Egoismus: Wie viel ist zu viel?

Egoismus gilt als hochgradig unsympathisch – aber ist die Eigenschaft wirklich nur schlecht? Wir klären auf.

Egoisten mag niemand. Selbstsüchtige, ichbezogene Leute, die keine Rücksicht auf ihre Mitmenschen nehmen und sich ausschließlich für sich selbst interessieren – zugegeben, das klingt alles andere als sympathisch! Andererseits ist Egoismus bis zu einem gewissen Grade aber auch gesund ... Also wie gehen wir nun damit um? Wo liegt die Grenze zwischen gutem und schlechtem Egoismus? Das und vieles mehr beantworten wir jetzt!

Egoismus: Definition 

Der Begriff Egoismus leitet sich vom lateinischen Wort "ego" ab, dem Personalpronomen für die 1. Person Singular: "Ich". Allein von der Wortbedeutung bezeichnet Egoismus ein Weltbild, in dem das Ich im Vordergrund und an erster Stelle steht. (Witzig! Genau wie in der Liste unserer Pronomen ...)

Im Duden wird Egoismus noch etwas enger definiert, und zwar so:

  • Haltung, die gekennzeichnet ist durch das Streben nach Erlangung von Vorteilen für die eigene Person, nach Erfüllung der die eigene Person betreffenden Wünsche ohne Rücksicht auf die Ansprüche anderer.

Heißt also: Egoisten stellen ihre eigenen Interessen und Wünsche über die ihrer Mitmenschen.

Synonyme bzw. Begriffe, denen in unserem Sprachgebrauch zumindest eine ähnliche Bedeutung wie Egoismus zugeschrieben wird, sind zum Beispiel:

  • Selbstsucht
  • Ichsucht
  • Eigenliebe
  • Eigennutz
  • Ichbezogenheit
  • Narzissmus

Das Gegenstück zum Egoismus bildet der sogenannte Altruismus, abgeleitet vom lateinischen Wort "alter", also "der andere". Er bezeichnet im engeren Sinne eine Haltung, bei der "der andere" im Vordergrund steht, und im weiteren Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit.

Sympathische Frau

Egoismus liegt uns in der Natur

Auch wenn die Begriffsdefinition Antipathie und Abneigung gegenüber Egoisten vermutlich nur noch verstärkt, sollten wir uns hüten, Egoismus grundsätzlich zu verurteilen. Denn:

  • Wenn wir morgens aufwachen, fühlen wir als erstes, wie es uns geht.
  • Wenn wir unsere Bedürfnisse ignorieren, sind wir diejenigen, die verdursten.
  • Wenn wir unsere Interessen nicht verfolgen – tut es niemand!

Wir alle sind Experten für das, was in uns vorgeht. Unsere eigenen Wünsche kennen wir besser als die unserer Mitmenschen – und besser als unsere Mitmenschen unsere Wünsche kennen. Egoismus liegt uns offenbar ein Stück weit in der Natur. Wie und vor allem wieso sollten wir unser Ich in unserem Leben, Denken und Handeln da bitteschön nicht in den Vordergrund stellen ...? 

Unsere Gesellschaft funktioniert nur mit Egoismus

Tatsächlich handeln oder denken wir in unserem Alltag und Leben viel öfter egoistisch, als manchen vielleicht bewusst ist:

  • Wir gehen (möglichst) pünktlich nach Hause und arbeiten nur so viel, wie vertraglich festgelegt.
  • Wir bezahlen im Supermarkt, wenn wir an der Reihe sind, und lassen nicht alle anderen vor.
  • Wir beschweren uns, wenn wir beim Italiener eine verkokelte Pizza serviert kriegen.
  • Wir erwarten und fordern von unserem Partner, dass wir genauso viel zurückbekommen, wie wir geben.

All das sind Beispiele für egoistische Verhaltensweisen, bei denen wir unsere eigenen Interessen über die der anderen stellen. Und würde uns dafür jemals jemand verurteilen oder unsympathisch finden? Nein. Weil es richtig ist und es jeder so macht.

