass ich den Menschen liebe, der mir die größte Seelennot geschenkt hat. Wie ich diesen ganzen Mutterkitsch hasse, all die Lügen, die um die Mutterliebe ranken.

Wahr ist nur: Die Macht von Müttern ist grenzenlos. Wenn sie böse waren, werden wir es auch, wir kämpfen ein Leben lang mit uns und mit der Welt. Wir wollen gut sein, schaffen es vielleicht auch, aber das viel gepriesene unsichtbare Band zieht uns immer wieder zurück in die Gefühlswelt des ersten wichtigen Menschen. Es ist unverzeihlich, wie sie sich in mir festgesetzt hat, die Frau, die ich am meisten verabscheue. Sie ist egozentrisch, rücksichtslos und oberflächlich. Natürlich habe ich mich gegen diese Seiten in mir gewehrt, sofort nachdem ich sie an ihr identifiziert hatte. Und was hat das aus mir gemacht? Ich bin grüblerisch, wankelmütig und grenzenlos. Mein Leben ist schwierig. Ich bin schwierig. Ich bin das Gegenstück zu meiner Mutter.

Als meine Kinder größer wurden, spürten sie die Spannung, die über unseren seltenen Großmutterbesuchen lag. Ich habe ihnen erzählt, was ich empfinde. Und sie waren entsetzt. Nein, nicht über meine Mutter. Über mich! Sie sagten: "Du bist auch nicht immer nur lieb." Und sie verlangten Versöhnung. "Sie ist doch unsere Oma! Uns hat sie schließlich nichts getan. Sei nicht so hart. Das ist alles so lange her." Ich habe geweint und geschrien, bin vor ihnen ausgerastet. Auf einmal waren meine Kinder im feindlichen Lager. Auch den Männern, mit denen ich zusammenlebte, konnte ich mein Mutterproblem nicht vermitteln. Mein Freund Peter war sogar zutiefst erschrocken, meine hasserfüllten Worte zu hören. Eine Frau, die nicht vergeben kann, wer will denn so was! Wir sind längst nicht mehr zusammen. Ich habe den Verdacht, dass meine unglücklichen Männergeschichten kein Zufall sind. Dass ich als ungeliebtes Wesen durch die Welt geistern muss, als hätte mich die Geburt durch diese Frau mit einem Fluch belegt. Ich habe mich damit abgefunden, dass mein Lebensweg ein seltsamer ist. Und das hat auch gute Seiten. Ich langweile mich nicht in einer ausgelaugten Ehe. Ich habe meine Kinder allein großgezogen, und sie lieben und achten mich - meistens. Ich habe einen großen Freundeskreis, weil ich immer aktiv sein musste als Single, und ich bin beruflich erfolgreich, weil das meine stärkste Seite ist: Fleiß, Ausdauer, Ehrgeiz. Damit wollte ich Liebe erkaufen. Als ich merkte, dass das nicht geht, hatte ich statt dessen Erfolg. Auch nicht schlecht. Manche haben gar nichts. Ein schöner Trost.

Nun aber, zu meinem 50. Geburtstag, da wollte ich ein rauschendes Fest. Ich bin ganz gut durch die schwere See gefahren. Ich hatte reichlich Grund, stolz auf mich zu sein. "Tante Lotti", habe ich also gesagt, "fang nicht wieder davon an. Du weißt, was ich von meiner Mutter halte." - "Ich weiß ja, aber wäre das nicht ein Anlass, die alten Zwistigkeiten zu begraben?" Es ist ein Tabu, die Mutter zu hassen. Es macht anderen Menschen Angst. Es grenzt dich aus. Du bist gezeichnet. Abnormal. Umgekehrt adelt es nämlich, von der zärtlichen Beziehung zur wundervollen Mama zu berichten. Das heißt: Du bist selbst wundervoll. Auch für dieses Stigma hasse ich meine Mutter. Das Befremden in den Augen anderer, wenn ich sage: "Ach, mit meiner Mutter habe ich nichts am Hut." Mutterhass macht anderen Angst. Und darum fällt die Geburtstagsfeier aus. Sie würde ohnehin platzen, wenn nur einer der Gäste arglos fragen würde: "Kommt deine Mutter denn gar nicht zu deinem Fest?" Und ich wäre wieder so allein und unverstanden wie mit drei.

Protokoll: Marianne Schneider
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