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Dunkelretreat Diese Frau hat 62 Tage in absoluter Dunkelheit verbracht

Saskia John war im Dunkelretreat
Die Tierärztin und Heilpraktikerin Saskia John war dreimal im Dunkelretreat - jedes Mal etwas länger.
© Reichel Verlag
Warum geht man ins Dunkelretreat, und was passiert da mit einem? Saskia John hat es schon dreimal getan – und immer noch nicht genug davon. 

BRIGITTE: Sie haben 62 Tage Ihres Lebens in einem dunklen Raum verbracht. Warum tut man sich das an?

Saskia John: Bei einem Aufenthalt in der Dunkelheit können ganz andere Innenwelten bewusst werden als im Alltag, wo man viele Ablenkungen und To-dos hat. Schon vor vielen Jahren bin ich auf einen Artikel von Holger Kalweit gestoßen, der das Dunkelretreat in Deutschland bekanntgemacht hat. Die Vorstellung hat mich einerseits total fasziniert und andererseits total geängstigt. Diesen Zwiespalt habe ich ein Jahr lang mit mir herumgetragen, dann rief ich Holger an. Er hat mir die Angst genommen, und 2003 habe ich für meine ersten zwölf Tage zugesagt.

Die Angst ist nachvollziehbar, die Dunkelhaft ist ja eine Foltermethode.

Wenn man es freiwillig macht, ist das etwas komplett anderes. Aber natürlich tauchen die Ängste vor der Dunkelheit trotzdem auf, die sind ja in uns drin. Ich hatte wirklich Angst, wahnsinnig zu werden oder Geister zu sehen – stattdessen habe ich viele tiefe, schöne und berührende Erfahrungen mit mir selbst gemacht.

Zunächst: Wie müssen wir uns so einen Dunkelraum vorstellen?

Mein letztes Retreat fand im Haus der Naturtherapeutin Gertrud Niehaus statt, die mich dabei begleitet hat. Ich hatte ein Zimmer mit Bett, Tisch, einem Meditationskissen und einer Matte, ein Bad und einen Flur. Alles war vollständig mit dicken, schweren Vorhängen verdunkelt. Jeden Tag kam Gertrud für ein einstündiges Gespräch zu mir. Bei ihr konnte ich mir Rückmeldung holen, wenn ich nicht mehr wusste, wo ich gerade bin in mir selbst.

Waren Sie mal versucht, die Vorhänge zu lüften?

Im Gegenteil: Wäre irgendwo Licht reingekommen, wäre ich hingegangen, um den Spalt zu verschließen. Im ersten Retreat habe ich das erfolglos versucht, bis ich merkte: Das sind ja meine inneren Lichter.

Sie haben im Dunkeln innere Lichter gesehen?

Im ersten und zweiten Retreat noch nicht so stark. Da ging es vor allem noch darum, den Keller meines inneren Hauses aufzuräumen. Das habe ich auch ganz intensiv getan. 

Lagern dort die dunklen Seiten der Vergangenheit?

Genau. Auch das, was die Ahnen verdrängt haben, landet ja in unserem kollektiven Keller. Im Dunkelraum konnte ich zum Beispiel verstehen, warum ich so eine schwierige Beziehung zu meiner Mutter hatte. Sie war von ihren Gefühlen abgeschnitten, weil sie im Angstfeld des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen war und das nicht verarbeiten konnte. Ich stieß mit meiner Offenheit auf ihre Geschlossenheit, und wenn ich als Kind keine Verbindung zur Mutter aufnehmen kann, dann entsteht in mir eine Todesangst, die ich selbst auch nur verdrängen kann. Das meine ich mit Keller aufräumen: dass ich mich diesen Ängsten annähere und in Kontakt trete zu dem Kind in mir, das diese Angst hatte. Dann kann das Kind sich entspannen und loslassen, und das fühle ich in meinem ganzen Körper. Was ich als Kind ausgelagert habe, kann wieder rein, und ich bin in mir selbst wieder vollständiger.