In unserer Gesellschaft wird vorausgesetzt, dass Menschen, die dazu in der Lage sind, sich um sich selbst kümmern und dafür sorgen, dass es ihnen gut geht – sich also egoistisch verhalten. Verständlich, denn nur wem es gut geht und wer versorgt ist, kann auch einen Beitrag leisten, z. B. Kinder großziehen, arbeiten, Steuern zahlen, Klamotten, Handys und Proteinriegel kaufen. Insofern ist Egoismus aus gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht die einfachste und effizienteste Methode, um alles am Laufen zu halten – und somit sicherzustellen, dass es allen möglichst gut geht.

5 Argumente für Egoismus

Auch auf der persönlichen Ebene ist Egoismus eher eine unverzichtbare als verwerfliche Eigenschaft. Denn nur wer egoistisch ist, kann ...

1. ... für andere Verständnis haben.

Wer selbst egoistisch handelt, kann besser einordnen und verstehen, wenn andere Menschen egoistisch sind – sofern diese Person auch noch selbstreflektiert und klug ist. Daher tun sich egoistische Leute letztendlich sogar leichter, die Bedürfnisse anderer zu tolerieren und rücksichtsloses Verhalten zu verzeihen. 

2. ... den eigenen Weg verfolgen

Wir kämpfen zwar nicht mehr gegeneinander ums Überleben, aber dennoch ist unsere Gesellschaft geprägt durch Konkurrenzdenken und Wettbewerb (z. B. auf dem Arbeitsmarkt oder auch bei der Partnersuche). Würden wir da nicht uns selbst an erste Stelle setzen, kämen wir nicht voran. Außerdem richten wir uns alle unser Leben größtenteils (hoffentlich) so ein, dass es uns gefällt: Wir wählen einen Job aus, den wir mögen, wohnen dort, wo es uns gefällt usw. … Ohne eine gesunde Portion Egoismus täten wir das nicht.

3. ... Selbstbewusstsein entwickeln

Sich durchzusetzen und an erste Stelle und dann zu merken, dass das völlig okay ist, stärkt das Selbstwertgefühl und die Persönlichkeit. Ohne Egoismus wären wir von anderen abhängig und würden unser Ich unterdrücken – klar, dass sich so kein stabiles Selbstbewusstsein heranzüchten lässt.

4. ... für andere da sein

Wie sollte jemand, der nicht einmal für sich selbst sorgen kann, für andere da sein? Wer die eigenen Bedürfnisse immer zugunsten anderer Menschen zurückstellt, kommt unweigerlich zu kurz, sofern sich nicht jemand anderes um ihn kümmert (was, wie wir gesehen haben, nicht so effizient ist, wie wenn es jeder selbst macht). Außerdem können wir rein rechnerisch maximal so viel geben, wie wir haben ...

5. ... ein glückliches Leben führen

Keine Frage: Wir sind selbstverständlich glücklicher, wenn wir unsere Bedürfnisse befriedigen, als wenn wir sie aus Angst, egoistisch zu erscheinen, unterdrücken. Außerdem sind alle zuvor genannten Punkte Voraussetzungen für Glück – insofern ist Egoismus dafür in doppelter Weise unverzichtbar.

Warum hat Egoismus (trotzdem) so einen schlechten Ruf?

Obwohl all diese Überlegungen zu dem Schluss führen müssten, dass Egoismus eigentlich ganz nice ist, kommen wir nicht an der Tatsache vorbei, dass er einen äußerst schlechten Ruf hat. Und auch dafür gibt es gute Gründe.

1. Wir mögen keinen Egoismus, weil wir egoistisch sind

Einerseits führt unser eigener Egoismus dazu, dass es uns stört, wenn sich andere egoistisch verhalten – denn sobald jemand sich und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, stellt er uns mit unseren Interessen (aus seiner Sicht) an den Rand. Wir können uns zwar bemerkbar machen, wenn er droht, uns von der Klippe zu stoßen, doch dem Egoisten in uns genügt das nicht – er würde am liebsten auch für andere im Mittelpunkt stehen.

