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Online-Spiele statt Abendbrot "Nach 5 Stunden war in den Top 10" – Bekenntnisse einer Quizduell-Süchtigen

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Frau am Handy
© leungchopan / Shutterstock
Unsere Kolumnistin entdeckt ein unbekanntes Wesen: Es schlägt sich Nächte am iPad um die Ohren und spielt Quizduell. Das Schlimme ist: Es ist sie selbst.
von Natali Michaely

Ich mag keine Gesellschaftsspiele. Mochte ich noch nie. Ich kann einfach nicht verlieren. Heulte schon als Sechsjährige beim "Mensch ärgere dich nicht", wenn meine Oma meinen Klotz kurz vorm Ziel rauskegelte. Die arme Oma gab sich jede Mühe, so schlecht zu würfeln, dass ich gewinnen durfte. Doch wie es so ist mit dem Glück: Je mehr man es erzwingen will, desto weniger kommt es zu einem.

Nach fünf Stunden war ich in den Top Ten

Aufgrund meines Traumas bekamen auch meine Söhne wenig vom klassischen Spiele-Kanon mit. Na gut, durch "Uno" haben wir uns gequält, doch es war keine Freude. Umso erstaunlicher, dass ich neulich in einen regelrechten Zocker-Rausch geriet. Kennen Sie "Quizduell", dieses Online-Game, in dem man sein Wissen gegen digitale Partner testet? Ein Food-Spezial war ausgerufen, deutschlandweit. Mein 13-Jähriger hatte mich angefixt. "Essen, Mama, das ist doch genau dein Ding!" Ich startete irgendwo auf Rang 40 000. Nach zehn Runden war ich auf Platz 2036 vorgerückt. Der Klugscheißer in mir witterte Blut – da ging noch mehr! Woraus wird Cachaça gemacht? Was gehört nicht in eine Linzer Torte? Ich tippte und tippte, mit zitternden Fingern. Nach fünf Stunden war ich in den Top Ten. Auch mein Sohn, den nicht mal ein Erdbeben von 7,8 auf der Richterskala von seiner Playstation wegreißen könnte, klebte nun neben mir und fieberte mit. Noch 40 Minuten bis null Uhr. Dann: aus – Spielekontingent aufgebraucht. Fast hätte ich vor Wut in den Monitor gebissen.

"Du musst Werbung gucken, dann kriegst du neue Freispiele", rief mein Sohn. Wir starrten ungeduldig auf einen Spot für ein Spiel, in dem man Tomaten gießen musste, um Zombies zu töten, dann ging es weiter. Doch die Zeit lief davon. Ein Button blinkte auf: "20 Freispiele nur 8,99 Euro". Ich hämmerte drauf. Mein Sohn sah mich schockiert an. "ICH darf das nie!" – "Egal", brüllte ich, "wir müssen das gewinnen!" Null Uhr, Schweiß rann von meiner Stirn. Endlich das Ergebnis: Silbermedaille! Zweitbeste in ganz Deutschland! Selten war ich stolzer in meinem Leben. Mein Sohn und ich tanzten durchs Zimmer und klatschten uns ab, als wären Jogis Jungs gerade Weltmeister geworden. Ich ging ins Bett mit einem Lächeln. Das Leben war schön.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie nach einem kolossalen Besäufnis. Kopfweh, Mattigkeit: Zocker-Kater. Was war gestern Abend nur mit mir passiert? Ich hatte sechs Stunden vor einem Online-Game gehockt, kein Abendbrot gemacht, aber Geld für Freispiele ausgegeben, wofür meinen Söhnen die Todesstrafe droht. Vielleicht musste ich mal zum Arzt. Dann traf ich eine Freundin. "Und, was machst du gerade so?", fragte ich. "Kreuzworträtsel", antwortete sie. "Ich weiß auch nicht, warum, aber es bringt mich fast zum Orgasmus, wenn ich ,Gedicht mit vier Buchstaben, senkrecht‘ weiß." Da die Symptome vergleichbar waren, erzählte ich ihr alles. Statt den Kopf zu schütteln, sagte sie nur: "Ist doch klar. Wir haben jahrelang Wissen angehäuft, studiert, schlaue Bücher gelesen, Dokus auf Arte geguckt, und nun will keiner mehr was davon wissen." Ich nickte. Genau so war es! Unsere Kinder googelten sowieso alles. Wissen ist Macht? Wissen ist was für "alte" Leute. Überflüssig. "Aber mit Sudokus fangen wir trotzdem nicht an, oder?", fragte ich ängstlich. "Jedenfalls nicht dieses Jahr", sagte sie.

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