Doppelleben: Die Sehnsucht nach dem zweiten Ich

Ich ist ich. Aber warum reicht manchen Menschen ein Leben nicht? Ist es Charakterschwäche oder Unersättlichkeit? Mark Kuntz über die Faszination des Doppellebens.

Es ist eine seltsame Mischung aus Neugierde, Entsetzen, aber auch Sehnsucht, wenn wir von Menschen erfahren, die neben ihrem öffentlichen Leben ein zweites führen, im Dunklen, im Verborgenen. Die engagierte Grundschullehrerin, die nach Feierabend Versicherungen verkauft, dann Geldanlagen, dann Geldanlagen, die es gar nicht gibt, und die, nachdem es auch das Geld der Anleger nicht mehr gibt, nach Brasilien flieht. Der ältere Herr aus der Nachbarschaft, dessen Frau nach seinem Tod erfährt, dass er am Wochenende immer wieder in Bars Gäste ausgehalten hat, bis das Telefon bei ihr klingelte: "Ihr Mann schuldet uns 1200 Euro, wenn Sie sofort kommen, brauchen wir keine Polizei." Die Rechtsanwältin, die sich in den Kriminellen verliebt, den sie verteidigt. Eine Liebe, die auffliegt, als er einen Mord begeht, erschossen wird und die Staatsanwälte herausfinden, dass sie Beweismittel unterschlagen hat.

Warum faszinieren uns diese Geschichten? Vielleicht, weil wir ahnen, dass auch in irgendeiner Ecke unserer Seele ein unbändiges Verlangen nach etwas lauert, das sich grundsätzlich von dem unterscheidet, was wir offiziell leben. Vielleicht weil wir uns gern trauen würden, was viele Prominente in harmloserer Variante tun: einfach nur einen Teil von uns preisgeben, ein Bild kreieren, das unvollständig ist, und zwei oder sogar drei Identitäten haben. Nicht durchschaubar sein, für niemanden.

Wir staunen ja nicht ohne Grund und fragen uns: "Warum hat eigentlich so lange keiner was gemerkt?" Die erste Frage, wenn wir von einem Doppelleben hören. Einer der vielen, die zumindest nachträglich etwas hätten merken müssen, ist der amerikanische Autor A. Scott Berg, der für seine "ultimative" Biografie über den Atlantik-Überquerer Charles Lindbergh den Pulitzer-Preis bekam. Als vor zwei Jahren bekannt wurde, dass der amerikanische Volksheld neben seiner Frau und seinen fünf Kindern noch eine zweite Familie in München mit zwei weiteren Kindern unterhielt, reagierte der Lindbergh-Experte verblüfft und verärgert: Er könne sich das überhaupt nicht vorstellen. Das passe so gar nicht zu Lindberghs Persönlichkeit. Mittlerweile gilt als sicher, dass Lindbergh es nicht bei der Zweitfamilie bewenden ließ. Mit der Schwester seiner Geliebten hatte er noch zwei weitere Kinder und ein bis zwei mit einer Freundin der Schwestern. Der Mann muss München geliebt haben. Und eine Menge Leute müssen weggesehen haben.

Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Menschen ein Doppelleben führen. Aber was treibt jemanden, der von außen betrachtet ein völlig normales, zufriedenes und glückliches Leben lebt, in eine zweite, heimliche Existenz? Die Zwänge unseres bürgerlichen Daseins? Die Vielschichtigkeit unserer Persönlichkeit? Das Schicksal? Der Dämon in uns? Die Psychologie kennt den Begriff "Doppelleben" nicht. Sie spricht von "Geheimhaltern". Das sind Menschen, die als "verschwiegen" gelten. Sie sprechen nicht über ihre Geheimnisse, weil sie nach außen positiv und stark wirken möchten, weil sie glauben, nur so die Anerkennung der Mitmenschen zu bekommen, die ihnen wichtig sind. Deshalb überschätzen Geheimhalter oft die Bedeutung ihres Geheimnisses - sie glauben, wenn es rauskommt, ist alles vorbei. Sie sind bereit, für ihre "Deckung" alles auf sich zu nehmen: Einsamkeit, Ausweglosigkeit, Verzweiflung.

Stress an sich ist ja nicht ungesund, es sei denn, er kann nicht bewältigt werden. Zum Beispiel, weil es keine Ruhephasen gibt. Zum Beispiel, wenn die Angst vor dem Entdecktwerden chronisch wird. Wenn jeder Alltagsschritt wohl überlegt sein will, weil jeder noch so kleine Fehler der entscheidende sein könnte. Wenn es kein Zuhause mehr gibt, weil sich keines der beiden Leben mehr wie ein Zuhause anfühlt. Wenn das normale Leben zum Dauer-Ausnahmezustand wird, steigt der Blutdruck, und das Immunsystem geht in den Keller. Psychologen von der Texas University haben festgestellt, dass Menschen, die ihr Geheimnis endlich preisgeben durften, schnell wieder auf ihre Normwerte kamen und sich wohler fühlten. Allerdings nur, wenn das Geheimnis freiwillig preisgegeben wurde. Feiner Unterschied.

Aber es gibt auch Psychologen, die dem Geheimnis und dem Nur-mit-sich-selbst- Abmachen eine existenziell wichtige und durchaus auch positive Rolle zuschreiben. "Wir haben keine eigene Identität, wenn wir kein Geheimnis haben", sagt der Psychologie-Professor Daniel M. Wegner von der Harvard-Universität. "Wir alle haben im Laufe unseres Lebens das Gefühl, unsere Individualität in dem sozialen Kontext zu verlieren, in dem wir leben: im Job, in der Beziehung. Ein Geheimnis kann dazu beitragen, dass wir uns wieder als eigenständiges Individuum erleben, außerhalb dieser Gemeinschaft." Eine moderne, weit verbreitete Form des Doppellebens sind Internet-Foren und Chats: "Was die Leute im Internet tun, hat eine große psychologische Bedeutung, weil wir beobachten können, wie Menschen eine andere Identität annehmen und welche Probleme sie damit lösen wollen", sagt die Soziologin Sherry Turkle vom Institut für Soziologie in Massachusetts. Unberechenbar und gefährlich wird es allerdings, wenn die Grenze zwischen virtuellem und echtem Leben verschwimmt.

Aber mal angenommen, es gibt bei uns Menschen ein tief verwurzeltes Bedürfnis nach Rausch, Exzess, und Einzigartigkeit, nach archaischer Triebbefriedigung, bedingungsloser Obsession und Hingabe, die nur in Selbstzerstörung enden kann. Dann könnte es doch sein, dass ein Leben, das nur diesen Bedürfnissen folgt, in Reinkultur gar nicht zu leben ist, weil die menschliche Psyche dafür gar nicht stark genug ist. Dass, wer so leben würde, binnen kürzester Zeit verbrennen würde, abfackeln wie eine Kerze in Zugluft. Vielleicht ist es so, dass die andere Seite unseres Lebens nur gelebt werden kann vor dem Hintergrund einer bürgerlichen Existenz. Vielleicht ist es so: Menschen mit einem Doppelleben sind gar nicht Menschen, die sich aus der Enge ihres normalen Lebens in den Rausch einer anderen Welt flüchten. Menschen mit einem Doppelleben flüchten sich aus dem Exzess ihres wahren Naturells in die Zuflucht der Normalität, in der Hoffnung, dort ein bisschen Seelenfrieden zu finden.

Vielleicht aber haben sie einfach nur das getan, wovor die meisten Menschen zurückschrecken. Vielleicht sind sie tief auf den Grund ihrer Seele hinabgetaucht. Und haben jetzt Angst, wieder aufzutauchen. Was man gut verstehen könnte. Haben wir keine Identität, wenn wir kein Geheimnis haben?

Text: Mark Kuntz BRIGITTE 18/05
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