2. Wir mögen keinen Egoismus, wenn er ausartet

Andererseits kann Egoismus tatsächlich manchmal ausarten und Formen annehmen, die Menschen Grenzen überschreiten und andere unfair behandeln und benachteiligen lassen, beispielsweise in solcher Form:

  • Lügen und betrügen, um sich selbst zu bereichern
  • Fehler und Schuld auf andere schieben, um selber besser dazustehen
  • Intrigieren und ausgrenzen, um die eigene Position zu festigen

Solche Aktionen haben die meisten im Kopf, wenn sie an Egoismus denken. Daher ist es total verständlich, dass die Eigenschaft so negativ behaftet ist. Allerdings führt Egoismus nur dann zu solchen Verhaltensweisen, wenn noch weitere Persönlichkeitsmerkmale hinzukommen wie z. B.:

  • Mangelgefühl: Wer sich benachteiligt fühlt und meint, nicht genug (Aufmerksamkeit, Liebe, Anerkennung, Käsekuchen ...) zu bekommen, versucht das häufig zu kompensieren, indem er mehr für sich beansprucht, als er eigentlich braucht. Es wirkt, als wäre diese Person übelst egoistisch, doch in Wahrheit benimmt sie sich in erster Linie durch dieses Mangelgefühl wie ein A***.
  • Stress: Unter großem Druck und Stress haben wir schlicht und ergreifend nicht genug Energie, um neben uns noch andere wahrzunehmen, selbst wenn sie sich bemerkbar machen. Genau genommen kommt bei Stress auch unser eigenes Ich zu kurz, daher schreit es noch lauter und plustert sich noch mehr auf als sonst.
  • Minderwertigkeitsgefühl: Wer ein schwaches Selbstwertgefühl hat, versucht das häufig, mit überzogenem Egoismus und Geltungsdrang auszugleichen. Natürlich geht der Schuss meist nach hinten los, denn wer z. B. immer nur über sich spricht, bekommt von anderen automatisch weniger Aufmerksamkeit und Wertschätzung – weil sie denken, dieser Mensch hat's nicht nötig.
  • Empathielosigkeit: Leute, die nicht in der Lage sind, mit anderen mitzufühlen und sich in ihre Mitmenschen hineinzuversetzen, haben letztlich nur ihren Egoismus und nichts, das ihn ausgleicht. Sie können zwar lernen, sich angemessen zu verhalten, aber ohne emotionale Anteilnahme kann egoistisches Verhalten leicht ausarten.

Fazit: Wenn jeder zu seinem Egoismus steht, kann nicht viel schiefgehen

Wie wir gesehen haben, ist Egoismus grundsätzlich gar nicht so verwerflich und unsympathisch, wie er oft eingestuft wird. Wir alle sind in gewissem Maße egoistisch und solange wir uns dessen bewusst sind und für uns einstehen, d. h. zum Beispiel andere darauf hinweisen, wenn sie bei der Verfolgung ihrer Interessen uns den Weg abschneiden, funktioniert unser Zusammenleben. Außerdem haben wir Gesetze und ein Rechtssystem, die sicherstellen (sollen), dass niemand benachteiligt wird – also das Schlimmste verhindern (sollen), wenn mal jemand mit seinem Egoismus übers Ziel hinausschießt.

Das Entscheidende und etwas, das wir in Egoismus-Diskussionen oft vergessen, ist außerdem: Egoismus ist nur ein Charakterzug von Tausenden. Wer egoistisch ist, kann dabei auch noch mitfühlend, sensibel, romantisch, sozial engagiert und sogar rücksichtsvoll sein. Wir alle sind in der Lage, unser Verhalten zumindest ein Stück weit zu kontrollieren, egoistische Impulse zu hinterfragen und ihnen nur dann zu folgen, wenn es angebracht ist. Es sei denn, wir sind Mutter oder Vater – dann müssen wir bereit sein, unseren Egoismus für ein paar Jahre komplett an den Nagel zu hängen ...

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