Sie haben sich also Ihres inneren Kindes angenommen.

Die ersten Etagen meines inneren Hauses sind die Kelleretagen meiner Kindheit, und ab einem bestimmten Punkt, wo ich keine Erinnerungen mehr habe, sind die Etagen dunkel. Dass das Licht ausgegangen ist, hat mit schmerzvollen Momenten zu tun: Ich schalte mich aus, ich mache mich dunkel, ich fühle nichts mehr, und weil ich nichts mehr fühle, kann ich irgendwie weiterleben, aber ich funktioniere nur noch. Ich musste als Kind das Fühlen "abdrehen", weil keiner da war, der mich emotional begleitet hat, meine Eltern waren ja selbst blockiert. Im Dunkelretreat war ich wieder mit den schmerzhaften Gefühlen meines inneren Kindes konfrontiert, dabei konnte ich es halten und das Verdrängte nachträglich verarbeiten. Das ist der Moment, wo in der Etage das Licht wieder an ist, und dann geht es weiter in die nächste. Ich habe Etage für Etage das Licht angemacht. So kann man in Heilung kommen.

Und beim letzten Retreat war dann alles erleuchtet?

Da ging es dann schon ganz viel um die lichtvollen Ebenen. Also um die höheren Seinsqualitäten, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt, weil ich noch keinen Zugang zu ihnen hatte.

Was muss man sich unter "lichtvollen Ebenen" vorstellen?

Das sind emotional warme, stille, erhabene, unheimlich friedvolle, kraftvolle Ebenen, ein Gefühl von: Hier bin ich zutiefst zu Hause, hier ist bedingungslose Liebe, hier bin ich mit jeder Faser meines Seins angenommen. Ich muss nichts dafür tun, um geliebt zu werden. Da ist eine Weite, eine Offenheit, eine Wahrhaftigkeit, eine unendliche Güte, eine Weisheit und eine schöpferische Herrlichkeit. Das mögen alles Worte sein, aber das alles ist fühlbar. Und es ist sehr schön, das fühlen zu können.

Konnten Sie das Erlebte in den Alltag hinüberretten?

Ich tauche immer wieder in die inneren Prozesse ein und kann sie zunehmend in meinem Alltagsbewusstsein verankern. Was ich im Dunkelraum in den tiefen Schichten meiner Persönlichkeit erarbeitet habe, ist ja da – auch, wenn ich das im Alltag mal vergessen sollte. Die lichtvollen Ebenen sind wie eine Ressource, die mich durchs Leben trägt. Sie gibt mir auch in schwierigen Momenten Halt und Sicherheit, bis ich sie gemeistert habe und dadurch gewachsen bin. Ich habe das Gefühl, dass das innere Wachstum nie endet.

Heißt das, Sie begeben sich wieder in die Dunkelheit?

Ja, das nächste Mal will ich 49 Tage in die Dunkelheit wie die tibetischen Mönche. Ich möchte noch tiefere Seinsebenen erfahren, und dafür brauchte ich eine sehr lange Phase des Rückzugs vom Alltag.

Dunkelretreat: Diese Frau hat 62 Tage in absoluter Dunkelheit verbracht
© Reichel Verlag

Zur Person: Saskia John wurde 1961 in der ehemaligen DDR geboren und studierte dort Veterinärmedizin. Nach der Wende absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und arbeitet seit 1994 in eigener Praxis. Sie verbrachte insgesamt 62 Tage im Dunkelretreat und hat mehrere Bücher über ihre Erfahrungen geschrieben. Ihr neuestes Buch heißt "Im Dunkelretreat – 26 Tage Dunkelheit – Ein Bewusstseinsexperiment" (19,90 Euro, Reichel Verlag). Weitere Infos unter www.saskiajohn.de.

Brigitte

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