Der Junge, der nicht leben sollte, wird 18

Seine leibliche Mutter ließ Tim in der 25. Woche abtreiben, weil er das Down-Syndrom hat. Doch Tim überlebte. Bald feiert er seinen 18. Geburtstag.

Tim sollte es eigentlich gar nicht geben. Weil bei ihm das Down-Syndrom diagnostiziert wurde, ließ ihn seine leibliche Mutter in der 25. Schwangerschaftswoche abtreiben. Nach dem Eingriff lag er unversorgt, in Tücher gewickelt im Kreißsaal. Als er nach neun Stunden und einem Schichtwechsel noch immer atmete, entschieden sich die Ärzte schließlich doch, ihn zu retten und leiteten lebenserhaltende Maßnahmen ein.

Dass er heute noch am Leben ist, gleicht einem Wunder. Ganz ohne Folgen blieb die Abtreibung allerdings nicht: Tims Gehirn nahm dabei schweren Schaden, außerdem ist er Autist. Als "Oldenburger Baby" schrieb der Junge Medizingeschichte. Er wurde zum Symbol einer Debatte um Spätabtreibungen und ihre rechtlichen sowie ethischen Konsequenzen. Seine Ärzte glaubten, er würde nur ein Jahr alt werden. Doch sein Lebenswille war stärker als jede Prognose: Am 6. Juli feiert er seinen 18. Geburtstag.

Tim mit seiner Pflegemutter Simone Guido zu Hause im Garten.

Aufgewachsen ist Tim bei Familie Guido, die ihn als Baby bei sich aufnahm. "Als wir damals an Tims Bettchen standen und er uns mit seinen blauen Augen anschaute, stand unsere Entscheidung eigentlich gleich fest: Wir nehmen ihn auf. Und wir haben es nie bereut. Er hat unser Leben reich gemacht, trotz aller Probleme", sagt Simone Guido.

Eingespieltes Team: Tim und sein Pflegevater Bernhard Guido.

"Die Option, Tim wieder abzugeben, hätte jederzeit bestanden", sagt Pflegevater Bernhard Guido. "Jeder hätte das wohl auch verstanden, aber es war für uns nie eine Option. Wir waren immer fest davon überzeugt, dass er zu uns gehört. Wir können doch nicht einfach einen Bestandteil unserer Familie abgeben!"

Kämpfernatur: Tim hat seine Ärzte immer wieder überrascht, überstand eine Lungenentzündung und andere Krankheiten.

Simone und Bernhard Guido leben mit ihren fünf Kindern - darunter drei Pflegekinder mit Down-Syndrom - in einer norddeutschen Kleinstadt. Für ihr soziales Engagement wurde dem Ehepaar die Bundesverdienstmedaille verliehen.

"Wie uns ein Junge, den es nicht geben sollte, die Augen geöffnet hat."

"Tim ist ein unglaublicher Mensch", erzählt Bernhard Guido. Seine Kraft, sein Lebenswille, seine Energie seien etwas ganz Besonderes. "Auch wenn er sich nicht so gut ausdrücken kann, weiß ich sofort, was er will - indem er mir eine Gebärde zeigt oder mich einfach dahin schiebt, wo er mich hinhaben will."

"Ich glaube, dass viele Menschen denken, dass das Leben mit einem behinderten Kind das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Dass man leidet, man viele Dinge nicht mehr tun kann, die man vorher gemacht hat. Dass das kein lebenswertes Leben ist", so Bernhard Guido. "Ich kann den Leuten nur bestätigen: Es ist ein tolles Leben! Wir haben so viel Glück mit unseren Kindern erlebt, das würde ich in keinem Fall missen wollen."

Über ihr Leben mit Tim haben Simone und Bernhard Guido ein Buch geschrieben: "Tim lebt!" Darin erzählen sie, wie Tim zur Welt kam, kurz darauf in ihr Leben trat und was sie seitdem mit ihm erlebt haben. Das Buch ist im adeo Verlag erschienen.

nw
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Der Junge, der nicht leben sollte, wird 18

Seine leibliche Mutter ließ Tim in der 25. Woche abtreiben, weil er das Down-Syndrom hat. Doch Tim überlebte. Bald feiert er seinen 18. Geburtstag.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden